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Die Generation Z und das Bauingenieurwesen: Überlegungen zur Arbeitswelt

Verfasst von: Prof. Dr.-Ing. Markus Romani (Berner Fachhochschule)
Veröffentlicht am: 30. Okt. 2023
Kategorie:

Obgleich Menschen individuell sind, kann es Sinn machen, ihr durchschnittliches Verhalten in einer Gruppe zusammenzufassen. So werden Generationen z. B. durch Krieg, wachsenden Wohlstand, die Elterngeneration oder eben durchtechnische Entwicklungen wie z. B. die Digitalisierung geprägt.

Dieser Beitrag betrachtet die sogenannte Generation Z (Gen Z) im Kontext des Bauingenieurwesens und formuliert Gedanken zur Arbeitswelt.


Die Generation Z - die bekannte Unbekannte

Während die Babyboomer (geb. 1950–1964) nach und nach den Weg in den Ruhestand antreten, tritt mit der Generation Z (geb. 1995–2009) eine neue Generation ins Berufsleben ein. Sie ist nicht nur zahlenmäßig geringer als die austretende Generation der Babyboomer (Bild 1), sondern unterscheidet sich auch charakterlich sehr von allen Generationen zuvor. (Anm.: Einteilung nach [1], zum Teil erhebliche Abweichungen je nach Land und Weltregionen)

Alterspyramide
Bild 1: Alterspyramide der Bevölkerung in Deutschland 2023 [2]

Im Alltag der Bauwirtschaft berichten Vorgesetzte und Personalverantwortliche oft nicht nur über einen Mangel an Fachkräften, sondern auch von unterschiedlichen Vorstellungen der Arbeitskultur zwischen den Babyboomern bzw. der Generation X und der Gen Z. So lohnt sich ein Blick in die Generationenforschung mit einem anschließend erweiterten Blick auf das Bauwesen. Die Grundlage der Betrachtung bildet eine Studie zur Gen Z in [1].

Die Generation der Babyboomer ist geprägt durch Wirtschaftswachstum mit sich schnell verbessernden Lebensumständen. Gleichzeitig mussten sie sich beruflich gegen eine große Konkurrenz durchsetzen. Generation X verantwortet die derzeitige Arbeitswelt. Sie ist individualistischer als die Babyboomer und legt Wert auf einen hohen Lebensstandard. Beide blicken mit diesem jeweiligen Hintergrund auf die Gen Z [1].

Nach der Studie von R. Maas [1] werden im Folgenden ausgewählte allgemeine Aussagen zur Gen Z aufgelistet:

  • Angehörige der Gen Z sind selbstbewusst, u. a. da ihnen der demografische Wandel mit vielen Jobverfügbarkeiten bewusst ist und sie ein enges soziales Auffangnetz besitzen.
  • Sie definieren sich nicht über die Arbeit und versuchen ihr Leben zu genießen. Familie und Freunde sind ihnen wichtiger als Geld und Karriere.
  • Eine sich stark und schnell verändernde Welt verunsichert sie. Die Umwelt wird als hochkomplex empfunden. In der analogen Welt mögen sie daher Normalität und Mainstream.
  • Aufgrund der sich stets schnell ändernden Welt suchen sie beständig die beste Wahl. Diese zu treffen, beeinflusst auch die Wahl des Studiums und des Arbeitgebers, es könnte schließlich doch noch etwas Besseres kommen (Fear of missing out, kurz FOMO).
  • Gen-Z-ler übernehmen die Wertvorstellungen der Eltern. Sie grenzen sich nicht von ihnen ab wie frühere Generationen. Eltern sind oft ihre Berater, um die analoge Welt zu verstehen.
  • Sie sind mit einer digitalisierten Welt aufgewachsen und bewegen sich darin intuitiv. Die digitale Welt hebt Raum und Zeit für sie auf (Beispiele: Netflix, WhatsApp). Dies macht sie ungeduldiger für die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Anspruchshaltung beinhaltet, alles schnell und unkompliziert zu erhalten.
  • Die Gen Z baut sich eine eigene digitale Identität auf (z. B. mit Instagram), welche im Zeitverbrauch die analoge Welt verdrängt. So ist sie in der analogen Welt weniger handlungsfähig als frühere Generationen und bedarf dort mehr Unterstützung.
  • Anerkennung erfahren die der Gen Z Zugehörigen in der digitalen Welt z. B. durch das Posten von Außergewöhnlichem. Hiermit heben sie sich von anderen ab.
  • Sie sind Vollprofis in der digitalen Welt im Vergleich zu früheren Generationen. Sie können Inhalte sehr schnell sichten, filtern und bewerten. Fragestellungen werden zunächst digital verarbeitet.

In der gleichen Studie [1] werden Angaben zum Berufsverhalten der Gen Z gegeben:

  • Gen Z ist gewohnt zu bekommen, was sie möchte. Die Auswahl an Arbeitgebern ist schließlich groß genug.
  • Gute Bezahlung ist wichtig, aber nicht das Wichtigste – sie muss als gerecht empfunden werden. Ein gutes Arbeitsklima ist viel wichtiger.
  • Der Beruf muss mit dem Privaten, v. a. mit Familie und Freunden vereinbar sein.
  • Es werden feste Strukturen mit Abgrenzung Arbeit/Privat geschätzt.

Die studierte Generation X in Deutschland trat nach 13 Jahren Schulbildung (Gen Z: 12 Jahre), anschließend 1,5 Jahren Wehr- bzw. 2 Jahren Zivildienst (Gen Z: keinen) und einem Studium von 5 bis 6 Jahren (Gen Z: 3 Jahre Bachelor) ins Berufsleben ein. Diese etwa 5 Jahre weniger Lebenserfahrung führen zu mehr Unterstützungsbedarf beim Berufseintritt [1].

Bauwesen: Im Wettbewerb der Branchen

Das Bauingenieurwesen hat sowohl inhaltlich als auch für die eigene individuelle Entwicklung und Positionierung viel zu bieten. Von der Planung über die Bauausführung, Renaturierung im Wasserbau, Verkehrswesen, Wohnungsbau bis zu Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und noch viel mehr.

Auch ist es möglich, eigene Softskills in Fach- oder Führungsfunktionen mit passenden Rollen fast maßgeschneidert einzubringen. Zudem findet Bauen im öffentlichen Raum statt und ist darin oft auch ein sichtbarer Dienst an der Gesellschaft. So sind auch sinnstiftende Aufgaben und Sichtbarkeit der eigenen Arbeit allgegenwärtig.

Trotzdem wird das Berufsfeld Bauingenieurwesen im Wettbewerb mit anderen Branchen wenig gesehen bzw. nachteilig bewertet. Die Ursachen sind unter anderem folgende:

  • Kommunikation: mangelhaftes gesellschaftliches Ansehen in Kombination mit Unkenntnis der Aufgabenfelder des Bauingenieurwesens
  • Wertschätzung: hoher Leistungs- und Verantwortungsdruck bei oft nicht angemessen empfundener Vergütung und mangelnder Anerkennung der Gesellschaft
  • Vergütung: geringe finanzielle Attraktivität im Vergleich zu anderen Branchen
  • Komplexität: umfangreich erforderliche analytische Kompetenzen mit anspruchsvollen mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen
  • Modernität: wahrgenommener Konservatismus der Baubranche verbunden mit negativen Anhaftungen von Umweltzerstörung, Kostenüberschreitung und negativen Schlagzeilen

Das Bauwesen ist der Gen Z, wie den vorherigen Generationen, zu wenig bekannt. Es scheint zu wenig tauglich für die eigene Instagram-Story, denn es sollte für diese Generation digital wertvoll erzählbar werden und dadurch Ansehen und Anerkennung verschaffen.

Aufgrund zahlreicher eigener Beratungsgespräche mit der Gen Z zur Bewerbung des Berufsfelds Bauingenieurwesen besteht die erweiterte Wahrnehmung einer Suche nach Sinnstiftung z. B. über Themen wie Umwelt, Nachhaltigkeit und Gesellschaft, des Interesses an Digitalisierung als fachliches Zukunftsthema und bisweilen des Wunschs, in einer Arbeitstätigkeit angekommen zu sein.

In der Bauwirtschaft gehören die aktuellen Entscheider der Generation Babyboomer bzw. der Generation X an. Diese Generationen müssen zunächst anerkennen, dass die Gen Z anders als sie selbst ist und sich auf ihre Kultur einstellen. Sie sollten der Gen Z auch die besseren Möglichkeiten im Vergleich zur eigenen Arbeitsbiografie nicht neiden, sondern diese anerkennen und akzeptieren. Sie haben diese positiven Möglichkeiten für die Gen Z als Elterngeneration mit geschaffen.

Damit Arbeitsgeber im Bauwesen für die Gen Z attraktiv sind bzw. werden, sollten sie sich folgender Dinge bewusst sein:

  • Es wird von der Gen Z ein sehr gutes Arbeitsklima, z. B. flache Strukturen, wertschätzende, transparente Kommunikation und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, erwartet.
  • Flexibilität in den Arbeitsbedingungen wird gerne gesehen, um z. B. nach Projektende eine kurze Auszeit für eine Reise zu nehmen oder für Familienzeit reduziert arbeiten zu können. Dies sollte in der Planung der Projektbearbeitung berücksichtigt werden.
  • Ein Berufsumfeld mit strikter Abgrenzung zum Privatleben hilft der Gen Z, ihre Bedürfnisse nach Privatleben und einer überschaubaren analogen Welt zu erfüllen. Plötzliche Überstunden, weil Probleme auf der Baustelle auftreten, oder Verfügbarkeiten außerhalb der Arbeitszeit, z. B. für kurze Rückfragen, sind unerwünscht. Ihr Motto ist: Arbeiten, um zu leben – nicht leben, um zu arbeiten.
  • Die geringere Lebenserfahrung beim Berufseintritt im Vergleich zu früheren Generationen erfordert eine zugewandtere Einarbeitung. Dies kann durch frühe berufliche Förderung erfolgen, z. B. durch gute Praktika und Tätigkeiten als Werkstudierende bzw. nach dem Berufseintritt durch Mentor: innen.
  • Aus der geringeren Lebenserfahrung beim Berufseintritt ergibt sich der Wunsch, Verantwortung im Team zu kompensieren. Oft komplexe Bauaufgaben sollten deshalb ggf. weg von Einzelverantwortungen hin zu Teamstrukturen überführt werden.
    Selfie
    Charakteristisch: Die Generation Z möchte ihre digitale
    Identität durch den Beruf in ihren sozialen Netzwerken
    aufwerten. Foto: Tommy Igiel / Pixelio
  • Eine konsequente Digitalisierung der Arbeitsprozesse inkl. der Kommunikationsstrukturen hilft nicht nur, die besonderen Fähigkeiten der Gen Z im digitalen Bereich voll nutzbar zu machen, sondern lässt sie auch in ihrer bevorzugten Art und Weise arbeiten. Dies bedarf einer Kultur der Digitalisierung in den Planungsbüros und ist gleichzeitig für die Baubranche eine Chance zur Effizienzsteigerung im Kontext des Fachkräftemangels.
  • Da die digitale Welt für die Gen Z selbstverständlich ist, setzt sie voraus, dass auch die Kolleg:innen kompetent in der digitalen Welt sind. Dies erfordert ggf. Schulungen der anderen Generationen im Unternehmen.
  • Im Selbstverständnis einer digitalen Welt mit steter Verfügbarkeit von allem jederzeit müssen Arbeitsabläufe klar, flexibel und zeitnah angelegt sein. Kommunikationsstrukturen, Sitzungs- und Datenmanagement müssen flexibles, hybrides und digitales Arbeiten im Team an den Projekten ermöglichen und sich an beständig entwickelnde digitale Möglichkeiten anpassen.
  • Die Vergütung im Bauingenieurwesen muss den Aufgaben und der Verantwortung im Vergleich zu anderen Branchen angemessen sein und so wahrgenommen werden. Die GenZ kann schnell digital nachprüfen, wie die Vergütung woanders ist.
  • Projekte und Aufgaben sollten den individuellen Fähigkeiten und Interessen entsprechen, sodass auch eine persönliche und fachliche Weiterentwicklung z. B. in neuen digitalen Techniken, Fachthemen, Baumethoden oder im Verantwortungsrahmen möglich ist. Falls dies nicht geboten wird, bietet es ein anderer Arbeitgeber.
  • Anerkennung sollte auch ermöglicht werden, indem die Gen Z ihre digitale Identität durch den Beruf in ihren sozialen Netzwerken aufwerten kann. Dies ist oft verbunden mit der Sinnstiftung und kann z. B. durch Mitwirkung an Bauprojekten mit besonderem gesellschaftlichem Status, sozialem Renommee, Umweltschutz oder technischen Herausforderungen erfolgen.

Nach Gen Z wird die Generation Alpha auf den Arbeitsmarkt drängen. Diese Generation wird bis auf einen Unterschied ähnlich sein wie ihre Vorgängergeneration.

Während die Gen Z komplett in der digitalen Welt aufgewachsen ist, wird die Generation Alpha die erste Generation sein, die komplett von sozialen Medien wie Instagram, TikTok etc. geprägt ist. Dies wird weitere neue Herausforderungen mit sich bringen, auch für das Bauwesen [1].

Das Bauingenieurwesen hat der Gen Z viel zu bieten. Es gilt dies in der Reizüberflutung und der Vielfalt an Möglichkeiten der Gen Z gut zu kommunizieren und sich an sie anzupassen.

(Dieser Beitrag ist in der Ernst & Sohn Sonderpublikation "Attraktive Arbeitgeber im Bauingenieurwesen" im November 2023 in gedruckter Form erschienen.)


Literatur:

[1] Mass, R. (2023) Generation Z für Personalmanagement und Führung: Ergebnisse der Generation-Thinking-Studie. 2. Aufl., München: Hanser Verlag.

[2] Statistisches Bundesamt (2023) 15. koordinierte Bevölkerungsrechnung für Deutschland [online]. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2023 [Zugriff am: 7. Juli 2023]