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Im Gespräch mit Michael Braungart (Cradle to Cradle): Weniger schlecht ist noch lange nicht gut

Verfasst von: Redaktion
Veröffentlicht am: 24. Okt. 2023
Cradle
Michael Braungart veröffentlichte 2002
mit William McDonough das Buch
Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things

Michael Braungart ist Umweltchemiker und hat zusammen mit dem Architekten William McDonough Cradle to Cradle entwickelt. Das übliche Umweltschutz-Credo lautet, durch reduce, reuse und recycle (reduzieren, wiederverwerten, recyceln; Anm. d. Red.) mit weniger mehr zu erreichen.

Damit wird laut Braungart aber nur das Falsche verbessert. Mit Cradle to Cradle könnten wir stattdessen überlegen, was gut für uns und unsere Umwelt ist, also ökoeffektiv statt nur effizient werden. Bernhard Hauke (nbau - nachhaltig bauen) hat mit Michael Braungart über Cradle to Cradle und das Bauen gesprochen.

Das Cradle to Cradle gilt als eine der Grundideen der Kreislaufwirtschaft. Was ist Cradle to Cradle?

Michael Braungart (MB): Cradle to Cradle geht über die Kreislaufwirtschaft weit hinaus, die ja bedeutet, Bestehendes wieder neu einzusetzen. Das ist aber nichts anderes als lineares Denken im Kreis.

Cradle to Cradle hingegen ist ein Gestaltungsprinzip, nach dem alles so entworfen wird, dass es nützlich ist und nicht nur weniger schädlich. Alle Dinge, die verschleißen, wie zum Beispiel Schuhsohlen, Bremsbeläge oder Autoreifen, werden so gestaltet, dass sie in biologische Systeme zurück gelangen können und dort nicht nur nicht giftig sondern nützlich sind.

Wie wäre es, Gebäude zu machen, die Luft oder Wasser reinigen, die Lebensraum für andere Lebewesen schaffen? 

Alle Dinge, die nur genutzt werden, wie Waschmaschinen, Fernseher oder Computer, werden wiederum so gestaltet, dass sie technisch nützlich sind. Es entsteht kein Abfall, sondern alles ist Nährstoff. Auf diese Art und Weise können wir den menschlichen Fußabdruck feiern anstatt ihn zu minimieren. Ein großer menschlicher Fußabdruck ist etwas Wunderbares, wenn er zu einem vitalen Feuchtgebiet wird.

Und wie können wir Cradle to Cradle im Bauwesen nutzen?

MB: Im Bauwesen bin ich zunächst einmal überrascht, wie einfach Gebäude beispielsweise im Vergleich zu Bäumen sind. Wie wäre es, Gebäude zu machen, die Luft oder Wasser reinigen, die Lebensraum für andere Lebewesen schaffen, Gebäude, die sich selber vervielfältigen können, die in der Lage sind, Boden zu schaffen, Gebäude, die hochkomplizierte Systeme synthetisieren, die nicht klimaneutral sind, sondern klimapositiv?

Das heißt, die Gebäude sind, im Verhältnis zu dem was die Natur kann, momentan extrem einfach. Das Bauwesen ist von größter Bedeutung, da über die Hälfte aller Materialflüsse und Energieflüsse letztlich mit dem Bauen zusammenhängen. Darum ist es entscheidend, dass das Bauwesen sich weiterentwickelt, dass das Bauwesen Cradle to Cradle wird.

Laut Adorno gibt es kein richtiges Leben im falschen. Sie sagen, es reicht nicht effizienter zu werden und negative Auswirkungen, wie CO2-Emissionen beim Bauen, zu reduzieren, sondern es muss vielmehr effektiv Positives angestrebt werden. Wie kann man das im Bauwesen umsetzen?

MB: Traditionell glaubt man, man würde die Umwelt schützen, wenn man sie etwas weniger zerstört. Fahre mit dem Fahrrad, reduziere den Wasserverbrauch, mach weniger Müll, schütze die Umwelt, das steht in jedem Hotel zum Beispiel. Das ist aber kein Schutz, das ist nur weniger Zerstörung. Das wäre so, als wenn ich mein Kind fünfmal schlage statt zehnmal und sage, ich würde Kinderschutz betreiben.

Es geht vielmehr darum Dinge zu machen, die nützlich sind. Wenn man das Bestehende optimiert und das Bestehende ist falsch, wird es dadurch nur gründlich falsch. Das heißt, wenn man das Falsche perfekt macht, wird es nur perfekt falsch. Wir müssen also zuerst fragen, was das Richtige ist. Nicht Effizienz ist das erste, sondern Effektivität, also zu fragen, was möchte ich wirklich erreichen, wo möchte ich wirklich hin?

Insgesamt war die Artenvielfalt in der DDR viel höher als in Westdeutschland, einfach durch Ineffizienz.

Wenn ich in Hamburg bin, hilft es mir nicht, effizient nach Kopenhagen zu gehen, wenn ich doch eigentlich nach München möchte. In dieser Logik hat die DDR die Umwelt viel besser geschützt als der Westen – einfach durch Ineffizienz. Sie konnten die ganzen Feuchtgebiete nicht zerstören, weil sie nicht das Geld dazu hatten. Man hat zwar punktförmig hohe Belastungen verursacht, aber insgesamt war die Artenvielfalt so viel höher in der DDR als in Westdeutschland, einfach durch Ineffizienz. Darum ist es wichtig zu fragen, wie können wir nützlich sein und nicht weniger schädlich, denn dann optimieren wir die falschen Dinge.

Ich war zum Beispiel unlängst in Ägypten, um mehrere wissenschaftliche Arbeiten zu betreuen. Dort liegt meterhoch Plastik herum. Es ist aber das "falsche" Plastik, so dass es sich nicht lohnt, es zu recyclen. Das Waschen kostet dreimal mehr als der Wert dieses Plastiks, denn da sind zum Beispiel fünf Prozent PVC dabei. Und dann machen diejenigen, die Effizienzsteigerung betreiben, die Plastikverpackungen noch etwas leichter. Dann lohnt es sich umso weniger sie einzusammeln, das heißt man optimiert die falschen Dinge.

Wie können wir das auf das Bauen übertragen?

MB: Wir müssen zuerst fragen, wie wir Gebäude machen können, die den anderen Lebewesen dienen und nicht nur den Menschen. Sonst kommen wir nur auf die Idee, unseren Einfluss zu minimieren, aber dafür sind wir zu viele Menschen auf der Welt. Wir müssen lernen, für die anderen Lebewesen gut zu sein und nicht weniger schädlich.

Und das heißt, dass wir Gebäude machen, die die Artenvielfalt unterstützen. Wenn wir zum Beispiel Land nutzen, sollten wir zuerst eine Bestandsaufnahme der bestehenden Arten machen und uns mit den lokalen Umweltgruppen darauf verständigen, welche Arten besonderen Schutz bedürfen, zum Beispiel der Mauersegler, die Uferseeschwalbe oder auch bestimmte Pflanzen, und die werden dann durch das Gebäude zusätzlich unterstützt.

Das Bauen ist so primitiv im Sinne von einfach was die Umwelt und die Gesundheit angeht, dass man eigentlich nur staunen kann. Die Luftqualität in den meisten Gebäuden ist drei- bis achtmal schlechter als schlechte städtische Außenluft. 40 Prozent der Häuser bei uns haben Schimmel, Asthma ist eine häufige Kinderkrankheit.

Kreislaufwirtschaft ist wie Riesenradfahren: Man kommt immer wieder an derselben Stelle an. 

Und was tun wir? Wir versuchen energieeffizient zu sein, das heißt wir versiegeln die Gebäude, machen sie gasdicht. Damit optimieren wir aber das Falsche, statt erstmal zu fragen, was gesunde Luft im Gebäude ist. Dafür müssten Gebäude völlig anders zusammengesetzt werden.

Auch sollte in Gebäuden kein Kupfer mehr verwendet werden. Wir können tatsächlich lernen, Gebäude zu machen, in denen kein Kupfer mehr vorkommt. Wir brauchen das Kupfer für die E-Mobilität. Auch brauchen wir Gebäude, in denen es kein PVC gibt, da es sonst immer ein Umweltproblem darstellen wird. Das ist der Negativausschluss. Das Kupfer für Gebäude und die Elektromobilität ist einfach nicht da. Früher hatte Kupfererz 35 Kilogramm Kupfer pro Tonne, heute sind es noch ein bis zwei Kilo pro Tonne.

Wir brauchen also im Design der Gebäude völlig andere Gestaltungsprinzipien. Da hilft uns die Kreislaufwirtschaft nicht sehr viel. Hier ist es wie beim Riesenrad, man kommt immer wieder an derselben Stelle an. Dieses Denken ist sogar innovationsfeindlich, weil wir auf diese Art und Weise ständig mit denselben Materialen konfrontiert sind. Heute muss es ein Auto sein, morgen ein Bauteil von etwas ganz anderem.

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Michael_Braungart
Prof. Dr. Michael Braungart Foto: DNP

Michael Braungart (geb. 1958)

  • Studium Chemie und Verfahrenstechnik an der Universität Konstanz
  • TU Darmstadt; 1985 Promotion Fachbereich Chemie LU Hannover
  • 1985 - 1987 Leiter Chemie Greenpeace Deutschland
  • 1987 Gründung Environmental Protection Encouragement Agency – EPEA Hamburg
  • seit 1994 Professor für Stoffstrommanagement, später Ecodesign an der Leuphana Universität Lüneburg
  • 2002 mit William McDonough Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things
  • seit 2008 Professor für Cradle to Cradle an der Erasmus-Universität Rotterdam
  • 2022 Deutscher Nachhaltigkeitspreis für das Lebenswerk