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Alexander Stier (Stahlwerk Thüringen): Klimaneutraler Stahl ist kein bloßer Trend mehr

Veröffentlicht am: 3. Juli 2023

(Bezahlter Inhalt)

7 Fragen an Alexander Stier, Leiter Verkauf & Logistik der Stahlwerk Thüringen GmbH:


1. Herr Stier, seit 150 Jahren wird Stahl im Thüringer Unterwellenborn produziert. Wollen Sie unseren Lesern einige Stationen dieser Geschichte mitteilen und etwas über die heutige Situation Ihres Unternehmens verraten?

Ja, gerne. Ursprünglich hat man hier am Standort Eisenerz verhüttet und Stahl mit Hochöfen und Walzwerken produziert. 1992 wurden diese Hochöfen stillgelegt und ein modernes Elektrostahlwerk mit Stranggießanlage errichtet. Seitdem verwenden wir als Einsatzmaterial 100 Prozent Schrott und den schmelzen wir im Elektrolichtbogenofen ein.

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Bild 1: Die Stahlwerk Thüringen GmbH verfolgt mit ihrer SWT Green Steel Strategy die eigenen Nachhaltigkeitsziele. (alle Fotos / Abb.: Stahlwerk Thüringen GmbH)

In den Folgejahren haben wir dann alle Produktionsanlagen umfangreich modernisiert und unsere Produktpalette stetig erweitert. Die Eigentümer des Unternehmens wechselten mehrfach, doch seit 2012 gehören wir zur brasilianischen Gruppe CSN.

Aufgrund der aktuellen gesetzlichen Vorgaben sind ja nun alle Stahlhersteller angehalten, ihre Produktion klimafreundlicher zu gestalten. Da wir das schon lange getan haben, sind wir von der Stahlwerk Thüringen GmbH in Sachen Nachhaltigkeit um einiges voraus.

2. SWT Stahlwerk Thüringen Green Steel® ist die neue Produktlinie des Unternehmens. Wollen Sie etwas zur strategischen Bedeutung des SWT Green Steel sagen?

Als Unternehmen mit langjähriger Tradition übernehmen wir natürlich Verantwortung für kommende Generationen. Stahlwerk Thüringen produziert schon seit den 1990er Jahren nachhaltig. Klimaschutz und Reduzierung von CO2-Emissionen sind für uns kein Greenwashing, sondern waren und sind bis heute für uns ein großes, sehr konkretes Anliegen und Aufgabenfeld.

Mit dem Ziel, bis 2040 klimaneutral Stahl herzustellen, haben wir uns eine Strategie erarbeitet, um diese ambitionierte Vorgabe zu erreichen. Die vielen und umfangreichen dafür erforderlichen Maßnahmen fassen wir in unserer SWT Green Steel Strategy zusammen. So ersetzen wir Stück für Stück fossile Energieträger durch erneuerbare Energieträger, optimieren Prozesse im Unternehmen und bieten klimaneutrale Dienstleistungen. (siehe Bild 1)

3. In welchen Bereichen Ihres Produktionsablaufs sehen Sie das größte Einsparpotenzial für fossile Energien und in welchem Umfang kommen dabei Erneuerbare Energien ins Spiel?

Wie oben schon angedeutet, produzieren wir Stahl in der aktuell umweltfreundlichsten Art und Weise: durch den Einsatz von 100 Prozent Schrott. Die größten Energieverbraucher sind natürlich auch bei uns die Öfen: der Elektrolichtbogenofen im Schmelzbetrieb und der Wiedererwärmungsofen im Walzwerk. Bei denen gibt es auch das größte Einsparpotenzial. Umso wichtiger ist es, genau hier die Menge an fossilen Einsatzstoffen zu minimieren und langfristig ganz zu ersetzen.

Seit Anfang 2021 kommt bei uns im Herstellungsprozess ausschließlich grüner Strom aus skandinavischer Wasserkraft zum Einsatz – und zwar garantiert durch Herkunftsnachweise. Noch dieses Jahr bringen wir die ersten PV-Anlagen auf Dächer von Werkshallen und weitere sind in Planung. Wir haben auch schon Projekte begonnen, mit dem Ziel Erdgas partiell durch grüne Elektroenergie – neben Wasserstoff – zu ersetzen. Zusätzlich modernisieren wir unsere Anlagen schrittweise für noch effizientere Prozesse.

4. Sie transportieren Ihre fertigen Produkte zu 72 Prozent mit der Bahn – eine spektakuläre Zahl. Welche Rolle spielt die Logistik für den grünen Anspruch Ihres Unternehmens?

Grüner Stahl braucht auch grüne Logistik – ganz klar. Stahlwerk Thüringen war das erste Stahl produzierende Unternehmen in Deutschland, das DB Cargo mit CO2-freien Transporten beauftragte. Diese fahren wir mittlerweile nach Belgien, Dänemark, Schweden und Österreich sowie in die Schweiz und Niederlande. Weitere Destinationen sind aktuell in Verhandlung.

Wie grün wir tatsächlich sind, weisen wir in der Web-Applika­tion unseres CO2-Bilanzierers aus. Unsere Kunden haben alle klimarelevanten Kennzahlen 24/7 zur Hand: für jede Tonne SWT Green Steel weisen wir die komplette CO2‑Bilanz aus. Da ist der Transport bis zum vereinbarten Lieferort inbegriffen.

Auch unsere unternehmensinterne Logistik modernisieren wir: langfristig soll Biodiesel bei LKWs zum Einsatz kommen und Verbrennungsmotoren stellen wir auf nachhaltige Technologien um – bei allen Fahrzeugen, Schrottfähren und auch Lokomotiven.

5. Durch Maßnahmen resultierend aus der SWT Green Steel Strategy sparen Sie aktuell, u. a. durch erneuerbare Energien, 290.000 Tonnen CO2 per anno ein. Gibt es da noch weiteres Potenzial und wo sehen Sie das primär?

Aktuell hat unser Stahl bereits einen sehr niedrigen EPD-Wert von nur 327 Kilogramm CO2e Emissionen pro Tonne Formstahl (siehe Bild 2). Zum Vergleich: bei Stahlwerken mit Hochofentechnologie sind es über 2.000 Kilogramm. Dennoch wissen wir, dass da noch mehr geht. Deshalb führen wir zahlreiche Studien und Projekte durch, um bereits bekannte Einsparpotenziale in Sachen Umsetzung zu analysieren, zu planen und zu implementieren, sowie zusätzliche Einsparpotenziale aufzudecken.

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Bild 2: SWT Stahlwerk Thüringen Green Steel® nur 327 kg CO2e Emissionen pro Tonne Formstahl (EPD gemäß ISO 14025 und EN 15804+A1)

Eine Studie hat z. B. aufgezeigt, dass wir durch Wärmerückgewinnung aus unseren Abgasströmen bis zu 100 Gigawattstunden nutzbare Wärmeenergie pro Jahr bereitstellen könnten. Eine andere Studie, die wir zusammen mit der Hochschule Nordhausen durchführen, untersucht das Thema Bio-Kohle. Durch die Nutzung von Bio-Kohle und Biogasen können Treibhausgas-Emissionen weiter reduziert und gleichzeitig die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden.

Unsere Erwärmungsprozesse werden wir langfristig durch zusätzliche Technologien und den verstärkten Einsatz von reinem Sauerstoff unterstützen. Und natürlich wird von uns das Thema Wasserstoff eingehend untersucht und dessen Einsatz vorbereitet: Wasserstoff wollen wir primär bei Erwärmungsprozessen einsetzen. Außerdem sind wir gerade dabei, unsere Unternehmensgebäude sukzessive energetisch zu sanieren, was wiederum den Energiebedarf senkt.

6. CO2-neutraler Stahl ist im größeren Teil des Weltmarktes noch kein Thema. Was erwarten Sie hier von der Politik an ausgleichenden Maßnahmen?

Klimaneutraler Stahl ist meiner Meinung nach kein bloßer Trend mehr. Immer mehr Stahlerzeuger bieten CO2-reduzierte Produkte an. Das Bewusstsein für globalen Umweltschutz wird eben immer größer und auch rechtliche Rahmenanforderungen in Europa und anderen Regionen der Welt werden verschärft. Um mit dieser Entwicklung mithalten und weiterhin wettbewerbsfähig bleiben zu können, bedarf es der Unterstützung von Seiten der deutschen Politik.

Die Modernisierung der Anlagen und der Umbau auf Wasserstoffnutzung ist mit hohen Kosten verbunden. Das ist kurz- bis mittelfristig nur mit staatlicher Förderung schaffbar. U. a. erwarten wir außerdem eine uneingeschränkte Förderung von Agri-PV-Anlagen – also PV-Anlagen, die auf landwirtschaftlichen Nutzflächen errichtet werden. Alle diese Anlagen haben aktuell noch einen deutlichen Mehraufwand in der Anschaffung gegenüber Freiflächenanlagen.

In Sachen Zulassung von Agrarflächen für Agri-PV oder Windkraftanlagen braucht es dringend erleichterte und verkürzte Verfahren. Generell geht es um einfache, beschleunigte und nach Größe priorisierte Genehmigungsverfahren für Anlagen zur Erzeugung und Nutzung von Erneuerbaren Energien – also weniger und kurze Offenlegungs- bzw. Einspruchsfristen und Zugang zu entsprechenden Förderprogrammen.

7. Welche Rolle spielt für Ihr Unternehmen die Ebene regionaler Politik trotz der internationalen Ausrichtung des SWT Green Steel?

Projekte mit regional erzeugter, erneuerbarer Energie erfordern natürlich die entsprechende Unterstützung der Regionalpolitik. Hier versuchen wir auch, die notwendigen Bereiche und Entscheidungsträger auf Kommunal- oder Landesebene an einen gemeinsamen Tisch zu bringen. Regional unaufschiebbare Themen der Dekarbonisierung und somit auch Standortsicherung müssen adressiert und Lösungen ausgearbeitet werden. Wir haben viele Ideen, die aktuell betrachtet und untersucht werden: so könnte Solarstrom auf landwirtschaftlichen Flächen rund um unser Werk erzeugt, Kooperationen für Windenergie umgesetzt und ein Wasserstoffnetzwerk errichtet werden.

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Bild 3 Die Nachfrage nach grünem Stahl steigt. Stahlkonstruktionen für das Naturhotel Wittelsbach, nachhaltige Landwirtschaft und Lärmschutzwände

Einer unserer Pläne ist es beispielsweise, unseren Mitarbeiterparkplatz mit PV-Anlagen zu überdachen und unseren Mitarbeitern ­E‑Ladesäulen bereit zu stellen. Diese Abgabe von selbsterzeugtem Strom müsste einfacher gestaltet werden, also ohne bürokratischen Aufwand. Bezüglich Windkraft müssen die regionalen Planungsgesellschaften bereits jetzt verpflichtet werden, zusätzliche Flächen für den Ausbau von Windkraftanlagen auszuweisen und nicht erst 2027. Dabei sind insbesondere solche Flächen zu berücksichtigen, die alle Zugangsvoraussetzungen erfüllen und für die Bebauung entweder durch die Kommunen oder örtlich ansässige Verbraucher angestrebt werden.

Herr Stier, haben Sie Dank für dieses Interview.

(Die Fragen stellte Burkhard Talebitari)

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Alexander Stier

  • geboren 1977
  • Diplomkaufmann FH Zwickau
  • 20 Jahre in Einkauf und Vertrieb im Automobil- und Stahlsektor
  • seit 2021 im Stahlwerk Thüringen