Fachbeiträge & Interviews
Sonntag, 27. September 2020
Ausgabe 6978 | Nr. 271 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Wird der Ingenieurberuf durch Künstliche Intelligenz menschlicher?

# 04.12.2019

VBI-Mitglieder diskutieren auf Bundeskongress über eigene Zukunft. Forschung und Baupraxis zeigen Chancen und Risiken digitaler Technologien auf. Prognose: Wegfall von Routinearbeiten öffnet Raum für Kreativität und Empathie

VBI: Wie sieht das Ingenieurbüro im Jahr 2030 aus?

Ein humanoider Roboter begrüßte die Teilnehmer auf dem VBI-Bundeskongress 2019 in Bamberg. Foto: Torsten George/VBI Ein humanoider Roboter begrüßte die Teilnehmer auf dem VBI-Bundeskongress 2019 in Bamberg. Foto: Torsten George/VBI

Was wäre, wenn Künstliche Intelligenzen oder gar "Künstliche Kreativität" das menschliche Tun im Allgemeinen und die Arbeit beratender Ingenieure im Besonderen überflüssig machen würden?

Um diese und ähnliche Hypothesen drehte sich der jüngste Bundeskongress des Verbands beratender Ingenieure (VBI) Anfang November in Bamberg. Unter dem Motto "Ingenieurbüro 2030 – Bleibt Kreativität menschlich?" schärften die Teilnehmer ihren Blick in die nähere Zukunft.

Für Optimisten bedeutet diese Zukunft vor allem eine Entlastung im Arbeitsalltag durch Künstliche Intelligenz (KI) und andere datenbasierte Technologien. Routinearbeiten könnten so beispielsweise schneller erledigt werden, was Planern mehr Zeit für Kreativität und dem Entwickeln bester Lösungen bietet. Auf der Seite der Pessimisten gibt es diesbezüglich die Befürchtung, dass besagte Kreativität womöglich gar keine Errungenschaft menschlicher Intelligenz ist.

Digitale Technologien verändern Geschäftsmodelle im Bauwesen

Laut gängiger Expertenmeinung wird der Einzug digitaler Technologien das Bauen in den kommenden Jahren von Grund auf verändern. Daraus würden sowohl neue Leistungsbilder als auch Geschäftsmodelle entstehen.

Für den VBI steht daher fest, dass es beim Thema Digitalisierung im Bauwesen nicht nur um Building Information Modeling, kurz BIM, gehen kann sondern auch die Arbeitsweise in den Planungsbüros und Bauunternehmen selbst sowie die fachlichen und betriebswirtschaftlichen Strukturen der Branche vor großen Veränderungen stehen.

VBI-Präsident: Ingenieurbüros sind schon von Computersystemen abhängig

Der Präsident des VBI, Jörg Thiele, machte auf dem Bundeskongress am Beispiel der Tragwerksplanung deutlich, wie sehr man bereits heute von digitaler Technik abhängig sei:

"Unsere Mitarbeiter geben tagtäglich Daten in ihren Computer ein, um ein hochkomplexes Tragsystem zu berechnen. Wir nehmen alle die Ergebnisse als gegeben hin, doch im Hintergrund laufen die Algorithmen ab. Ich glaube, die wenigsten unserer Mitarbeiter sind noch allein in der Lage, Zwischen- und Endergebnisse auf Plausibilität zu prüfen."

Ingenieurverband will Mitglieder auf "Kollege Roboter" vorbereiten

Man wolle die Mitgliedsunternehmen rechtzeitig auf die digitale Zukunft einstellen, so Thiele. Dazu sollten Denkanstöße vermittelt und die unternehmerischen Sinne dafür sensibilisiert werden, zu erkennen, wo neue Geschäftsmodelle entstehen und "der Kollege Roboter an die Bürotür klopft." Letzterer war folgerichtig als "Moderator" auf der Bühne des Bundeskongresses zu sehen und auch zu hören (siehe Bild bzw. Quellen und Verweise).

Nach mehreren Vorträgen, unter anderem von einem Vertreter des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie vier Vertretern aus der Baupraxis, und der Diskussion über den aktuellen Stand der Dinge, kamen die Teilnehmer darin überein, dass sowohl der Bedarf als auch die Kapazitäten der menschlichen Kreativität weiterhin groß sind, auch und gerade für beratende Ingenieure.

Mehr Empathie am Arbeitsplatz als Folge der digitalen Transformation?

Neben der Kreativität müsse die Menschlichkeit als solche, im Sinne von Empathie, und mit ihr eine neue Kultur der Unternehmensführung noch stärker Einzug in den Arbeitsalltag halten. Die Übernahme unter anderem von Routineaufgaben durch digitale Technologien schaffe hierfür neuen Raum, welcher insbesondere von der jüngeren Ingenieurgeneration auch zusehends eingefordert wird, so der Tenor der Veranstaltung.

Letztlich sei die jetzige Situation der digitalen Transformation, mit ihrem zum Teil disruptivem, d.h. alte Geschäftsmodelle (zer-)störenden Charakter, nicht "krasser" als zur Zeit des Fordismus, fasst Tatjana Steidl vom VBI die überwiegende Zuversicht im Plenum des Bundeskongresses zusammen.

Gleichwohl würden das Denken und das zwischenmenschliche Miteinander aktuell und in Zukunft vor große Herausforderungen gestellt. Auf die Frage ob man als Unternehmer bzw. Fachingenieur im Bauwesen bereit für diese Zukunft sei, lautete nach dem VBI-Bundeskongress eine Antwort aus dem Kreis der Teilnehmer: "Man ist animiert, mehr darüber nachzudenken."

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Quellen-und-Verweise  QUELLEN UND VERWEISE:
VBI-Bundeskongress 2019 (Video)
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