Fachbeiträge & Interviews
Montag, 26. Oktober 2020
Ausgabe 7007 | Nr. 300 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Großprojekte: Kostenüberschreitung von durchschnittlich 73 Prozent

# 20.05.2015

Studie untersucht Projekte unterschiedlicher Infrastruktursektoren. Im Verkehrsbereich lediglich 33 Prozent Mehrkosten. Bau von Offshore-Windparks und anderen Pionierprojekten besonders anfällig für extreme Budgetsteigerungen

170 Großprojekte seit 1960 untersucht

Der aufwendige und zum Teil beispiellose Bau von Offshore-Windanlagen gilt als Pionierarbeit. Die Kosten dafür sind vorab schwer zu berechnen, weshalb mit Budgetanpassungen zu rechnen ist. Foto: Erich Westendarp  / Pixelio Der aufwendige und zum Teil beispiellose Bau von Offshore-Windanlagen gilt als Pionierarbeit. Die Kosten dafür sind vorab schwer zu berechnen, weshalb mit Budgetanpassungen zu rechnen ist. Foto: Erich Westendarp / Pixelio

Es ist Wasser auf die Mühlen derer, die schon länger ein standardisiertes und überprüfbares Verfahren zur Planung von Großbauprojekten - wozu für manche u. a. die verpflichtende Anwendung des Building Information Modeling (BIM) zählt - in Deutschland fordern: Eine aktuelle Studie der Hertie School of Governance bestätigt eine durchschnittliche Kostenüberschreitung bei öffentlichen Großprojekten von 73 Prozent.

Dabei, so die Autoren der Studie, zeigten sich große Unterschiede zwischen den verschiedenen Infrastruktursektoren: Während sich Projekte in den Bereichen Verkehr und öffentliche Gebäude durchschnittlich um 33 bzw. 44 Prozent verteuern, schlagen Energieprojekte mit 136 und IT-Projekte gar mit 394 Prozent ihres angesetzten Budgets zu Buche. Der Sektor Rüstungsbeschaffung nimmt im Vergleich dazu mit durchschnittlich 87 Prozent Kostensteigerung pro Projekt einen Platz im Mittelfeld ein.

Die Studie unter der Leitung von Genia Kostka hat 170 in Deutschland seit 1960 realisierte Großprojekte untersucht, darunter 119 abgeschlossene und 51 noch laufende Projekte. Bei letzteren ermittelte die Studie Kostensteigerungen von bislang durchschnittlich 41 Prozent. Für alle untersuchten Projekte zusammen waren 141 Milliarden Euro eingeplant, tatsächlich kosteten sie 200 Milliarden Euro.

Entscheidungsträger aus Verwaltung und Politik als Schuldige ausgemacht

Kostka und ihr Team erklären Fehlkalkulationen unter anderem mit Defiziten im Entscheidungs-, Planungs- und Steuerungsprozess. Verwaltung und politisch Verantwortliche seien oftmals zu optimistisch und überschätzten ihre Fähigkeiten. Dies führe zum Beispiel dazu, dass Entscheidungsträger Vertragsbedingungen zustimmten, die der öffentlichen Hand das Risiko aufbürdeten oder Unternehmen falsche Anreize setzten.

Besonders hohe Kostenüberschreitungen ergeben sich regelmäßig bei so genannten "Megaprojekten": Vorhaben mit einem Volumen von über 500 Millionen Euro werden im Schnitt doppelt so teuer wie geplant. Bei kleinen (bis 50 Millionen Euro) und mittleren (zwischen 50 und 500 Millionen Euro) Projekten stellt die Studie 78 bzw. 59 Prozent durchschnittliche Budgetüberschreitung fest.

Kostenintensive Pionierarbeit notwendig für Technologievorsprung

Zu besonders hohen Budgetüberschreitungen käme es zumeist auch bei "Pionierprojekten" mit hohen Technologie-Risiken. Beispiele dafür sind IT-Projekte, wie das gescheiterte Steuersystem FISCUS, der Bau von Atomkraftwerken oder Offshore-Windparks.

"Wenn neue Technologien eingesetzt werden, sind die Anschubkosten hoch und die Projekte insgesamt risikoreicher. Allerdings können sich die Investitionen langfristig lohnen, weil sich Lerneffekte und der Technologievorsprung auszahlen", so Kostka.

Deutsche Nachbarländer schneiden besser ab

Ein internationaler Vergleich der Ergebnisse ist aufgrund der Datenlage schwierig. Vorhandene Studien legen ein leicht schlechteres Abschneiden Deutschlands mit vergleichbaren Ländern nahe: So liegen die Kostenüberschreitungen bei Straßen-, Schienen-, Tunnel- und Brückenbau in den Niederlanden bei 17 Prozent, in den Ländern Nordwest-Europas bei 22, in Deutschland aber bei 30 Prozent.

Um die Kosteneinhaltung von Großprojekten zukünftig besser überwachen zu können, empfehlen die Autoren der Studie u. a. die Einrichtung eines nationalen Benchmarkings für Großprojekte und einer unabhängigen Kontrollagentur nach britischem Vorbild.

Detaillierte Fallstudien beleuchten BER, Elbphilharmonie und Offshore-Windparks

Die Studie "Großprojekte in Deutschland – zwischen Ambition und Realität" umfasst neben einer umfassenden Auswertung der Projekt-Daten drei detaillierte Fallstudien: zum Berliner Großflughafen BER, zur Elbphilharmonie sowie zu fertig gestellten Offshore-Windparks. Eine Zusammenfassung erster Ergebnisse finden Sie unter "Quellen und Verweise" (siehe unten).

Die Hertie School of Governance

ist eine staatlich anerkannte, private Hochschule mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, herausragend qualifizierte junge Menschen auf Führungsaufgaben im öffentlichen Bereich, in der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft vorzubereiten. Mit interdisziplinärer Forschung will die Hertie School zudem die Diskussion über moderne Staatlichkeit voranbringen und den Austausch zwischen den Sektoren anregen. Die Hochschule wurde Ende 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründet und wird seither maßgeblich von ihr getragen.

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