Paul-Christian Max (AFRY): Wir bieten unseren Mitarbeitenden regelmäßige BIM-Sprechstunden an

Verfasst von: Redaktion
Veröffentlicht am: 27. Nov. 2023

(bezahlter Inhalt)

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Dipl. -Ing. (FH) Paul-Christian Max (Fotos / Abb.: AFRY)

Ein Gespräch über den AFRY-BIM-Standard, über "BIMetrix" sowie Nachhaltigkeit und Digitalisierung, über unterschätztes IFC und den Wert von Fehlern und über ein Credo... mit Paul-Christian Max, Digital Transformation Manager, Projektleiter, BIM-Koordinator, Abteilung Konstruktiver Ingenieurbau bei AFRY.


Herr Max, auf der AFRY-Homepage findet man in sehr klarer Struktur Ihr Verständnis von BIM und Digitalisierung mit einer Anzahl von Lösungen, die beeindruckt. Können Sie unseren Lesern erläutern, was es mit diesem stattlichen Angebot auf sich hat?

AFRY setzt bereits seit 2015 auf die BIM-Methodik in der täglichen Projektarbeit. Mittlerweile haben sich daraus jedoch schon drei digitale Anwendungsbereiche BIM, GIS und SUS mit den Unterstützungsmethoden BI und natürlich das große Thema KI herausgebildet.

Den alles verbindenden Kern unserer Aktivitäten bildet hierbei der AFRY-BIM-Standard, der einen sauberen Datenaustausch und eine automatisierte Weiterverarbeitung ermöglicht. Mittlerweile gibt es zu jedem der genannten Anwendungsbereiche eigene Teams, die je nach Bedarf einzeln oder gemeinsam digitale Einwicklungsthemen bearbeiten.

Wie kam es zu der eigenen Entwicklung des AFRY-BIM-Standards und was hat man sich genau darunter vorzustellen?

Ich denke jeder, der in einem Nicht-Hochbausektor plant, kennt das Problem oder die Aussage: "IFC* ist ja nicht vollständig definiert und kann daher nicht angewendet werden".

Bisher ist uns auch kein Auftraggeber bekannt, der uns diese für eine gute BIM-Planung nötigen Standard-Vorgaben für ein BIM-Projekt zu definieren vermag. Das wollten wir so nicht stehen lassen...

*IFC = Industry Foundation Classes (offener Standard im Bauwesen zur digitalen Beschreibung von Gebäudemodellen; Anm. d. Red.)

...und haben aus der Not eine Tugend gemacht.

Ja. Wir haben dann vor ca. drei Jahren einfach mal losgelegt, dieses Thema wenigstens AFRY-intern zu lösen. Das offene IFC-Datenschema bietet hier sehr viel Flexibilität, Kompatibilität und Gestaltungsspielraum. Den haben wir genutzt und als Orientierung verwendet.

BIM_GIS
*BIM = Building Information Modeling, *GIS= Geografische Informationssysteme, *SUS = Nachhaltigkeit (Sustainability), *BI= Business lntelligence, *Al= Artificial lntelligence (Künstliche Intelligenz)

Der AFRY-BIM-Standard definiert eine sinnvolle Verwendung der IFC-Datenstruktur für Bauwerke/Objekte (LoG*) mit fachlich nötigen Attributen/PSets (Lol*) und den ggf. zugehörigen Wertebereichen aus den vorliegenden Regelwerken sowie eine Referenzierung untereinander.

Zusätzlich ist hier die aus dem Hochbau stammende Hierarchie der IFC-Datenstruktur in sinnvoller Weise auch für alle anderen Gewerke wie Ingenieurbauwerke, Verkehrsanlagen oder Umwelt angewendet und harmonisiert worden.

*LoG = Level of Geometry, *Lol = Level of Information

Und was heißt hier "sinnvolle Weise"?

Wichtig war uns, das Rad nicht neu zu erfinden oder neue Klassifikationssysteme zu erzeugen, die alles nur noch komplizierter machen. Wir wollten einfach das vorhandene Wissen und die Standards in passende Schubladen packen. Um im Bild zu bleiben, haben wir ein Regal gebaut, das jeder verwenden und seine eigenen Modelldaten entsprechend einsortieren kann.

Ziel ist aber, dass jeder, der nach dem AFRY-BIM-Standard arbeitet, weiß, in welcher Schublade er welche Informationen finden kann. Und das gilt sowohl für alle Kolleginnen und Kollegen bei AFRY aus allen Gewerken auf lokaler und internationaler Ebene, als auch für alle interessierten BIM-Akteure außerhalb von AFRY, die den BIM-Standard über den kostenfrei und öffentlich bereitgestellten Download-Link gerne nutzen können.

Aus dem zu schließen, was auf Ihrer Homepage steht, hat der AFRY-BIM-Standard noch weitere Vorteile...

 Hat er, ja. Wenn ich die hier mal auflisten darf:

  • Open-BIM-Konformität
  • Kategorisierung der Modelle und damit klare Schnittstellen
  • In jedem Projekt anwendbar
  • Schwerpunkt Infrastruktur
  • Flexibel und offen für alle Bauwerke, Objekte und Gewerke
  • Unabhängig von IFC-Dateiformat-Versionen (2x3, 4.0, 4.3 etc.)
  • Datenstruktur ist global anwendbar und daher skalierbar
  • Spezifische Detaillierungsgrad-Beschreibung
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Bild 1. AFRY-BIM-Standard (links: berücksichtigte Regelwerke, Mitte: Auszüge aus Standard-Tabelle, rechts: Ergebnis als IFC-Modell)
  • Abgleich mit HOAI-Leistungsbildern
  • Abgleich mit Umweltplanung-Versiegelungskategorien
  • Standardisierung der Daten ermöglicht einen hohen Grad an Automatisierung
  • Anbindung an GIS möglich
  • Analysemöglichkeiten (BI)
  • Vorlage für Autoren-Tool-Einrichtung
  • Ausgangspunkt für weitere Anwendungsfälle (4D, 5D, 6D, .. . )
  • Modellprüfung und Qualitätssicherung

BIM und Nachhaltigkeit - oder SUS, wie das in Ihrer Struktur heißt: Was leisten BIM und Digitalisierung wirklich zu diesem Thema?

Nachdem wir bei AFRY die massiven Vorteile von sauberen und strukturierten BIM-Daten tatsächlich in der Praxis erprobt und gesehen haben, lag dieser Schritt klar auf der Hand. Wenn man ein Objekt filtern und einen Preis in Euro mitgeben kann, dann doch auch einen Wert für kg CO2e. Doch das ist nur die Daten-Input-Seite.

Nun haben Infrastruktur-Großprojekte ja schnell mal ziemlich umfangreiche Datenmengen...

Und ob! Deshalb ist es für uns im Grunde noch wichtiger, diese teilweise sehr umfangreichen Datenmengen bei Infrastruktur-Großprojekten schnell erfassen und ohne großen Mehraufwand analysieren zu können, also für die Projektarbeit hilfreichen Daten-Output zu generieren.

Bild_2_Afry_BIM
Bild 2. AFRY-BIM-Standard in Grafiken (links LoG Modellkategorien, rechts Lol-Attribute/ PSets)

Früher konnten wir uns für die Planung einer Brücke sechs Monate Zeit lassen, heute liegt der Bedarf in Großprojekten schon mal bei 150 Brücken in 1,5 Jahren. Diese erforderliche Prozessoptimierung können wir nicht durch mehr Ingenieurinnen und Ingenieure erreichen...

...die es ja beim allgemeinen Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt eh nicht gibt...

Genau. Und so lässt sich eine praktikable Lösung nur mit Digitalisierung, Standardisierung und der dadurch möglichen Automatisierung erreichen, dann läuft es wie beim Brezelbacken.

Für die Datenauswertung hilft uns vor allem die BI-Technik, wobei wir gerade beim Thema Nachhaltigkeit (wir haben uns AFRY-intern auf die Abkürzung "SUS" hierfür geeinigt) auf eine eigene 3D-Dashboard-Lösung setzen, die wir in die georeferenzierte Umgebung (GIS) platzieren und somit einzigartige und einfach verständliche Ergebnisdarstellungen erzielen können.

Für diese in Zusammenarbeit mit der HTWK Leipzig entwickelte Lösung "BIMetrix" läuft derzeit sogar ein Patentverfahren und einige reale Projekte zur CO2-Berechnung.

Mit dieser Lösung sind Sie ja sogar als BIM-Champion beim buildingSMART international Summit 2023 nominiert worden...

...worauf wir besonders stolz sind.

Kein Themenwechsel: SUS und graue Energie: Wie erreichen Sie die Visualisierung grauer Energie und was leistet sie für die konkrete Planung?

Man kann nur das verbessern und optimieren, was man sehen kann. Daher ist es uns im ersten Schritt sehr wichtig, die durch den Bau von jeglicher Infrastruktur oder Gebäuden entstehenden und sogenannten grauen Emissionen sichtbar zu machen.

Wie bereits erwähnt, arbeiten wir hier mit der AFRY-Lösung "BIMetrix" mit 3D-Dashboards (Säulendiagramm, siehe Bild 3), die auf ein gleichmäßiges Raster verteilt die in dem jeweiligen Rasterstück auftretenden CO2-Emissionen in einer entsprechenden Höhenskalierung aufzeigen. So sieht man je nach ausgewählter Unterkategorie (z. B. den LCA*-Phasen) gestapelt die Informationen, die man auswerten möchte.

BIMetrix
Bild 3: Mit der von AFRY entwickelten Methode "BIMetrix" lässt sich auf Basis von BIM-Modellen automatisiert eine CO2-Bilanzierung erstellen und visualisieren.

Emissionen von Bauwerken und Strukturen, die keine offizielle Post-Adresse haben, bekommen dadurch eine eindeutige Geo-Lokation, also einen Bezug zur Umgebung. Klassische 2D-Dashboards sind auf einem einfachen 2D-Hintergrund ohne geografischen Bezug und die auf dem Markt erhältlichen BIM-CO2-Tools färben lediglich ihre Bauwerke/Objekte nach den jeweiligen EPD*-Werten bzw. den Berechnungsergebnissen.

*LCA = Life Cycle Assessment, *EPD = Environmental Product Declaration

Sie sagen, dass das ab einer bestimmten Projektgröße nicht mehr hilft.

Das ist so, ja. Mit der AFRY-Lösung "BIMetrix" kann man das angesprochene Raster so wählen, dass es für jede Projektgröße passend ist. Ein Maß kleiner als 3 x 3 m ist jedoch für fast alle Anwendungen (bis zum Einfamilienhaus) als klein genug zu betrachten. Achten muss man hierbei nur darauf, dass, je kleiner das Raster ist, die Datenmengen desto größer sind.

Im Weiteren werden wir unseren Fokus u. a. auf die Optimierungswerkzeuge legen. Denn wenn man das Problem einmal sieht, will man logischerweise auch wissen, wie man nun damit umgehen soll.

Eine prinzipielle Frage, Herr Max: Lässt sich BIM implementieren im Unternehmen, oder ist "implementieren" nur ein Wort für eine auch in psychologischer Hinsicht viel komplexere Vorgehensweise? Welche Aspekte halten Sie hier für wesentlich?

BIM lässt sich natürlich in jedem Unternehmen implementieren. Aber das ist vermutlich immer eine sehr komplexe und individuelle Vorgehensweise. Wobei es keine Frage des "ob" sein sollte, wenn man am Markt weiterhin teilnehmen möchte.

BIM ist nun mal der aktuelle Planungsstandard, um den niemand herum kommen wird. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, des Budgets oder der Qualität, wie man sich dem Thema stellt.

Sie haben da ein Credo...

(lächelt) Ja, das lautete die letzten acht Jahre bei AFRY immer "Kommunikation schlägt Dokumentation!" Nach meiner Erfahrung hilft es im täglichen Arbeiten kaum, ob es tolle Anweisungspapiere gibt, wo alles detailliert und minutiös drinsteht.

Da fühlen sich studierte Ingenieur:innen sowie Architekt:innen nicht ernst genommen und in ihrer kreativen Freiheit eingeschränkt. Was aber geholfen hat, sind die vielen regelmäßigen Besprechungen und das "Darüber reden" in einer Art "AFRY-BIM-Sprechstunde".

Zu Dr. BIM ohne Versicherungskarte, ja?

(lacht) Menschen sind gewöhnungsabhängig und das heißt für mich, sie wollen selbstwirksam über alles reden, bevor sie neue Arbeitsweisen akzeptieren. Und dieser Gewöhnungsprozess bedarf guter Kommunikation und auch einer gewissen Entwicklungszeit des menschlichen Gehirns.

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Bild 4: Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die schnelle BIM-lmplementierung bei AFRY war die Aufstellung eines BIM-Teams als Vermittler zwischen Management und Projektteams.

Dazu gehören Wiederholungen von Themen, alle Beteiligten an einen Tisch (um andere Blickwinkel kennenzulernen), manchmal auch eine klare Entscheidung gegen Befindlichkeiten, das Austauschen von sachlichen Argumenten (keine persönlichen Aspekte) und eine wohlmeinende Fehlerkultur, die dankbar jede gefundene Schwachstelle aufgreift und verbessert.

Fehler werden immer noch in ihrem Wert unterschätzt, selbst fehlerhafte Daten, oder?

Ja, ganz klar! Gerade beim Aspekt Fehlerkultur habe ich festgestellt, dass sich viele Personen oftmals damit schwer tun, unfertige oder nicht ganz saubere Produkte zu erzeugen und diese auch noch transparent allen Beteiligten zur Verfügung zu stellen. Früher konnte man bis zur Abgabe einer Planung in seinem Kämmerlein vor sich hin planen und am Ende mit einem fertigen Produkt herauskommen. Das gibt es bei BIM-Projekten natürlich so nicht mehr.

BIM heißt immer auch gelebte Transparenz?

Ganz genau, und das braucht behutsame Formulierungen. Beim Thema Issue-Management (Stichwort BCF*) kann ich daher nur raten, die Dinge nicht bloß negativ, also dass was falsch ist, zu formulieren, sondern immer auch einen konstruktiven Anteil einzubetten, der beschreibt, was genau denn nun als Lösungsansatz zu tun ist. Das fühlt sich nicht so sehr nach öffentlichem Vorführen an für die betroffene Person.

*BCF = BIM Collaboration Format

Doch nochmal gefragt: Warum genau schlägt für Sie Kommunikation Dokumentation?

"Papier ist geduldig" heißt es ja so schön. Das bedeutet, dass Dinge, nur weil sie irgendwo stehen, nicht immer auch gleich von allen umgesetzt werden. Dazu kommt, dass es eine recht einsame Beschäftigung ist, sich durch alle Dokumente alleine durchkämpfen zu müssen. Das führt nicht gerade zu einer Motivation zum "richtig" Arbeiten und am Ende macht es doch jede/r wie er/sie es für richtig hält.

Und dann liest man auf Social Media "BIM ist tot".

Eben! BIM ist aber überhaupt nicht tot, die Methode wird nur leider häufig nicht gut umgesetzt. Wenn man miteinander redet, erfährt man in einer gemeinsamen sozialen Atmosphäre mehr über die Sichtweisen der anderen beteiligten Personen und am besten merkt man direkt, warum der eigene Anteil (meist durch BIM sogar ein gewisser Mehraufwand) für den Gesamterfolg im Projekt so wichtig ist.

Wenn das erfolgreich gelebt wird, führt das automatisch zu echter intrinsischer und nachhaltiger Motivation. Außerdem (lächelt) kann man mit einem Dokument keinen fachlichen Dialog führen oder Fragen stellen.

Wie kam es denn in Ihrem Unternehmen zur BIM-Sprechstunde und was passiert da?

Die "AFRY-BIM-Sprechstunde" ist ein regelmäßiger Abstimmungstermin mit den beteiligten Personen in einem Projekt oder einem Entwicklungsteam. Man kann hier Fragen stellen, neueste Entwicklungen vorstellen, Ideen einbringen, Schnittstellen koordinieren, Lösungen für Probleme finden und die Arbeitsweise nach dem BIM-Standard regelmäßig optimieren.

Es ist ja leider nicht so, dass ein neuer Prozess, selbst mit einer sinnvollen Lösung, sofort einfach und gut umgesetzt werden kann. Hier gibt es immer wieder Abstimmungsbedarf, den wir mit dieser AFRY-internen BIM-Sprechstunde abdecken.

Warum liefern Sie keine nativen Daten?

 (schmunzelt) Das fragen sich manche Auftraggeber sicher auch. Aber im Ernst, weil uns das Thema doch sehr wichtig ist. Wenn man zu der Forderung nach "nativen" Dateien die Frage stellt, warum oder wofür, dann erhält man oft die Antwort, dass die Daten in Zukunft weiterbearbeitet werden wollen.

Wenn man sich jetzt überlegt, was "in Zukunft" heißt, dann kann das schon mal noch 30 Jahre hin sein. Und wenn man dann sieht, wie schnell sich die sogenannten "proprietären" Formate auf dem Markt entwickeln (wenn es sie dann überhaupt noch gibt)...

...ich hab' noch ein paar Disketten zu Hause - fürs Museum...

(lächelt) Wir sehen schon AFRY-intern und nur nach zwei Jahren erhebliche Probleme mit diesem Ansatz. Zumal die Idee auch nur funktionieren würde, wenn man das gleiche Autorentool bedient, was über den Betrachtungszeitraum und zwischen vermutlich verschiedenen Firmen eher unwahrscheinlich ist.

Und für genau diesen gewünschten erleichterten, zuverlässigen, Software-unabhängigen und zeitlosen BIM-Daten-Austausch hat man im letzten Jahrtausend bereits die Idee eines offenen Formats gehabt, das IFC genannt wird.

Mit diesem Format können wir bis heute alte Dateien öffnen ohne weitere Probleme. Was man verlieren kann, ist die eventuell im Autorentool vorhandene Parametrik. Das sehen wir jedoch nicht als Problem, da es sich ja um fixe Bestandsdaten (As-Built-Modelle) handelt, die keiner Parametrik unterliegen.

Wenn wir dann mit einem neuen Auftrag etwas anpassen sollen, dann tun wir das in unserer AFRY-internen und aktuellen Software-Umgebung, ggf. mit parametrischen Funktionen, und ergänzen bzw. ändern die vorhandenen und importierten IFC-Dateien. So arbeiten wir heute auch schon mit extern erstellten Bestandsmodellen.

Ist es nicht auch so, dass es bislang keine offizielle und sinnvolle Definition von "nativ" oder "proprietär" gibt?

Zumindest ist uns nichts in dieser Hinsicht Überzeugendes bekannt. Diese Definition müsste eine Grenze enthalten, bis zu der man Autorentool-Daten liefern soll. Am Beispiel Revit bedeutet das folgendes Szenario: Soll man nur eine RVT-Datei liefern, in der lediglich die Geometrie mit Informationen, aber keine Parametrik enthalten ist?

Oder soll man auch die verwendeten parametrischen Revit-Familien im Original mitliefern? Was ist, wenn die Revit-Familien adaptiv erstellt wurden, soll man dann das verwendete Dynamo-Skript (ohne das man keine parametrische Änderung mehr machen könnte) zusätzlich mitliefern?

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Bild 5: AFRY-Mitglieder in den buildingSMART-Fachgruppen GIS (Matthias Kunz), SUS (Felix Hermann), BIM
(Paul-Christian Max).

Und zu guter Letzt die Frage, ob man nicht gleich die ganze Firmen-Bauteilbibliothek liefern müsste, damit man die vollumfängliche Parametrik ausspielen kann? Das kann aber juristisch gar nicht zulässig sein. Und so scheuen wir bei AFRY auch eine Auseinandersetzung auf diesem Wege nicht, sollte sich mal jemand dazu ermuntert fühlen. Am Ende gibt es sogar Autorentools wie Blender BIM, die eine "native" IFC-Bearbeitung ermöglichen, daher argumentieren wir, dass IFC alle Anforderungen an ein "natives" bzw. "proprietäres" Dateiformat und damit alle Kunden-Anforderungen erfüllt.

Und noch ein Kommentar dazu. Selbst wenn man nun "native" Daten übergeben hat und manche Auftraggebenden diese sogar "prüfen" wollen, dann stellt sich die Frage nach den Prüfkriterien. Logischerweise sind die im Autorentool verwendeten Bezeichnungen, Attribute und Strukturen der Daten oft ganz anders als im vereinbarten Lieferformat IFC. Es sind oft auch mehr Daten in einer Projektdatei enthalten und teilweise eine ganz andere Modellstruktur-Trennung, die zum Bearbeiten hilfreich war (Hilfsobjekte, Referenzen etc.), jedoch nicht eins-zu-eins zu den Lieferobjekten passt.

Wie soll man dann mit dem Prüfergebnis umgehen, wenn hier was nicht den Vorstellungen entspricht? Muss man dann den ganzen Bürostandard im Autorentool anpassen, bloß weil es einem Auftraggebenden in einem Projekt so nicht gefällt? Das ist aus der Sicht von AFRY nicht nur unzulässig, sondern völlig sinnlos und herausgeworfenes Geld.

Können Sie unseren Lesern verraten, was sich Ihr Unternehmen in etwa die Digitalisierung jährlich kosten lässt?

Wir sind nach einer anfänglichen Anlaufphase stabil auf einem hohen, mehrstelligen Betrag (für die deutsche AFRY-Geschäftseinheit "Transportation") angekommen.

Für AFRY ist das Thema keine einmalige Anschaffung und dann ist BIM "fertig", sondern eine regelmäßige Investition in die Entwicklung der Prozesse und Mitarbeitenden - und somit in die Zukunft des ganzen Unternehmens.

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Bild 6. Straßenbrücke über ein Gewässer in einem WNA-Projekt.

Mehr können wir neben der Projektarbeit personell letztendlich gar nicht leisten, weshalb es eine sich selbst begrenzende Investitionssumme geworden ist. Für das AFRY-Management bietet diese Erfahrung eine klare Risikoabschätzung und ist mittlerweile ein vertrauter Posten in der jährlichen Budgetplanung.

Thema CDE. Die gibt es im Dutzend billiger. Welche Bedeutung messen Sie dem Thema bei und in welchem Zusammenhang sehen Sie hier den digitalen Zwilling der ganzen Erde?

Zum Glück müssen wir uns als Ingenieursdienstleistungsunternehmen nur am Rande mit den CDE-Lösungen auseinandersetzen. Nämlich dann, wenn wir IFC-Dateien und andere Projektdaten für die Auftraggebenden hoch- bzw. runterladen.

Zum Glück?

(lächelt) Ja, und zwar deshalb, weil wir die Unzulänglichkeiten der Softwarelösungen durchaus wahrnehmen. Die haben aber keine Auswirkungen auf unsere AFRY-internen Prozesse. Hier muss dringend eine Verbesserung geschaffen werden, weil sonst die betroffenen Personen die Bedienung verweigern und die CDE nur als bessere DropBox, als bloßen Datenablageort verwenden.

Darüber hinaus fängt bei den CDE-Anbietern die Vorstellung meist erst mit dem Hochladen der IFC an. Aber was ist denn bis zum Erzeugen einer IFC? Hier benötigen die Planenden doch auch schon eine Datenumgebung. Wir haben uns AFRY-intern daher eigene Datenumgebungen geschaffen, aber eher aus der Not heraus und sicher nicht perfekt.

Leider funktionieren die CDEs alle als Datei-Ablageort. Dies ist in unseren Augen jedoch eine alte Verwaltungsweise. Modern und smart wäre ein Metadaten-Service mit reichlich Analyse- und Prüfprozess-Werkzeugen. Schön wäre hier, wenn sich in einem 3D-Viewer ein BIM-Gesamtmodell nach AFRY-BIM-Standard bzw. IFC-Struktur-Hierarchie aufbauen würde und man nicht nur die einzelnen Dateien aufgelistet sieht. Von den üblichen 3D-Viewer Performance-Problemen bei großen und georeferenzierten Infrastrukturprojekten mal ganz abgesehen.

Sie erwähnten da eine gewisse Idee...

Meine Vision ist schon lange eine offene digitale Erde als echter geometrischer digitaler Zwilling (analog zum Internet oder GoogleEarth), in die man alle seine Projektdaten hochladen kann. Anders ausgedrückt gehören alle BIM-Daten in eine GIS-Umgebung. BIM und GIS verstehen wir bei AFRY daher als "die Eltern" der digitalen Zwillinge.

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Bild 7: CDE-Workflow und Zuständigkeiten in üblichen AFRY-Projekten bei öffentlichen Auftraggebenden.

Mit dieser Idee könnte man alle Projekte aller Planenden öffentlich einsehen und Konflikte zwischen den Projekten sogar bis in die Zukunft erkennen. Auch Auswertungen für einzelne Länder, ganze Kontinente oder sogar die ganze Erde, was Bauvolumen, Kosten, CO2-Emissionen etc. angeht, könnte man hier heraus entnehmen.

Dazu kommt, dass die aufwändige und meist manuelle Bestandsmodellierung für einzelne Objekte nur einmal gemacht werden muss und dann allen zur Verfügung steht und nicht in jedem Projekt neu beauftragt wird. Die Herausforderungen, dies zu erreichen, sind immens (Stichwort Sicherheit, Datenhoheit, Cloud-Zugänge, Geolocation und 3D-Verzerrung etc.).

Alles richtige und wichtige Themen, oder?

Unbedingt, mir ist das bewusst. Aber man sollte das Thema mit vereinten Kräften angehen. Das bringt schließlich auch große Erleichterungen und Einsparungen mit sich. Leider passiert in der Praxis eher das Gegenteil, wenn man verfolgt, wie viele Auftraggebende und Institutionen versuchen, ihre eigene CDE-Lösung auf den Markt zu bringen.

Zum Schluss zurück zum Dauerbrenner IFC: Wie open ist Ihr Open-BIM-Ansatz in der Praxis?

AFRY ist Mitglied im buildingSMART Deutschland e. V. und hat firmenintern alle Automatisierungsprozesse auf standardisierten IFC-Daten aufgebaut. Insofern ist es für uns in der Praxis essenziell. Also gebe ich an dieser Stelle gerne ein klares Bekenntnis zu und eine deutliche Empfehlung für open BIM.

Herr Max, haben Sie Dank für dieses Gespräch.

(Die Fragen stellte Burkhard Talebitari; das Interview ist in gedruckter Form im Ernst & Sohn Special BIM 2023 in gedruckter Form erschienen.)

www.afry.com