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15. Jahrgang | Ausgabe 5422 | Nr. 176
Fachbeiträge für Bauingenieure » Nachgefragt bei
 
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Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst
 

Nachgefragt bei: Hermann Tilke

 

Dipl.-Ing. Hermann Tilke von der Tilke GmbH & Co. KG - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Bauingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...".

 

Dipl.-Ing. Hermann Tilke ...

Dipl.-Ing. Hermann Tilke ist geschäftsführender Inhaber eines eigenen Planungsbüros und durch den Bau von Rennstrecken international bekannt. Foto: Tilke GmbH & Co. KG Dipl.-Ing. Hermann Tilke ist geschäftsführender Inhaber eines eigenen Planungsbüros und durch den Bau von Rennstrecken international bekannt. Foto: Tilke GmbH & Co. KG

...führt gemeinsam mit Dipl.-Ing. Peter Wahl das nach ihm benannte Planungsbüro für Renn- und Teststrecken sowie damit verbundene Infrastrukturprojekte. Weitere Ingenieurleistungen des Büros Tilke umfassen Kart- und Clubstrecken, Krankenhäuser und Rehabilitationszentren sowie Bauten aus dem Sport- und Freizeitbereich und Stadtentwicklungsprojekte.

Neben dem Hauptsitz in Aachen befindet sich ein weiterer deutscher Standort im nordrhein-westfälischen Olpe. Für die überwiegend im Ausland umgesetzten Projekte sind im gesamten Firmenverbund durchschnittlich 200 Mitarbeiter weltweit tätig, wobei sich in den Ländern Abu Dhabi, Bahrain, Aserbaidschan und Mexiko dauerhafte Unternehmensstandorte befinden.

 

Herr Tilke, was fordert Sie gerade besonders in Ihrem Job?

Ich komme gerade aus Mexiko, wo wir nach zwei Jahren Bauzeit eine neue Formel-1-Rennstrecke fertig gestellt haben. Hier fand am Wochenende auch der erste Formal-1-Grand-Prix seit über 20 Jahren statt. Außerdem bauen wir aktuell in dem Land noch eine weitere private Renn- und Teststrecke.

Generell gehört das Reisen zu meinen beruflichen Hauptbeschäftigungen. Dies ist notwendig, um Neukunden kennen zu lernen, bestehende Beziehungen zu pflegen oder auch mal das ein oder andere Problem zu klären. In letzterem Fall geht es für mich mehr darum, meine Nase vor Ort zu zeigen. Alles andere können unsere Leute dort schon allein.

Für die Akquise von Aufträgen ist das Reisen ebenfalls unerlässlich. Hierbei merke ich, wie der Umgang und die Zusammenarbeit mit den örtlichen Ingenieuren gestaltet werden muss. Es ist ein ständig neues Draufeinstellen nötig. Diese Herausforderungen betreffen auch unsere Mitarbeiter, die sich flexibel an die jeweilige lokale Mentalität anpassen können müssen.

Ein gestiegener Testbedarf - aufgrund der immer komplexeren Technik moderner Autos - macht auch immer wieder neue Teststrecken notwendig. Nachdem man lange Zeit vieles nur am Computer getestet hat, profitieren wir nun von dem Trend zur Realuntersuchung.

Neben solchen Aufträgen, die wir derzeit unter anderem für Daimler in Immendingen realisieren, beschäftigen uns, als breit aufgestelltes Ingenieurbüro, aktuell beispielhaft die Errichtungen von mehreren Krankenhäusern in Abu Dhabi und Russland.

 

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Mein Vater war auch Bauingenieur, ich wusste also sehr früh schon, was das ist. Mir hat es seit der Jugend Spaß gemacht, selbst auf der Baustelle aktiv zu sein, andere Berufsfelder haben mich nie wirklich interessiert. Nach meinem Studium habe ich mich dann 1983 quasi am Küchentisch selbstständig gemacht. Das erste Projekt war eine Mülldeponie. Die Dinge haben sich entwickelt.

Heute werde ich in den Medien oft als Architekt bezeichnet. Mir wurden deshalb auch schon Abmahnungen von der Architektenkammer geschickt. Seitdem betone ich in Interviews ausdrücklich, dass ich Bauingenieur bin. Die Journalisten schreiben dann aber doch "Architekt", weil man, so die Begründung, sich darunter mehr vorstellen könne.

Das stimmt leider auch. Der Beruf des Bauingenieurs, seine Vielfältigkeit und Bedeutsamkeit werden schlecht vermarktet, sodass mit dem Begriff, anders als beim Architekten, kein Kind etwas anfangen kann.

Dabei wird es auch in Zukunft immer darauf ankommen, geplante Bauten auch umzusetzen. Der Mensch baut seit 1000 Jahren und wird es ewig tun. Zwar mag es Krisen geben, die auf einen gewissen Nachholbedarf hindeuten. Am Ende werden sie aber überwunden und es wird weiter gebaut.

Mit meinem Sohn, der erst vor kurzem in unser Unternehmen eingestiegen ist und ab dem nächsten Jahr auch Teil der Geschäftsführung sein wird, ist die dritte Generation meiner Familie im Bauingenieurwesen tätig. Als Generalunternehmer und durch das breite Leistungsspektrum meiner Firma ist mir um die Zukunft nicht bange.

 

Welche Wege gehen Sie in punkto Personalgewinnung?

Die Personalgewinnung ist tatsächlich nicht immer ganz einfach. Für uns als international tätiges Unternehmen sind Mitarbeiter wichtig, die flexibel arbeiten können. Dazu gehört unter anderem die Bereitschaft, für längere Zeit im Ausland zu leben.

An unserem Hauptstandort in Aachen pflegen wir einen engen Kontakt zur dortigen RWTH. Häufig entwickeln sich die Beziehungen zu neuen Mitarbeitern bereits durch deren frühe Beschäftigung in unserem Haus als studentische Hilfskräfte. Wir erhalten zudem regelmäßig Initiativbewerbungen mit der ein oder anderen interessanten Fachkraft dahinter.

 

Auf wen hören Sie beruflich?

Das sind in erster Linie meine Mitarbeiter sowie mein Geschäftspartner, mit denen ich im ständigen Dialog stehe. Innovative Lösungen findet man zudem nur, wenn man über den Tellerrand schaut und sich ständig an relevanten Fachdiskussionen beteiligt.

Ein Beispiel: Eine große Herausforderung bei unseren Projekten ist der sehr hohe Flächenbedarf. Daraus ergibt es sich, dass wir oft nur die Grundstücke erhalten, die schlecht bebaubar sind, weil die Gründung kompliziert ist, und die deshalb kein anderer haben will. In China haben wir beispielsweise eine Rennstrecke auf Styropor errichtet, nach einem Verfahren, dass aus Norwegen stammt.

 

In welche (Informations-)Technik investieren Sie wie viel?

Wir verfügen über eine eigene IT-Abteilung, die sich je nach Bedarf um solche Dinge kümmert. Wichtig ist für uns eine international gängige und anwendbare Software. Die Kosten hierfür belaufen sich auf etwa 250.000 bis 300.000 Euro jährlich.

 

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, deren Botschaften im Ausland sich nicht aktiv für die wirtschaftlichen Belange des eigenen Landes engagieren. Ganz anders höre ich es von den Amerikanern und Engländern, aber auch von Franzosen oder Holländern. Hier gibt es eigene Abteilungen in den Botschaften, die gezielt relevante Informationen über geplante Bau- und Infrastrukturprojekte des Gastlandes an ihre Unternehmen und Spezialisten im eigenen Land weitergeben.

Dieser Missstand bedeutet gerade für unser international tätiges Büro einen eindeutigen Wettbewerbsnachteil, da wir von manchem Projekt erst erfahren, wenn die Aufträge bereits verteilt sind. Das muss sich ändern. Die mir gegenüber zum Ausdruck gebrachte Einstellung eines deutschen Botschafters, man könne ja nicht gewährleisten, bei einer solchen Praxis auch niemanden zu vergessen bzw. zu benachteiligen, halte ich für absurd. Keiner kann duschen, ohne nass zu werden.

Von der beschriebenen Praxis würden auch in Deutschland vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen, die sich keine teuren Präsentationen auf allen einschlägigen internationalen Messen oder gar eine eigene Vertretung in jedem Land dieser Erde leisten können, profitieren.

Meine Kritik an der fehlenden Unterstützung des deutschen Mittelstandes durch die Politik ist darüber hinaus allumfassend.

 

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Was die Akquise und Umsetzung unserer Projekte angeht, vertraue ich im Allgemeinen auf ein learning by doing. Gleichzeitig schauen wir auf ähnliche Projekte und die Lösungen, die dort zum Erfolg geführt haben.

Persönlich ziehe ich den Kontakt zu meinen Kunden und Auftraggebern sowie die ungezwungene und spontane Diskussion mit Geschäftspartnern und Mitarbeitern dem Besuch von Fachveranstaltungen oder Fortbildungen vor.

Für bestimmte Dinge, wie z.B. Anpassungen und Änderungen des Baurechts, besuchen unsere Fachleute selbstverständlich regelmäßig entsprechende Kurse und Lehrgänge.

 

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Ich habe viele Interessen, dazu zählt unter anderem der Motorsport, der mich schon immer begeistert hat. Eine enge Beziehung zu meiner Familie gehört für mich ebenfalls zu den Prioritäten neben der Arbeit, besonders aktuell, da ich gerade Opa geworden bin.

 
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