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Sonntag, 11. April 2021
Ausgabe 7174 | Nr. 101 | 20. Jahrgang
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Autor: Michael Braun
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Erstes Museum mit Passivhaus-Standard entsteht in Ravensburg

# 29.04.2011

Das weltweit erste zertifizierte Museum in Passivhaus-Bauweise entsteht derzeit in Ravensburg. Die Idee, dass das neue Kunstmuseum mit einem Heizenergiebedarf von unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr Passivhaus-Niveau erreichen soll, entwickelte sich im Laufe der Planungsphase.

Das Passivhaus-Konzept berücksichtigt auch die erwarteten 25.000 Besucher jährlich als Wärmequelle, Foto: Georg Reisch GmbH & Co. KG Das Passivhaus-Konzept berücksichtigt auch die erwarteten 25.000 Besucher jährlich als Wärmequelle, Foto: Georg Reisch GmbH & Co. KG

Das Museum stammt aus der Feder des Architekturbüros Lederer+Ragnarsdóttir+Oei, Bauherr ist das Bad Saulgauer Bauunternehmen Georg Reisch GmbH & Co. KG, der das Objekt für 30 Jahre an die Stadt Ravensburg vermieten wird. Nach der Fertigstellung 2012 soll das Haus der modernen Kunst, mit der bedeutenden Selinka-Sammlung als Kern, die Stadt Ravensburg um ein architektonisches Highlight reicher machen. Die Georg Reisch GmbH & Co. KG beziffert die Mehrkosten aufgrund der Passivhausbauweise auf acht bis zehn Prozent. "Das ist es uns wert", sagte Andreas Reisch. "Weil wir der Meinung sind, dass das der Weg ist, der gegangen werden muss."

So sehen das auch die Verantwortlichen der Stadt Ravensburg, die die Passivhaus-Pläne der Firma Reisch von Anfang an unterstützt haben. Auch wegen der deutlich geringeren Betriebskosten, die die Stadt dadurch zu tragen hat. "Als künftiger Mieter freut es uns natürlich sehr", so Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp, "wenn die Warmmiete sinkt." Rapp geht davon aus, dass sich die Stadt Ravensburg durch die Passivhaus-Bauweise 20.000 Euro pro Jahr an Nebenkosten spart. "Und dazu kommt noch der Imagegewinn für Ravensburg", fügt der Rathauschef hinzu. "Ich bin mir sicher, dass das erste Museum in Passivhaus-Bauweise überregional Beachtung finden wird."

Die Idee, dass das neue Kunstmuseum in Ravensburg mit einem Heizenergiebedarf von unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr Passivhaus-Niveau erreichen soll, entwickelte sich erst im Laufe der Planungsphase, erklärt Andreas Reisch, Geschäftsführer der Georg Reisch GmbH & Co. KG. Das Planungsbüro Herz & Lang war als Passivhaus-Consulting-Partner ins Boot geholt worden und verfügt über langjährige Erfahrung auf dem Gebiet des energieeffizienten Bauens. "Zusammen mit Herz & Lang haben wir am Ende einen Weg gefunden, der zum Ziel führt", so Andreas Reisch.

Vor allem die Tatsache, dass ein Kunstmuseum mit einem Minimum an Fenstern auskommen muss, weil die Gemälde durch künstliches Licht optimal in Szene gesetzt werden, erschwerte die Aufgabe. "Die solaren Gewinne durch Fenster sind für ein Passivhaus eigentlich sehr wichtig", erklärt Florian Lang, einer der beiden Geschäftsführer von Herz & Lang. "Und die fehlen uns beim Kunstmuseum in Ravensburg." Um das auszugleichen, wurde in der Planung größter Wert auf eine absolut luftdichte und hochwärmegedämmte Gebäudehülle gelegt. Zudem ging es darum, Wärmebrücken zu reduzieren, was sich angesichts des geplanten Wandaufbaus als anspruchsvoll herausstellte.

Die Museumshülle wird nämlich als zweischalige Konstruktion ausgeführt. Zwischen die Betonwand und die Außenwand aus alten, recycelten Ziegeln kommt eine 24 Zentimeter dicke Dämmung. Ein Problem stellen dabei die Anker und Konsolen dar, mit deren Hilfe die Ziegelaußenwand am Beton befestigt werden soll, die allerdings für Wärmebrücken sorgen. Die Lösung des Problems: Um den negativen Effekt so gering wie möglich zu halten, muss der Stahlanteil des Befestigungssystems drastisch reduziert werden. "Wir brauchen Spezialanfertigungen, aber damit funktioniert es", erklärt Florian Lang.

Und das Passivhaus-Konzept wird auch deshalb funktionieren, fügt der Fachmann hinzu, weil die erwarteten 25.000 Besucher - zusätzlich zur Beleuchtung - als lebende Heizquellen selbst im Winter für angenehme Temperaturen in den Ausstellungsräumen sorgen werden. Eine CO2-gesteuerte Lüftungsanlage erzeugt zudem ein perfektes Raumklima und schützt die Gemälde vor Schäden. Das hohe Dämmniveau der Gebäudehülle als Kernstück des Passivhaus-Konzepts schafft ohnehin beste Bedingungen für den Erhalt der Kunstwerke.

Dadurch wird eine gleichmäßige Oberflächentemperatur garantiert und vermieden, dass selbst bei einer geforderten Luftfeuchtigkeit in den Räumen von 50 Prozent (plus-minus fünf Prozent) Tauwasserprobleme auftreten. Die Heizung und Kühlung einschließlich der Be- und Entfeuchtung, geplant vom Planungsbüro Vogt und Feist aus Ravensburg, erfolgt über Erdsonden und eine Gas-Absorptions-Wärmepumpe, mit einem sehr niedrigen Primärenergiebedarf, samt Betonkerntemperierung. "Die Haustechnik ist sehr gut durchdacht und passt perfekt zum Gebäude und seiner späteren Nutzung", so Lang.

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