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Freitag, 03. Juli 2020
Ausgabe 6892 | Nr. 185 | 19. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Infrastrukturgroßprojekt Rail Baltica erschließt baltische Staaten

# 03.06.2020

EU investiert 4,6 Milliarden Euro in transeuropäisches Verkehrsnetz. Baltikum bislang durch russische Spurbreite im Eisenbahntransport benachteiligt. Obermeyer erhält Auftrag für Streckenabschnitt in Estland

Neubaustrecke führt von Warschau bis zum Finnischen Meerbusen

Durch die Bahnlinie Rail Baltica wird das transeuropäische Schienenverkehrsnetz vereinheitlicht und erweitert. Foto: RB Rail AS / Wikipedia Durch die Bahnlinie Rail Baltica wird das transeuropäische Schienenverkehrsnetz vereinheitlicht und erweitert. Foto: RB Rail AS / Wikipedia

Das Schienennetz der Europäischen Union wird derzeit um eine beachtliche Neubaustrecke erweitert. Das so genannte Projekt Rail Baltica soll ab 2026 vom polnischen Warschau über Kaunas in Litauen und Riga in Lettland bis zum estnischen Tallinn am Finnischen Meerbusen führen.

Die Gesamtbaukosten werden auf 5,79 Milliarden Euro geschätzt, wovon die Europäische Union 4,634 Milliarden, also 80 Prozent, tragen soll. Rail Baltica ist das Hauptprojekt im so genannten Nord-Ostsee-Korridor im Rahmen der EU-Politik der transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V).

Tatsächlich handelt es sich um das größte Infrastrukturprojekt der baltischen Region der letzten 100 Jahre. Die insgesamt 870 km lange, elektrizitätsbetriebene Strecke soll sowohl für den Personen- (max. 249 km/h) als auch den Güterverkehr (max. 120 km/h) ausgelegt werden. Das Projekt dient vorrangig der Integration der baltischen EU-Staaten in das europäische Eisenbahnnetz.

Altes Schienennetz belegt historische Anbindung an Russland

Ausschlaggebend ist hierbei die Tatsache, dass die Spurweite der europäischen Bahnlinien 1435 Millimeter beträgt, die der vorhandenen Bahnschienen russischer Bauart hingegen 1520 Millimeter. Somit ist die Verbindung des Baltikums mit dem Rest der EU über die Schiene bislang aufwendig und kostspielig. Die neue Hochgeschwindigkeitsverbindung soll zudem dazu beitragen, Transport und Wirtschaft in der Region zu optimieren.

Im beteiligten Estland setzen die Verantwortlichen für das internationale Großprojekt auf deutsche Bauingenieurskompetenz. Die RB Rail AS, das Gemeinschaftsunternehmen der Rail-Baltica, hat das Planungsunternehmen Obermeyer mit der technischen Planung und Bauüberwachung des letzten estnischen Abschnitts der Rail-Baltica-Hauptstrecke beauftragt.

"Die Unterzeichnung dieser Verträge ist für das Projekt von zentraler Bedeutung und markiert einen Meilenstein. Jetzt ist die gesamte Rail Baltica-Hauptstrecke in Estland in Planung", sagt Agnis Driksna, Interimsgeschäftsführerin von RB Rail AS.

Deutsch-spanisches Konsortium entwirft 42 Bauwerke für Hochgeschwindigkeitsabschnitt

Obermeyer lieferte zusammen mit dem spanischen Partner Prointec S.A. den Vorschlag, der nun umgesetzt werden soll. 85 Prozent der für die Planung von Rail Baltica in Estland erforderlichen Mittel werden von der Europäischen Union, 15 Prozent von Estland selbst bereitgestellt.

Bei der Strecke handelt es sich um einen 93,5 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsabschnitt, welcher laut Vorentwurf neun Eisenbahnbrücken, 15 Straßenviadukte, sieben Eisenbahnviadukte und elf Tierpassagen (Ökodukte) beinhaltet. Die Gesamtlänge der Rail-Baltica-Linie in Estland umfasst 213 Kilometer.

Planung der bahntechnischen Infrastruktur vollständig mit BIM

Das Baukonsortium plant, in den nächsten 27 Monaten geotechnische Untersuchungen durchzuführen und einen detaillierten technischen Entwurf für den Bau des Eisenbahnunter- und -oberbaus sowie für die bahntechnische Infrastruktur zu erstellen.

"Die gesamte Planung, sowohl die der Trassierung wie auch die der Ingenieurbauwerke, erfolgt mit neuesten digitalen Tools unter Anwendung von Building Information Modeling", erklärt Ioannis Kiru, Leiter des Projekts für Obermeyer.

Längster Unterwassertunnel der Welt: China bereit für Investition

Mit dem Rail Baltica-Projekt wurden immer wieder Pläne für den womöglich längsten Unterwassertunnel der Welt (mind. 50 km) in Verbindung gebracht. Dieser könnte unter dem Finnischen Meerbussen verlaufen und somit die in Tallinn endende Rail Baltica-Linie bis ins finnische Helsinki verlängern. Die Kosten für dieses beispiellose Infrastrukturprojekt werden auf 13 Milliarden Euro geschätzt.

2019 gaben die chinesische Beteiligungsgesellschaft Touchstone Capital Partners und der finnische Tunnelbauer FinEst Bay Area Development bekannt, dass sie bereit wären, im Rahmen der Belt and Road-Infrastrukturinitiative ("Neue Seidenstraße") rund 15 Milliarden Euro in das Bauprojekt zu investieren.

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