Fachbeiträge & Interviews
Freitag, 02. Dezember 2022
Ausgabe 7774 | Nr. 336 | 22. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Die Relativität der Baupreise: Waren Elbphilharmonie und Co. wirklich so teuer?

# 07.10.2022

Aktuelle Wirtschaftskrise überdeckt frühere Debatten um öffentliche Großbauprojekte. Preise für Gewerbebauten und Straßen seit Jahrtausendwende rasant gestiegen. Gütegemeinschaft Betoninstandsetzung: Bauwerkserhalt schont öffentliche Kassen

Andere Gründe, gleiches Ergebnis: Öffentliche Bauprojekte werden immer teurer

Einst Anlass für große Debatten über horrende Baukosten, wirkt der letztliche Preis für die Elbphilharmonie in Hamburg heute vergleichsweise günstig. Foto: Werner Neunherz / Pixelio Einst Anlass für große Debatten über horrende Baukosten, wirkt der letztliche Preis für die Elbphilharmonie in Hamburg heute vergleichsweise günstig. Foto: Werner Neunherz / Pixelio

In der jüngeren Vergangenheit wurde jahrelang über explodierende Kosten bei öffentlichen Großbauprojekten diskutiert. Das scheint inzwischen lange her.

Heute geht es in der öffentlichen Debatte weniger um Fehlkalkulationen und Unzulänglichkeiten seitens des Bauherrn Öffentliche Hand. Viel gravierender und bisweilen bedrohlicher wirken hingegen die Auslöser hoher Bau- und Energiekosten außerhalb bundesdeutscher Amtsstuben.

Gleichwohl liefert die Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von Betonbauwerken aktuell einen aufschlussreichen Vergleich in Sachen Baukosten. Dabei werden die tatsächlich angefallenen Ausgaben und die heutigen Preise für sogenannte "Prestigebauten" in Deutschland analysiert. Grundlage für die Neuberechnung sind die Preisindizes für die Bauwirtschaft des Statistischen Bundesamtes.

Kosten im Gewerbebau in zehn Jahren um 36 Prozent gestiegen

Laut Gütegemeinschaft lag der Preisanstieg zwischen 2000 und 2010 für gewerbliche Betriebsgebäude bei 16 Prozent und im Straßenbau bei 14 Prozent. Von 2011 bis 2021 stiegen die Baupreise für gewerbliche Betriebsgebäude dagegen um 36 Prozent, im Ingenieurbau (z.B. Straßenbau, Brücken) um 33 Prozent.

Für Bauprojekte, die rund um den Jahrtausendwechsel fertiggestellt wurden, bedeutet diese Preisentwicklung einen Kostenanstieg von über 50 Prozent. Der Umbau des Reichstagsgebäudes in Berlin mit seiner markanten Kuppel würde demnach statt mit knapp 177 Millionen Euro heutzutage mit 273 Millionen zu Buche schlagen.

Elbphilharmonie würde heute über eine Milliarde Euro kosten

Beim Sony Center in Berlin liegt der Anstieg in einem ähnlichen Rahmen. Laut aktuellem Preisindex würde der Bau heute 925 Millionen Euro kosten statt 600 Millionen bei seiner Fertigstellung. Die feierliche Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie ist zwar erst fünf Jahre her. Allein in dieser kurzen Zeit sind die Baukosten jedoch um 22,6 Prozent gestiegen. Statt 866 Millionen würde der Bau heute knapp über eine Milliarde Euro kosten.

Die Fertigstellung von Infrastrukturprojekten wie die Verlängerung der Berliner U-Bahn-Linie 55, auch bekannt als Kanzler-U-Bahn, würde ebenfalls deutlich mehr kosten. 2021 hätte man für die 1,8 Kilometer lange Strecke mit über 433 Millionen Euro um 35,5 Prozent höhere Kosten gehabt als bei der Einweihung 2009.

Instandhaltungsexperte: Öffentliche Neubauten immer in der Kritik

Die Baukosten des 2013 fertiggestellten City-Tunnels in Leipzig würden heute die Milliardengrenze sprengen. Vor neun Jahren beliefen sich die Kosten auf 935 Millionen Euro, heute wären es 1,12 Milliarden Euro. Die Bundesgütegemeinschaft für Betoninstandsetzung hat noch zwölf weitere teils markante Großbauprojekte untersucht (siehe Quellen und Verweise).

Nach Einschätzung des Vorsitzenden der Gütegemeinschaft, Marco Götze, stehen insbesondere Neubauten der öffentlichen Hand, welche auch eine gewisse Außenwirkung erzielen sollen, oft in der Kritik.

Instandhaltung von Gebäuden und Infrastruktur oft günstiger als Neubau

"Man sollte dabei allerdings immer bedenken, dass bleibende Werte geschaffen werden", mahnt Götze. Und diese Werte lohne es sich, gerade angesichts sprunghaft steigender Baukosten, zu erhalten.

"Jedes Gebäude, jeder Tunnel und jede Brücke, die saniert und erhalten werden können, sparen den öffentlichen Kassen und damit der Gemeinschaft bares Geld", so Götze.

Die Bundesgütegemeinschaft Instandsetzung von Betonbauwerken e.V. (ib)

ist ein Zusammenschluss von neun Landesgütegemeinschaften und der Bundesgütegemeinschaft Betonflächeninstandsetzung (BFI). Unterstützt werden sie durch Unternehmen, die dem Verein "Deutsche Bauchemie e.V." angehören sowie durch Einzelmitglieder.

Ziel der Gemeinschaft ist es, mit der Betoninstandsetzung eine langfristige Werthaltigkeit von Bausubstanz zu sichern und Gefahren aus Mängeln der Bausubstanz abzuwehren. Mit dem Portal Betoninstandsetzer.de verfolgt der Verein außerdem das Ziel, mehr Menschen für die Aus- und Weiterbildung zu gewinnen.

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