Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst

Wiederaufbau im Ahrtal: Energie- und Verkehrswende werden mitgedacht

# 17.12.2021

Infrastruktur vielerorts nach Flutkatastrophe stark beschädigt. Provisorische Unterkünfte und Versorgungsleitungen sichern Lage über Wintermonate. Sanierungen sollen überregional vernetzt und energieeffizient erfolgen

Bad Neuenahr-Ahrweiler: Sturzflut hinterlässt 1,6 Milliarden Euro Schaden

Abb. 1: Am 14. und 15. Juli 2021 wurde das Ahrtal (im Bild: Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler) von einem Rekordhochwasser heimgesucht. Foto: Dominik Ketz Abb. 1: Am 14. und 15. Juli 2021 wurde das Ahrtal (im Bild: Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler) von einem Rekordhochwasser heimgesucht. Foto: Dominik Ketz

Seit dem 14. Juli 2021 ist im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler nichts mehr wie vorher. Extremer Starkregen führte zu einer Sturzflut, welche zwei Tage lang in zahlreichen Ortschaften immense Schäden anrichtete. 134 Menschen verloren dabei ihr Leben, mehr als 750 wurden verletzt.

Markus Becker (siehe Abb. 2) ist als Bauingenieur seit Jahrzehnten im Ahrtal aktiv. Als Geschäftsführer der Berthold Becker Büro für Ingenieur- und Tiefbau GmbH in Bad Neuenahr-Ahrweiler (ca. 28.800 Einwohner) kennt er die regionale Infrastruktur sehr gut.

Seit der Naturkatastrophe sind sein Team und er in die Koordination und Durchführung der Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen in seiner Heimatstadt und darüber hinaus eingebunden. Die anstehenden Aufgaben sind gewaltig.

So wurden mit einer Ausnahme sämtliche Ahr-Brücken der Stadt zerstört (siehe Abb. 1). Zusätzlich zu gekappten Straßen- und Schienenverbindungen fiel die Strom-, Gas- und Wasserversorgung aus. Die Stadtverwaltung schätzt den entstandenen Schaden allein am kommunalen Eigentum auf rund 1,6 Milliarden Euro.

Infrastrukturexperte: Katastrophenausmaß nur vor Ort begreifbar

"Das Ausmaß der Katastrophe ist wirklich nur vor Ort im Ansatz begreifbar. Das merke ich immer wieder, wenn ich außerhalb des Tales unterwegs bin", beschreibt Becker die Ausnahmesituation. Auf die erste Blaulichtphase, in der es vor allem um das Thema Retten und Bergen ging, folgte die lange Phase der Provisorien.

Bislang seien die wesentlichen Notbehelfssysteme im Abwasser-, Wasser-, Gas-, Strom- und Verkehrsbereich aufgebaut. "Trotzdem haben noch viele Mitbürger nach wie vor keine Wärme im eigenen Haus."

Land Berlin stellt Wohncontainer für Betroffene zur Verfügung

Nach der Katastrophe hatten viele Betroffene zunächst Zuflucht in Ferienwohnungen sowie bei Bekannten und Verwandten gefunden. Einige haben das Ahrtal ganz verlassen, wollen aber zurückkehren. Ihnen kann die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler inzwischen vorübergehenden Wohnraum in 48 Container-Einheiten anbieten.

Diese Wohncontainer mit rund 40 Quadratmetern Fläche wurden vom Land Berlin kostenfrei zur Verfügung gestellt, sind mit jeweils einem Schlaf- und Wohnbereich sowie einem Sanitär-/ Kochbereich versehen und werden vollständig ausgestattet. Hier können bis zu drei Personen unterkommen.

Provisorische Infrastruktur oft teuer und instabil

Darüber hinaus sind 64 Tiny-Häuser (von engl.: "klein" bzw. "winzig") mit Unterstützung der Aktion Deutschland Hilft als mittelfristige Notunterkünfte geplant. Sie verfügen über eine Größe von 34 Quadratmetern und enthalten alle notwendigen Räume samt Ausstattung. Die Maximalkapazität pro Haus beträgt fünf Personen.

Die provisorisch errichteten Gebäude und Anlagen sind laut Markus Becker oft instabil und teuer, im Moment aber unabdingbar. Für den Infrastrukturexperten kommt es in der beginnenden Phase des mühsamen Wiederaufbaus vor allem auf eine gute Kommunikation sowie Koordination an. "Ein gemeinsames Bild über den Wiederaufbau gibt es im Ahrtal mit Sicherheit noch nicht."

Forderung: Bürger sollten regelmäßig Infos zum Wiederaufbau erhalten

Abb. 2: Der Infrastrukturexperte Markus Becker ist mit seinem Ingenieurbüro in Bad Neuenahr-Ahrweiler fest verwurzelt. Er plädiert für eine offene Kommunikation und eine klare Koordination beim Wiederaufbau seiner Heimat. Foto: D. Ketz Abb. 2: Der Infrastrukturexperte Markus Becker ist mit seinem Ingenieurbüro in Bad Neuenahr-Ahrweiler fest verwurzelt. Er plädiert für eine offene Kommunikation und eine klare Koordination beim Wiederaufbau seiner Heimat. Foto: D. Ketz

Hier müsse die Kommunikation ansetzen, um einen breiten Überblick der Ist-Situation zu schaffen, diese Erkenntnisse zu teilen und fortzuschreiben.

"Zu dieser Ist-Situation gehören die vielen öffentlichen und kommunalen Initiativen, die sich mit dem Wiederaufbau direkt oder indirekt beschäftigen, darunter die Naturschutzverbände, die Industrie- und Handwerkskammern, der Tourismus, die Weinwirtschaft oder die vielen unterschiedlichen Initiatoren aus dem Bereich der Infrastruktur."

Becker plädiert für eine dauerhafte zentrale Kommunikationsstelle, unter anderem auch, um in den kommenden bzw. bereits vorliegenden Planungen enthaltene Zielkonflikte, beispielsweise zwischen Naturschutz und Tourismus, aufzulösen.

Dabei gelte es, Transparenz für jeden Bürger zu schaffen. Becker: "Jeder muss in der Lage sein, sich zu informieren und die einzelnen Entscheidungen nachvollziehen zu können. Ein 'Das ist halt so!' reicht nicht aus."

Städtische Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft beschlossen

Auf Seiten der Stadt hat man auf die Frage der Koordination und Umsetzung des Wiederaufbaus mit dem Beschluss zur Gründung einer Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft reagiert. Diese soll, so die Idee, sämtliche Aufgaben zur Wiederherstellung der städtischen Infrastruktur übernehmen. Bürgermeister Guido Orthen (CDU) verweist auf rund 400 Einzelprojekte allein im Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler.

"Wir haben mit dem Wiederaufbau eine Herkulesaufgabe vor uns, die sich innerhalb der bestehenden organisatorischen und personellen Möglichkeiten nicht bewerkstelligen lässt", macht Orthen deutlich. Für die neue Aufbaugesellschaft sind daher zusätzliche Stellen ausgeschrieben.

Gelungene Koordination: Überregionale Abwasserbehandlung neu

Abb. 3: Wie in einem Kriegsgebiet mutete die Szenerie nach der Sturzflut an. Inzwischen wurden die Straßen beräumt und provisorische Behelfsbrücken errichtet. Foto: D. Ketz Abb. 3: Wie in einem Kriegsgebiet mutete die Szenerie nach der Sturzflut an. Inzwischen wurden die Straßen beräumt und provisorische Behelfsbrücken errichtet. Foto: D. Ketz

Ein Positivbeispiel für gelungene Koordination sieht Markus Becker im Bereich Abwasser.

Im Rahmen einer Projektgruppe namens "Thürer Runde" (benannt nach dem Ort eines ersten Treffens im Landkreis Mayen-Koblenz) haben sich dabei Abwasserakteure aus dem Ahrtal zusammengefunden und gemeinsam die Struktur und ein Bild der zukünftigen Abwasserbehandlung und Abwasserableitung in der gesamten Region erarbeitet. Für Becker ist das ein Erfolgsmuster.

Während kurzfristig die für den täglichen Bedarf erforderliche Infrastruktur provisorisch wiederhergestellt wurde, denkt man im Ahrtal zugleich über die Zukunftsfähigkeit bzw. Nachhaltigkeit neuer langfristiger Systeme nach. Die Beteiligten sehen hier in allen Bereichen die Chance einer überregionalen Verbesserung der Leitungen und Netze.

Private Gebäudesanierungen: Energieberater bieten Unterstützung an

Auch im privaten Bereich soll der erforderliche Wiederaufbau für eine Optimierung vor allem der Wohngebäude genutzt werden. Dabei geht es um energieeffiziente Sanierungen, welche für jedes Einzelobjekt mithilfe eines so genannten "individuellen Sanierungsfahrplans" erreicht werden könnten.

Laut Stadtverwaltung haben sich 28 Energieberater des Deutschen Energieberater-Netzwerks (DEN) und des Bundesverbands Gebäudeenergieberater Ingenieure Handwerker (GIH) gegenüber der Landesenergieagentur Rheinland-Pfalz bereit erklärt, die Flutbetroffenen im Ahrtal in dieser Form zu unterstützen.

Weltweite Beachtung für zukunftsfähigen Wiederaufbau erwartet

Bauingenieur Markus Becker erkennt nach wie vor eine große lokale, regionale und überregionale Hilfsbereitschaft für seine Heimat. "Es ist daher grundsätzlich Zuversicht für das Ahrtal angesagt." Gleichzeitig brauchten die Dinge aber noch sehr viel Zeit und damit Geduld.

Becker vermutet, dass die Art und Weise des Wiederaufbaus weltweit beobachtet wird. Umso wichtiger seien die beiden Elemente Kommunikation und Koordination, um am Ende auch die großen Chancen im Bereich des Klima- und Naturschutzes, der Energie- und Verkehrswende für das Ahrtal zu nutzen.

bauingenieur24 spendet für soziale Projekte im Hochwassergebiet

Das Berufsportal bauingenieur24 pflegt seit Jahren einen freundschaftlichen Kontakt zum Ingenieurbüro Berthold Becker. Wir fühlen uns daher auch der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler eng verbunden, weshalb wir in diesem Jahr unsere alljährliche Weihnachtsspende für soziale und städtische Sonderprojekte dorthin geben.

Wollen auch Sie den Menschen und Einrichtungen vor Ort helfen, so nutzen Sie gerne die folgenden Bankverbindungen für Ihre Spende:

Spendenkonto der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler
Stichwort "Hochwasser"

Kreissparkasse Ahrweiler
IBAN: DE 42 5775 1310 0000 3394 73

Volksbank Rhein-Ahr-Eifel
IBAN: DE 33 5776 1591 0020 0010 02

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Quellen-und-Verweise  QUELLEN UND VERWEISE:
https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/forschung/was-kostet-ein-hochwasser/3127.htm
https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/forschung/hochwasserschutz-deich-in-schlaeuchen-braucht-weniger-platz/3339.htm
https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/forschung/hochwasserschutz-naturbasierte-massnahmen-in-deutschland-wenig-genutzt/3261.htm
https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/nachgefragt-bei/nachgefragt-bei-markus-becker-fortsetzung/3137.htm
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