Autor: Dipl.-Ing. Klaus D. Siemon, Osterode/Harz
Herausgeber: IWW Institut für Wirtschaftspublizistik GmbH & Co. KG

Neues HOAI-Zeitalter: Honorarkalkulation wird zum Tagesgeschäft

# 26.11.2021

Wegfall der HOAI-Mindestsätze sorgt weiter für Unsicherheiten in Planungsbüros. Große Bandbreite an möglichen Ausschreibungsänderungen vorhanden. Öffentliche Auslober bei Bedarf um Klarstellung bitten

Unverbindlich gewordene HOAI bringt viele Fragen mit sich

Nach dem Wegfall der HOAI-Mindestsätze müssen Planer bei jedem Angebot genau kalkulieren. Foto: Thorben Wengert / Pixelio Nach dem Wegfall der HOAI-Mindestsätze müssen Planer bei jedem Angebot genau kalkulieren. Foto: Thorben Wengert / Pixelio

Viele Planer fragen sich in letzter Zeit, ob es bei Vergabeverfahren einheitliche Regelungen für die Prinzipien der Honorarermittlungen gibt, die der Angebotsabfrage und der Auswertung zugrunde zu legen sind.

Hintergrund der Frage ist, dass zu Zeiten der verbindlichen Mindestsätze fast durchwegs einheitliche Honorarangaben zu einzelnen Honorarkomponenten abgefragt wurden, was die Kalkulation deutlich einfacher gemacht hatte.

Festzuhalten ist, dass die Honorare bis hin zu den Tafelwerten der HOAI 2021 nur noch Orientierungswerte darstellen und damit die Ermessensspielräume für Auslober dementsprechend gestiegen sind. Das bedeutet im Ergebnis, dass damit auch die Prinzipien und Berechnungsparameter für die Honorarabfragen sehr unterschiedlich ausfallen können.

HOAI als Preisregelung: Vertragsbestandteil oder nicht?

Die nachfolgenden Ausführungen basieren folglich auch darauf, dass die HOAI 2021 ohne honorartechnische Einschränkung, also auf Basis von Orientierungswerten, Kalkulationsbestandteil ist und Vertragsbestandteil werden soll.

Ist in einer Ausschreibung jedoch ausnahmsweise vorgegeben, dass die HOAI als verbindliche Preisregelung anzuwenden ist, sieht es anders aus.

Honorare ohne genaue Kalkulation schnell unwirtschaftlich

Planer kommen heutzutage an der auftragsbezogenen Honorarkalkulation nicht vorbei, weil der Auftraggeber im neuen Honorarzeitalter der HOAI 2021 an vielen Leistungs- und Honorarstellschrauben Veränderungen vornehmen kann.

Diese Veränderungen müssen bei der Honorarkalkulation berücksichtigt werden, damit am Ende keine unwirtschaftlichen Honorare angeboten werden. An folgenden Beispielen wird die Bandbreite der Kalkulation erkennbar:

  1. Umbauzuschlag: Unterschiedliche rechnerische Bezugsgrößen für den anzugebenden Prozentwert bei Um- und Erweiterungsbauten beeinflussen das rechnerische Honorarergebnis.

  2. Zusammenfassung von anrechenbaren Kosten: Wenn bei unterschiedlichen Bauabschnitten (z. B. bei stufenweiser Modernisierung einer Schule) die anrechenbaren Kosten in Leistungsphase 3 zusammenfassend zugrunde zu legen sind, obschon vier Bauabschnitte vorgegeben sind, ergibt sich ein anderes Honorarergebnis für die zeitlich getrennten Leistungsphasen als wenn die anrechenbaren Kosten je Bauabschnitt ermittelt werden.

  3. Zuschläge oder Nachlässe: Bei unterschiedlichen Ausgangsgrößen für den angefragten Zuschlags- oder Abschlags-Prozentwert ergeben sich teils sehr unterschiedliche Honorarhöhen.

  4. Ermittlung von anrechenbaren Kosten: Bei der Vorgabe, dass die Kosten der Baugrube nicht zu den anrechenbaren Kosten gehören, ist darauf zu achten, dass diesbezüglich auch keine Planungs- und Koordinierungsleistungen abgefragt werden (bzw. dann erbracht werden müssen). Gleiches gilt sinngemäß für baukonstruktive Einbauten / Fachlieferanten.

  5. Anrechenbare Kosten aus mitverarbeiteter Bausubstanz: Wenn die anrechenbaren Kosten aus mitverarbeiteter Bausubstanz bereits in den Auslobungsunterlagen bei Vertragsabschluss festgelegt oder vorgegeben werden, kann sich eine Abweichung von den Regelungen nach § 4 Abs. 3 HOAI ergeben. Oft sind solche Vorgaben sehr niedrig kalkuliert, sodass sich später ein rechnerisch geringeres Honorar als der Basishonorarsatz ergibt.

  6. Angabe zu Stundensätzen: Bei der Abfrage von Stundensätzen ist darauf zu achten, auf welche Leistungen sich diese Stundensätze beziehen. Insbesondere bei Generalplanerverträgen kommt es vor, dass die anzugebenden Stundensätze bei Nachunternehmern aus den unterschiedlichen Leistungsbildern später nicht durchsetzbar sind. Daher wäre auch hier darauf zu achten und notfalls zu klären, wofür die im Vertrag (ohne näheren Leistungsbezug) vereinbarten Stundensätze in der Vertragsabwicklung angewendet werden sollen.

Basishonorarsätze ebenfalls von Ausschreibungsänderungen betroffen

Schon die genannten "Anwendungsfälle" zeigen, wie groß der Spielraum der Auftraggeber bei der Ausschreibung der Honorarparameter ist und welche Folgen für ein Angebot (und auch die spätere Leistungserbringung) daraus resultieren können. Dabei sind häufig auch die Basishonorarsätze betroffen.

Da die genannten Beispiele und die so abgefragten Honorarangaben jedoch nur noch Ausformungen im Rahmen der Orientierungswerte nach HOAI darstellen, ist eine einzelfallbezogene Kalkulation in jedem Fall ratsam.

Ungewollte Auslegungsspielräume: Öffentlichen Auftraggeber um Klarstellung bittet

Wenn man als Planer zu der Auffassung gelangt, dass der öffentliche Auftraggeber bei der Vorgabe der rechnerischen Bezugsgrößen des Honorars ungewollt Auslegungsspielräume "produziert" hat, empfiehlt es sich, eine klarstellende Frage ins Vergabemanagementsystem einzustellen.

Konkret bedeutet dies, dass man um Aufklärung bittet, wenn bestimmte Honorarbemessungsregeln nicht verstanden werden. Der Auftraggeber muss darauf reagieren, damit alle Bieter seine Antwort bei ihrer Honorarkalkulation berücksichtigen können.

Planer sollten anfragen, ob die (für sie relevante) abgefragte Honorarposition so oder anders gemeint ist, und ggf. um eine entsprechende Neuformulierung bitten. Wenn man die Formulierung, wie man sie für richtig hält, als sein (aufzuklärendes) Verständnis beschreibt, erhält man dazu eine klarstellende Antwort.

Fazit: Jede Ausschreibung verlangt konkrete Kalkulation

Durch den Wegfall der verbindlichen Mindestsätze sind auch die weiteren Honorarberechnungsparameter mit erheblichem Ermessensspielraum ausgestattet worden. Planer kommen nicht umhin, bei jeder Ausschreibung genau hinzusehen und ihr Honorar anhand der konkreten Gegebenheiten zu kalkulieren.

Eine solche Kalkulation hilft in der Vertragsverhandlung, denn damit kann sofort, das heißt noch in der Verhandlung, kalkulatorisch erkannt werden, welche Auswirkungen einzelne Verhandlungsergebnisse mit sich bringen.

Bewertung für diesen Fachbeitrag
5.0 von 5 Sternen | 1 Abstimmungen
Quellen-und-Verweise  QUELLEN UND VERWEISE:
https://www.bauingenieur24.de/zeitschriften/baurecht/planungsbuero-professionell-iww-institut-fuer-wirtschaftspublizistik-verlag-gmbh-co-kg/131.htm
Kurz-Link  Kurz-Link zu diesem Beitrag:
http://www.bauingenieur24.de/url/700/3388