Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 06. Oktober 2022
Ausgabe 7717 | Nr. 279 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Verkehrskonzepte: Metropolen setzen auf Erweiterung und Revitalisierung von Stadtbahnlinien

# 04.02.2022

Neue S-Bahn-Linie verbindet Stuttgarter Innenstadt mit Flughafen. Autobahnquerung mit Carbonanteil umgesetzt. Historische Berliner Siemensbahn wird reaktiviert und ausgebaut

Mehrinvestitionen in Schiene fördert Stadtbahnausbau in Ballungszentren

Bei der integralen Netzwerkbogenbrücke über die Autobahn 8 wurden erstmals Zugelemente aus Carbonfasern verbaut. Foto: Sweco GmbH Bei der integralen Netzwerkbogenbrücke über die Autobahn 8 wurden erstmals Zugelemente aus Carbonfasern verbaut. Foto: Sweco GmbH

Bundesweit werden die öffentlichen Investitionen in das Schienenverkehrsnetz ausgeweitet (wir berichteten, siehe Quellen und Verweise). Naturgemäß bietet sich der verstärkte Einsatz von Regional- und Stadtbahnen in Ballungszentren mit dichter Bebauung und hohem Verkehrsaufkommen an.

Ein aktuelles Beispiel findet sich in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. Im Rahmen des Schienennetzausbaus verlängerte die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) die Stadtbahnlinie U6 über die bisherige Endhaltestelle Fasanenhof Schelmenwasen hinaus.

Die Linie führt nun dank einer neu gebauten Stadtbahnbrücke über die Autobahn 8 und entlang der Bundesstraße 27 zum Flughafen und zum Messegelände. Die Fahrt von der Stuttgarter Innenstadt bis zum Flughafen dauert etwa 30 Minuten.

Erste Netzwerkbogenbrücke mit Carbonfasern

Zur Einweihung im Dezember 2021 blieb nicht unerwähnt, dass der Abschluss der Baumaßnahme eine Entlastung für weitere Großprojekte innerhalb Stuttgarts darstellt. "Vor allem, wenn es bei der weiteren Realisierung von Stuttgart 21 durch Bauarbeiten am Flughafen zu Einschränkungen bei der S-Bahn kommt, ist die U6 unverzichtbar für die Erreichbarkeit des Flughafens mit öffentlichen Verkehrsmitteln", sagte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann.

Das filigrane Tragwerk der neu gebauten Brücke besteht aus zwei parallelen Stahlbögen und der an Carbonseilen abgehängten längs- und quergespannten Betonfahrbahnplatte. Es überspannt die Autobahn 8 stützenfrei auf einer Strecke von rund 107 Metern. Erstmals wurden bei einer Netzwerkbogenbrücke Zugelemente aus Carbonfasern verwendet.

Ingenieure von Sweco an Bahnprojekten in Stuttgart und Berlin beteiligt

Realisiert wurde die neue U-Bahn-Brücke durch eine Arbeitsgemeinschaft der Sweco GmbH mit der Baugesellschaft Adam Hörnig und dem österreichischen Stahlbauunternehmen MCE. Beteiligt war zudem die Ingenieurgesellschaft Schüßler-Plan. Der Entwurf stammt vom Stuttgarter Architekturbüro Schlaich Bergermann Partner.

Ein noch ganz am Anfang stehendes Eisenbahnprojekt beschäftigt Sweco zusammen mit dem Ingenieurbüro Krebs+Kiefer derweil in der Metropolregion Berlin. Nach mehr als 40 Jahren soll dort die S-Bahnstrecke der sogenannten Siemensbahn reaktiviert werden. Sweco übernimmt die Gesamtprojektleitung, die kaufmännische Federführung und die BIM-Gesamtkoordination.

Außerdem ist Sweco verantwortlich für

  • die Objektplanung für Verkehrsanlagen,
  • die Objekt- und Tragwerksplanung für Ingenieurbauwerke (Stützbauwerke, Lärmschutzwände, Eisenbahnüberführungen, Bahnsteiganlagen),
  • die Fachplanungen für Oberleitungen,
  • die Leit- und Sicherungstechnik sowie
  • die Umweltplanung.

Neuer Berliner Stadtteil mit 10.000 Wohnungen entsteht

Wo heute noch die Natur das Sagen hat, soll bis Ende 2029 eine alte S-Bahnlinie aus den 1920er Jahren reaktiviert werden und den neuen Berliner Stadtteil Siemensstadt² erschließen. Foto: Sweco GmbH Wo heute noch die Natur das Sagen hat, soll bis Ende 2029 eine alte S-Bahnlinie aus den 1920er Jahren reaktiviert werden und den neuen Berliner Stadtteil Siemensstadt² erschließen. Foto: Sweco GmbH

Die von 1927 bis 1929 erbaute S-Bahnstrecke verläuft über 4,5 Kilometer von Jungfernheide im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bis nach Gartenfeld im Bezirk Spandau. Seit dem Eisenbahnerstreik im Jahr 1980 ist die Bahnstrecke nicht mehr in Betrieb.

In den nächsten Jahren soll der Innovations- und Wissenschaftscampus "Siemensstadt²" im Spandauer Ortsteil Siemensstadt mit rund 10.000 neuen Wohnungen entstehen. Vor diesem Hintergrund will man die historische S-Bahnstrecke reaktivieren, um das neue Stadtviertel zu erschließen und schnelle Anschlüsse an den Hauptbahnhof und den Berliner Flughafen zu ermöglichen.

Für das umfangreiche Projekt sind vielfältige Planungsleistungen erforderlich. Die Gleisanlagen und der Oberbau müssen vollständig erneuert werden. Für die bestehenden Bahndämme ist eine Erneuerung oder Ertüchtigung geplant.

Brückenneubau und dreigleisiger Streckenausbau bis 2029 geplant

Gleiches gilt für Ingenieurbauwerke wie Eisenbahnüberführungen, Viadukte oder Stützbauwerke. Über die Spree muss eine rund 70 Meter lange Brücke neu gebaut werden. Im Bahnhof Jungfernheide ist ein drittes S-Bahn-Gleis geplant, das mit einer dritten Bahnsteigkante einschließlich Überdachung und Zugängen neu gebaut werden soll.

Instandgesetzt werden müssen auch die Haltepunkte Wernerwerke und Siemensstadt sowie der Bahnhof Gartenfeld. Dabei müssen die Planungen teilweise spezielle Anforderungen erfüllen, denn die im Bezirk Spandau befindlichen baulichen Anlagen der Siemensbahn stehen seit 1995 unter Denkmalschutz. Der Antrag zum Planrecht beim Eisenbahn-Bundesamt soll im Jahr 2024 eingereicht werden. Die Inbetriebnahme der reaktivierten S-Bahnstrecke der Siemensbahn ist für Ende 2029 geplant.

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