bauingenieur24 - Online-Magazin für Bauingenieure mit Stellenmarkt
16 Jahre [2001-2017] - Online-Magazin mit Stellenmarkt für Bauingenieure
17. Jahrgang | Ausgabe 5939 | Nr. 327
Fachbeiträge für Bauingenieure » Berufswelt
 
Autor: 
Herausgeber:  bauingenieur24 Informationsdienst
 

Weiterbildungsmarkt im Bauingenieurwesen verändert sich

03.11.2017
 

Postgraduale Fachveranstaltungen als Studiumsergänzung unerlässlich. Angebote müssen größerer und spezieller Nachfrage Rechnung tragen. Bauschäden-Forum in Rottach-Egern auf der Suche nach zeitgemäßer Ausrichtung

 

Lebenslanges Lernen für Bauingenieure Pflicht

Beim traditionsreichen Bauschäden-Forum in Rottach-Egern warb der Bausachverständige Manfred Heinlein für eine grundsätzlich kritische Haltung. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24 Beim traditionsreichen Bauschäden-Forum in Rottach-Egern warb der Bausachverständige Manfred Heinlein für eine grundsätzlich kritische Haltung. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24

Wer heute das Bauingenieurwesen studiert und danach auch tatsächlich als Bauingenieur tätig wird, hat noch nicht ausgelernt. Zwar erreicht man den Status eines Bauingenieurs dank der neuen Bachelor-Studiengänge inzwischen schneller als vor einigen Jahren. Doch die lebenslange Tauglichkeit für den anspruchsvollen Einsatz als Planer oder Projektleiter ist damit noch nicht garantiert.

Viele Unternehmen beklagen die zunehmend "unfertigen" Berufseinsteiger. Sie sehen sich gezwungen, durch kostspielige Training-on-the-Job-Programme sowie mittels Mentoren und betriebsinterne Weiterbildungsakademien selbst einen Großteil der notwendigen Fachausbildung, welchen die Hochschulen und Universitäten nicht mehr leisten können oder wollen, zu übernehmen (siehe Quellen und Verweise).

Hinzu kommt das Bestreben der Berufstätigen selbst, sich durch geeignete berufsbegleitende Fortbildungen für höhere Positionen oder gar eine Selbstständigkeit zu qualifizieren. Entsprechende postgraduale Sachverständigenkurse oder Zertifikatslehrgänge erfreuen sich großer Beliebtheit.

 

Veränderte Nachfrage schafft neue Weiterbildungsangebote im Baubereich

Die gestiegene Nachfrage für berufliche Weiterbildung hat in den letzten Jahren zu einer starken Veränderung am Weiterbildungsmarkt geführt. Es entstanden neue spezialisierte Angebote, allen voran diverse berufsbegleitende Masterstudiengänge.

Berufsverbände und Kammern, darunter der Bund Deutscher Baumeister (2016) und die Ingenieurkammer Hessen (2004), gründeten eigene Weiterbildungs-Akademien, um den Nachwuchs- und Qualifizierungsbedürfnissen ihrer Mitglieder gezielter zu begegnen. Gleichzeitig reagierten traditionelle Großanbieter auf die neuen Wettbewerber mit eigenen Spezialisierungen bzw. der Verschlankung ihres Angebots.

Wie groß das Interesse an einer Marktbeteiligung im Bereich Weiterbildung von verschiedenen Seiten ist, zeigt sich beim Blick auf das aktuelle Angebot zum Thema Brandschutz. Von der großen Messe über den speziell konzipierten Planertag bis hin zu Grundausbildungen und Aufbaulehrgängen für Brandschutzbeauftragte ist alles zu finden.

 

Weiterbildung zum Thema Bauschäden seit 1972 neunzig mal durchgeführt

Am Weiterbildungsmarkt drängen sich zu den traditionsreichen Fachveranstaltungen wie dem Bauschäden-Forum neue Formate, die ihren Teil vom Kuchen abhaben wollen. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24 Am Weiterbildungsmarkt drängen sich zu den traditionsreichen Fachveranstaltungen wie dem Bauschäden-Forum neue Formate, die ihren Teil vom Kuchen abhaben wollen. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24

Das seit 1972 halbjährlich stattfindende Bauschäden-Forum im oberbayerischen Rottach-Egern hat sich seither die kritische Auseinandersetzung mit seinem Thema auf die Fahnen geschrieben. Bis heute sind die Veranstalter überzeugt, durch den unkonventionellen Ansatz des Forumsgründers Raimund Probst "neutrale Wissensvermittlung" und "einzigartiges Erkenntnistraining" anzubieten.

Zur 90. Auflage des Bauschäden-Forums im Oktober dieses Jahres begrüßte der Bausachverständige, Architekt und Leiter des Forums Manfred Heinlein etwa 140 Teilnehmer. Es waren in der Mehrzahl Personen, die dem Forum seit langem treu sind. "Einige bringen ihre Kinder mit. So kennen wir das seit den Gründertagen", gab Heinlein Auskunft über die bisherige Akquise neuer Forumsbesucher.

 

Traditionelle Fortbildungen: Teilnehmergewinnung kein Selbstläufer mehr

Mit dieser Selbstverständlichkeit konnte zuletzt jedoch der moderne Hörsaal im reizvoll gelegenen Seeforum Rottach-Egern nicht mehr gefüllt werden. Etliche Plätze blieben auch zur Jubiläumsveranstaltung leer, obwohl man erstmals einen externen Kooperationspartner hinzugezogen hatte.

Das Marketing fand durch die neue Partnerschaft stärker als in der Vergangenheit online statt. Viele "Neue" kamen am Ende dennoch nicht. Somit wirkte die Veranstaltung wie ein regelmäßiges Klassentreffen, bei dem man sich duzt und über gemeinsame Erlebnisse spricht.

Die unverkrampfte gegenseitige Ansprache lockerte zwar die Stimmung während der Vorträge auf, die angestrebte offene und kontroverse Diskussions- und Debattenkultur kam jedoch aus zweierlei Gründen zu kurz.

Zu oft wurde bei strittigen Fragen mit Aussagen wie "Das hatten wir hier doch schon mal" oder "Das können wir ja beim nächsten Mal aufnehmen" in die Vergangenheit oder die Zukunft verwiesen. Gleichzeitig wurden Gespräche oder aufkeimende Diskussionen im Keim erstickt, da es aufgrund der Vortragsdichte schlichtweg keine Zeit gab.

 

Online-Angebot soll Weiterbildung moderner und attraktiver machen

Manche Baufortbildungen sind mit ihren Teilnehmern gealtert, ohne jüngere Zielgruppen für sich zu gewinnen. Die Berücksichtigung von Arbeitszeit und digitaler Kommunikation könnten hier helfen. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24 Manche Baufortbildungen sind mit ihren Teilnehmern gealtert, ohne jüngere Zielgruppen für sich zu gewinnen. Die Berücksichtigung von Arbeitszeit und digitaler Kommunikation könnten hier helfen. Foto: Fabian Hesse / bauingenieur24

Der Vorschlag der Forumsleitung, das präsenzgebundene Forum um eine interaktive Plattform im Internet zu erweitern, könnte eine Lösung sein, um die fruchtbaren Anmerkungen des Plenums auch reifen zu lassen und später noch nachzuvollziehen. Die Bedingung dafür wären bereitgestellte Ressourcen zur Einrichtung und Pflege durch den Veranstalter.

Viele junge Kollegen, die man für eine Teilnahme am Bauschäden-Forum gewinnen möchte, befinden sich in einer zeitintensiven Gründungsphase ihres Berufslebens. Es wird daher darüber nachgedacht, die bisher an drei Arbeitstagen stattfindende Veranstaltung auf das Wochenende zu verlegen.

Diese zeitliche Anpassung käme wohl auch etablierten und bereits fest im Beruf stehenden Teilnehmern zugute. Aus ihren Reihen war zu hören, dass der Verlust der Arbeits- und Projektzeit innerhalb der Woche "richtig weh" tue.

 

Fortbildungsveranstaltungen: Organisation muss gleiche Qualität wie Inhalt haben

Während die Organisation und Durchführung des Bauschäden-Forums und anderer traditionsreicher Veranstaltungen in Zukunft unstreitig einer Überarbeitung bedarf, sollte auch die inhaltliche Güte in keinem Fall vernachlässigt werden. In Rottach-Egern gab es diesbezüglich vereinzelte Kritik, beispielsweise am Auftritt eines Industrievertreters oder bei der Frage, ob denn bestimmte Themen nicht inzwischen hinreichend beleuchtet worden seien.

Bei der Wahl der Referenten kamen indes keinerlei Zweifel an deren exklusivem Fachwissen auf. Man lade bewusst und ausschließlich Experten mit einschlägigen Referenzen ein, so Manfred Heinlein. Bei neuen Themen, wie zum Beispiel der Entwicklung und Anwendung von Textilbeton, warte man solange ab, bis der richtige Kandidat für einen Vortrag gefunden sei.

Heinlein legte zu Beginn des 90. Bauschäden-Forums den Teilnehmern den Mut zu Selbstkritik und Selbstzweifeln nahe. Folgerichtig erhielten die Besucher erstmalig auch einen Fragebogen zur anschließenden Bewertung der Veranstaltung. Die Zeichen der Zeit wurden in Rottach-Egern erkannt.

 
Quellen und Verweise
Diplom bleibt Nonplusultra im Bauingenieurwesen
Seminare für Bauingenieure
 
Kurz-Link zu diesem Beitrag
https://www.bauingenieur24.de/url/700/2986
 
weitere Beiträge zu Berufswelt

Bauingenieure in Norddeutschland knapp

Der Landtag von Schleswig-Holstein (im Bild: Landtagsgebäude in Kiel) hat ein Video zur Anwerbung von Bauingenieuren produzieren lassen. Foto: Kai Breker / Pixelio Region durch Fremdenverkehr und Tourismus auf belastbare Infrastruktur angewiesen. Viele Stellen für Bauingenieure in Ämtern und Behörden vakant. Lokale Verbundenheit und gesellschaftsrelevante Arbeit...

Gehalt, Arbeitszeit, Urlaub: Was Tarifverträge für Bauingenieure vorgeben |...

Der Tarifvertrag für Angestellte in Planungsbüros erscheint seit 1980 jährlich. Abb.: ASIA Beschäftigung und Gehalt im Bauingenieurwesen sehr heterogen. Unterschiedliche Tarifverträge für Planungsbüros, Baugewerbe und öffentlichen Dienst. ASIA-Tarifvertrag oft Grundlage für...

Bologna-Prozess nachgebessert: BTU Cottbus-Senftenberg passt Programm im...

Dr. Volker Wetzk und Prof. Markus Otto von der Fakultät Architektur, Bauingenieurwesen und Stadtplanung an der BTU werben für ihr neues Studienprogramm. Foto: BTU Bachelorabschluss nach sechs oder acht Semestern möglich. Duales Studium bietet zusätzlich auch Berufsabschluss. Anpassung soll Berufseinstieg für Bauingenieure erleichtern Für die aktuell...
 
Forenthemen aus Berufswelt
Di 21. Nov | 11:38       Di 21. Nov | 11:40
Di 24. Okt | 11:39       Di 24. Okt | 11:33
 
Bücher zum Beitrag
     
 
 
 
     


Teilen Sie die Inhalte mit
anderen Bauingenieuren