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No more Bullshit - Fachkräfte im Bauwesen wollen sinnvoll beschäftigt sein

Verfasst von: Prof. Dr.-Ing. Markus Romani (Berner Fachhochschule)
Veröffentlicht am: 15. Mai 2024
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Der britische Ökonom und Philosoph John Maynard Keynes prognostizierte im Jahre 1930, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aufgrund des technologischen Fortschritts bis zum Jahr 2030 auf 15 Stunden sinken werde. Heute, gut fünf Jahre vor dem fraglichen Zeitpunkt, stellt sich die Frage, warum wir uns dieser Prognose, trotz steter Weiterentwicklung von Maschinen, Prozessen, der Informationstechnologie und der Möglichkeiten des Internets in der Breite der Gesellschaft nicht annähern.

Einen möglichen Ansatz liefert David Graeber [1] mit dem Gedanken, dass das Plus zu diesen 15 Stunden Wochenarbeitszeit aus unnützen Bullshit-Tätigkeiten, also unsinniger Beschäftigung, bestehe, welche bisweilen gar zu ganzen Bullshit-Jobs führten. Graebers Arbeitsdefinition eines Bullshit-Jobs lautet [1]:

  • Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.

Diese Definition lässt sich gewiss auch auf einzelne Tätigkeiten in sinnvollen Jobs herunterbrechen. Die Mischform eines Jobs aus sinnvollen und Bullshit-Tätigkeiten macht dessen Einstufung insgesamt sicher schwieriger. Manche Branchen, wie zum Beispiel das Finanzwesen, aber auch Positionen in Führungsebenen scheinen anfälliger für Bullshit-Jobs [2] bzw. -Tätigkeiten zu sein als andere. Dabei kann aber nicht nur die Branche, sondern auch das Arbeitsumfeld mit seiner sozialen Interaktion und ungünstigen Arbeitsbedingungen zu einer individuellen Wahrnehmung eines Jobs als sinnlos bzw. als Bullshit-Job führen [2, 3]. Sowohl die Branche als auch das individuelle Arbeitsumfeld bestimmen also die Wahrnehmung.

Zweifellos gibt es Branchen, die als das Gegenteil von Bullshit betrachtet werden können, wie etwa das Gesundheits- und Bildungswesen. Der Dienst am Menschen in einer gesundheitlichen Notlage und die Vermittlung von Bildung werden allgemein als wertvolle, sinnstiftende Tätigkeiten betrachtet. Doch auch hier ist trotz unbestrittener Sinnhaftigkeit ein Mangel an Fachkräften vorhanden. Die bloße Sinnhaftigkeit einer Branche ist also kein Garant für attraktive Arbeitsplätze und damit für eine ausreichende Anzahl an Fachkräften. Diese Feststellung gilt auch für das Bauwesen.

Auch hier ist die Sinnhaftigkeit angesichts der Abhängigkeit jedes Einzelnen innerhalb unserer Gesellschaft von gebauter Umwelt, darunter die Verkehrsinfrastruktur, Bauwerke zur Energiegewinnung und Wasserversorgung, Wohngebäude, Krankenhäuser u. v. m., unbestreitbar. Gleichwohl ist mit der Gewohnheit des Vorhandenseins und Funktionierens dieser gebauten Umwelt ihre Wertschätzung nicht gesellschaftlich verankert.

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Bild 1 - Zeitreise durch den Planungsaufwand. Karikatur: Klaus Stiglat [5]

Vielmehr wird das Bauen häufig durch andere, negative Zuschreibungen wie Belastungen für die natürliche Umwelt, individuelle Bauschäden, hohe Baukosten und Terminverzögerungen als gegen die Gesellschaft gerichtet wahrgenommen. Die Baubranche schafft es nicht, ihre Bedeutung ausreichend positiv in der Gesellschaft zu verankern. Dem Gesundheitswesen gelingt das bspw. besser. Nichtsdestotrotz muss auch das Bauwesen angesichts des demografischen Wandels attraktiver werden, um einerseits den beruflichen Nachwuchs für sich zu gewinnen und andererseits vorhandene Fachkräfte nicht zu verlieren.

Wie kann nun die Fokussierung auf potenzielle Bullshit-Tätigkeiten helfen, das Planen und Bauen für die Beteiligten attraktiver zu machen? Dazu muss zunächst der Status quo genauer betrachtet werden: Auf der individuelleren Arbeitsebene hört man in Gesprächen oft von anwachsenden Anforderungen an die Bauaufgabe, den immer komplexeren Planungsprozessen sowie einer umfangreicher werdenden Regelungs- und Informationsdichte [4].

Die an Planung und Bau Beteiligten empfinden die sich daraus ergebenden Aufgaben bisweilen durchaus als sinnlos. Die Bauaufgabe scheint sich damit stetig weg von der Kernaufgabe des technischen Planens und Ausführens hin zum Bearbeiten von umfangreicheren und komplizierteren administrativen Vorgaben, Daten- und Aktenmengen zu entwickeln. Klaus Stiglat hat diese Entwicklung in seinem Buch Apokalypse Bau [5] bereits 2010 sehr gut veranschaulicht (Bild 1).

Es ist also kein neuer, plötzlich einsetzender Trend, sondern vielmehr eine über Jahrzehnte gewachsene Kultur des Anwachsens von Anforderungen, Normierungen und Regulierungen. Die eigentlichen Ziele der Reduktion von Kosten, Steigerung von Effizienz und Qualität werden dabei selten im Nachgang der Maßnahmen auf Erfolg überprüft. In der individuellen Berufstätigkeit wird dieses Anwachsen nur im eigenen, aktiv erlebten Zeitabschnitt wahrgenommen und daraus bewertet.

Qualität des Wesentlichen – Signalgeber Generation Z

Der soeben geschilderte Befund lässt folgende Schlüsse zu: Sowohl die Baubranche als auch das Bauingenieurwesen müssen stärker als Dienstleister an der Gesellschaft und am Menschen wahrgenommen werden. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Baubranche kann nur durch sie selbst eingeleitet werden. Zusätzlich müssen die Arbeitgeber im individuellen Arbeitsumfeld Tätigkeiten mit attraktiven Bedingungen und Inhalten anbieten.

Die Beseitigung von Bullshit und damit die Förderung des Wesentlichen und Sinnstiftenden würde nicht nur eine Steigerung der Effizienz, sondern auch der Attraktivität des Arbeitsumfelds zur Folge haben. Die Digitalisierung von Aufgaben, die nicht zwangsläufig Bullshit, aber repetitiv und langweilig sind, kann die Attraktivität eines Arbeitsplatzes zusätzlich steigern.

Ein erfüllendes, sinnstiftendes Berufsumfeld ohne Bullshit-Aufgaben stellt ein Ideal der zu überzeugenden Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2012) dar. Doch der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit wird im Grunde von allen Generationen geteilt. Die beruflichen Aufgaben müssen dazu so attraktiv wie möglich sein und das Wachsen der persönlichen Fähigkeiten ermöglichen.

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Bild 2 - Ausufernde Hierarchiestufen. Karikatur: Klaus Stiglat [5]

Dadurch wird die individuelle Wirksamkeit des eigenen Tuns im Arbeitsalltag erfahrbar. Dies bedingt, dass Unternehmen ihre Fachkräfte in ihren Stärken und Schwächen kennen und bereit sein müssen, sie individuell zu fördern. Beides sind intuitive Forderungen der Generation Z an ihr Arbeitsumfeld, welche sie mit ihrer Marktmacht nun in die Berufswelt trägt.

Neben dem Inhalt einer Tätigkeit ist auch ihre zeitliche Ausgestaltung ein wichtiger Faktor der Attraktivität. Die industriell geprägten Generationen vor der Generation Z sind gewohnt, dass die Arbeitszeit durch den Arbeitgeber mit Aufgaben gefüllt und tageweise vergütet wird. Gibt es keine akuten, sinnvollen Aufgaben, so muss die Arbeitszeit in diesem Beschäftigungsmodell anderweitig und dabei mehr oder minder sinnhaft gefüllt werden.

Die Generation Z befreit sich von diesen vergüteten Arbeitstagen und möchte Arbeitszeit für ein sinnstiftendes Arbeitsprojekt an sich definieren. Das Projekt soll sich zudem in ihren Lebensrhythmus eingliedern, um im geeigneten Moment bearbeitet zu werden. Neben einer inhaltlichen Befreiung von Bullshit befreit sich die Generation Z also auch von der Ineffektivität zu füllender Tätigkeitslöcher in vom Arbeitgeber vergüteten Arbeitstagen. Etwas zu tun, wenn man es kann und bereit dazu ist, ist eine Form, es motiviert und effizient zu tun.

Die Generation Z kann man als Treiber eines besseren Arbeitsumfelds für alle Beschäftigen verstehen und in diesem Sinne als Signalgeber eines attraktiveren Arbeitsumfelds für die Baubranche.

Projektorientiertes Arbeiten bedarf einer hohen Kompetenz im Selbstmanagement. Ein Arbeitsprojekt und die dazugehörige Fachkraft müssen folglich zusammenpassen. Entscheidend ist also, nicht nur irgendeine Fachkraft für irgendeine Aufgabe einzusetzen, sondern jemanden aus einer Gruppe möglicher Fachkräfte auszuwählen, der eine bestimmte Aufgabe motiviert erfüllen möchte und kann.

Letztlich ist es das zuvor umschriebene Arbeitsumfeld, welches die Generation Z als umworbene Generation intuitiv sucht und sich im Branchenvergleich aktuell auch aussuchen kann. In diesem Selbstbewusstsein liegt wohl auch die Spannung zu den vorigen Generationen, die sich den Forderungen der ihnen gestellten Aufgaben und Strukturen angepasst haben, ohne diese unter dem Druck ihres Arbeitsmarkts zu hinterfragen bzw. sich ihnen entgegenstellen zu können. So könnte man die Generation Z auch als Treiber eines besseren Arbeitsumfelds für alle Beschäftigen verstehen und in diesem Sinne als Signalgeber eines attraktiveren Arbeitsumfelds für die Baubranche.

Eine neue bzw. angepasste Arbeitswelt hat nicht zuletzt auch Auswirkungen auf konventionelle Managementsysteme. Es bedarf hier weniger einer Top-down-Führung (Bild 2), sondern eher der sog. Humanocracy [6], in welcher kleine Gruppen agil und selbstbestimmt arbeiten. Auch dies kann als ein Abbau von Bullshit betrachtet werden, denn handlungsfähigere Teams bzw. Fachkräfte sind näher an ihren Aufgaben.

Sie können besser entscheiden, was sinnvoller zur Erfüllung einer Aufgabe nötig ist als ein entrücktes Management mit ggf. fachlich fernerer Ausrichtung. Führung wird dann im Rollenverständnis zum Coaching und kommt nicht nur den Fachkräften der Generation Z zugute.

Mehr Vertrauen und weniger Regelungen

Da Bullshit-Tätigkeiten oft an den Grenzen von Zuständigkeiten entstehen, z. B. durch Zentralisierung und Erhöhung der Regelungsdichte, können sie oft auch nur über Zuständigkeitsgrenzen hinweg abgebaut werden. Dazu braucht es einen besonderen Willen aller Beteiligten, über diese Grenzen hinweg auch etwas nicht geregelt zu haben, verbunden mit dem Vertrauen in Menschen und Gruppen und in ihre jeweilige Arbeit.

Es gilt, den Fähigkeiten und Meinungen des anderen zu vertrauen und ihm Handlungsspielräume zu ermöglichen. Dazu bedarf es der Bereitschaft einer sachorientierten, inhaltlich klaren Kommunikation an der Aufgabe. Die Bereinigung von Bullshit, das Beschränken auf das Wesentliche, die Nutzung von IT und die Flexibilisierung von Arbeitszeit könnten den Fachkräftemangel im Bauwesen mildern.

Die Marktmacht der Generation Z in Zeiten des Fachkräftemangels und ihre intuitive Anspruchshaltung bieten die Chance, lange nicht hinterfragte Muster in der Arbeitswelt aufzubrechen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und für alle eine attraktivere und effizientere Arbeitswelt zu schaffen. Branchen und Arbeitgeber, welche dies begreifen und umsetzen, werden nicht nur motivierte Fach- und Nachwuchskräfte gewinnen können, sondern auch allgemein attraktivere und effizientere Arbeitsstrukturen erhalten.

(Dieser Beitrag ist in der Ernst & Sohn Sonderpublikation "Attraktive Arbeitgeber im Bauingenieurwesen" im April 2024 in gedruckter Form erschienen.)


Literatur:

[1] Graeber, D. (2023) Bullshit Jobs. Stuttgart: Klett Cotta.

[2] Walo, S. (2023) ‘Bullshit’ After All? Why People Consider Their Jobs Socially Useless. Work, Employment and Society 37, No. 5. https://doi.org/10.1177/09500170231175771

[3] Winkler, S. (2023) In diesen Branchen gibt es die meisten Bullshit-Jobs [online]. WeltKOMPAKT. Berlin: Axel Springer Deutschland GmbH. https://www.welt.de/kmpkt/article246802934/Arbeit-In-diesen- Branchen-gibt-es-die-meisten-Bullshit-Jobs. html [Zugriff am: 2. März 2024]

[4] Motion 23.3008 (2023) Kostensparende Entschlackung der Standards im Bauwesen [online]. Bern: Kommission für Wirtschaft und Abgaben. https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20233008 [Zugriff am: 24. Februar 2024]

[5] Stiglat, K. (2010) Apokalypse Bau – Aus dem Alltag eines Bauingenieurs. Berlin: Ernst & Sohn.

[6] Hamel, G.; Zanini, M. (2020) Humanocracy. Harvard: Harvard Business Review Press.