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Donnerstag, 21. Februar 2019
Ausgabe 6394 | Nr. 52 | 18. Jahrgang
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Großprojekte: Eskalation durch fehlendes Vier-Augen-Prinzip

# 27.02.2013

Mangel an objektiver Kostenberechnung führt zu negativen Auswüchsen bei der Umsetzung von großen Bauvorhaben. Bekannte Beispiele bedeuten Imageverlust der betroffenen Städte. Forderung des VBI nach professionellem Controlling und zentraler Koordination

BER, S21, Elbphilharmonie

Bisher nur Wahrzeichen einer verkorksten Planung: Das Großprojekt Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity harrt weiterhin seiner Vollendung. Foto: Alexander Dreher / Pixelio Bisher nur Wahrzeichen einer verkorksten Planung: Das Großprojekt Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity harrt weiterhin seiner Vollendung. Foto: Alexander Dreher / Pixelio

Der Flughafen Berlin-Brandenburg, der Bahnhof Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie – es scheint, dass, wann immer in Deutschland Großprojekte umgesetzt werden, Kostenexplosion, Zeitverzug und ein negatives Image in der Bevölkerung dazu gehören. "Das müsste nicht sein", so die klare Meinung Volker Cornelius’, Präsident des Verbandes Beratender Ingenieure (VBI). Doch bei allen Mega-Vorhaben würde das "Vier-Augen-Prinzip" verletzt, das heißt eine wirkliche Begutachtung der Kostenberechnung durch unabhängige Experten findet nicht statt.

Bessere Beispiele zeigten sich in anderen Ländern: "Wir können von den Olympischen Spielen in London lernen", so Cornelius gegenüber bauingenieur24. "Dort gab es eine Person, die mit einem guten Blick für die Kosten- und die Zeitrisiken des Gesamtprojekts gehandelt hat." In Deutschland gebe es laut Cornelius bei kaum einem öffentlichen Projekt Kostenehrlichkeit.

"Man plant nicht, was ein Vorhaben wirklich kostet, sondern man korrigiert die oft nur geschätzten Ausgaben so lange nach unten, bis das Bauvorhaben zustimmungsfähig scheint", erläutert der VBI-Präsident die gängige Praxis. Eine belastbare Planung als Grundlage jeder soliden Kostenaussage fehle zu diesem Zeitpunkt. Die Folge dieser Augenwischerei: Kaum ein Projekt bleibt innerhalb der ursprünglich avisierten Kosten.

Unabhängige Prüfungen nötig

Aufgrund dieses Missstandes fordert der VBI endlich ein professionelles Controlling. Der Gesetzgeber müsse den juristischen Rahmen schaffen, damit Vorhaben in bestimmten Größenordnungen grundsätzlich von unabhängigen Planern und Ingenieuren überprüft werden. "Dann hätte diese unberechenbare Kostentreiberei ein Ende", ist sich Cornelius sicher. Zu bauingenieur24 sprach er darüber hinaus von der Notwendigkeit einer zentralen Stelle, welche die Planung und Kosten-Zeit-Kalkulation des jeweiligen Gesamtprojekts koordinieren müsse. Anstelle von pluralistischer Meinungsbildung trete dann "solides Rechenwerk". Wichtig dabei sei letztlich ein klarer "Redaktionsschluss", meint Cornelius. "Änderungswünsche dürfen danach nur noch mit angepasstem Kosten- und Zeitbudget möglich sein."

Versäumnisse auch bei Energiewende erkennbar

Auch bei der Energiewende, dem Mega-Großprojekt der Bundesregierung, deuten sich nach Meinung des VBI-Chefs die genannten Fehler an: "Es gibt keine Kostentransparenz. Der Bürger weiß nicht, was auf ihn zukommt." Zum 1. Januar 2013 trat die Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft. Die absehbare Folge laut VBI: Der Strom wird teurer.

Mit der Mietrechtsreform sei zudem gerade bestätigt worden, dass elf Prozent der Kosten nach einer energetischen Sanierung auf die Miete umgelegt werden dürfen. "Das dürfte längst noch nicht alles sein", prophezeit Cornelius. "Es gibt bisher keine realistische Planung, was die Energiewende wirklich kostet."

Zentrale Stabsstelle als Lösungsvorschlag

Eine Lösung wäre aus Sicht des VBI die Schaffung einer Stabsstelle für die Energiewende. In dieser Zentrale für ganz Deutschland müssten Politiker, Stromunternehmen und unabhängige Ingenieure unter anderem den Ausbau des nationalen Stromnetzes planen. "Nur so ist die Energiewende nicht nur realisierbar, sondern auch bezahlbar", so der VBI-Präsident. Auf Nachfrage dieses Informationsdienstes nannte Cornelius die Koordinierung des Energiemix und die Schaffung eines Kapazitätenkatasters für Deutschland zur Zusammenführung dezentraler Erzeugung, Speicherung und Verteilung von Energie als weitere Aufgaben einer solchen Stabsstelle.

"Wichtig wären zunächst solide Erzeugungs- und Bedarfsberechnungen. Die Koordinierungsstelle würde dabei der Schnittstellenminimierung und somit der Fehlerreduzierung dienen." Der derzeitige Versuch mindestens zweier Ministerien und 16 Bundesländern die Energiewende umzusetzen ist in seinen Augen "sinnlos".

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