Fachbeiträge & Interviews
Montag, 05. Dezember 2022
Ausgabe 7777 | Nr. 339 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Ulrich Hartmann
Herausgeber: Verlag Ernst & Sohn email-weiterempfehlendruckansicht

DIN SPEC 91391 – Wenn Sie heute ein CDE auswählen dürften...

# 30.08.2022

Teil 2: Anwendungsfälle in einem CDE umsetzen

V. Wie geschieht die Umsetzung von Anwendungsfällen in einem CDE genau?

Bild 8. CDE-Anwendungsfall: Zusammenstellung von Fachmodellen in einem Informationscontainer Bild 8. CDE-Anwendungsfall: Zusammenstellung von Fachmodellen in einem Informationscontainer

Schauen wir uns zunächst, wie das prinzipiell abläuft. Wir haben den BIM-Anwendungsfall zur Verfolgung eines BIM-Ziels, beispielsweise den BIM-Anwendungsfall Modellkoordination.

In der technischen Umsetzung wird er auf einem CDE in eine Reihe von CDE-Workflows zerlegt, die jeweils Teilaufgaben erledigen, beispielsweise einen Modellprüfprozess.

Fall c) API-Anwendungsfall betrifft DIN SPEC Teil 2. Da geht’s um den Datenaustausch mit externen Systemen über CDE-Schnittstellen. Nehmen wir als Beispiel den BIM-Anwendungsfall Modellkoordination. Er wird im CDE zerlegt in die CDE-Anwendungsfälle:

  • Zusammenstellen von Fachmodellen in einem Informationscontainer
  • Modellprüfung, z. B. Kollisionsprüfung
  • Modellfreigabe
  • Fehlerreport
  • Modellbasierte kooperative Fehlerbehebung
CDE-Anwendungsfälle sind also die Bausteine für die Ausführung eines gesamten BIM-Anwendungsfalls im CDE. (Bild 8)

Was passiert im ersten CDE-Anwendungsfall, der Zusammenführung der Fachmodelle in einem Informationscontainer? Mehrere Fachmodelle, die in ihrer Gesamtheit auf Stimmigkeit und Widerspruchsfreiheit geprüft werden sollen, werden zunächst mal zusammengeführt. Im Beispiel hier:
  • das Tragwerksmodell
  • das Fachmodell Elektro und
  • das TGA Fachmodell.

Auf dem CDE zusammengeführt bilden sie das Koordinationsmodell, das geprüft werden soll. Allerdings werden die Fachmodelle beim Zusammenführen nicht einfach so in einen großen CDE-Topf geworfen, dann könnte man ja auch eine DropBox hernehmen, welches zu Problemen führen kann.

VI. Datenhoheit und Lieferprinzip

Bild 9. Datenhoheit und Lieferprinzip – Volle Kontrolle über die eigenen Daten Bild 9. Datenhoheit und Lieferprinzip – Volle Kontrolle über die eigenen Daten

Auf einem CDE nach DIN SPEC 91391 gelten die Prinzipien der Datenhoheit für jeden Teilnehmer. Bild 8 aus der DIN SPEC zeigt, was gemeint ist. Datenhoheit bedeutet, jeder Projektteilnehmer hat seinen privaten Datenbereich auf den andere keinen Zugriff haben. Hier als Kuchenstücke dargestellt. (Bild 9)

Das Lieferprinzip bedeutet, dass Informationen nur durch ausdrückliches Versenden den privaten Bereich des Eigentümers verlassen und in den privaten Bereich des Empfängers übertragen werden. Dieses explizite Lieferprinzip hat entscheidende Vorteile gegenüber Ordnerstrukturen mit Zugriffsrechten, denn der Austausch findet ganz gezielt zwischen den betroffenen Parteien statt und was einmal geliefert wurde, kann beim Lieferprinzip nachträglich nicht mehr entzogen werden. Das schafft Sicherheit.

Dementsprechend sehen wir hier nochmal die drei Fachplaner TGA, Tragwerk und Elektro. Ihre Fachmodelle, die braunen Kreise, liegen in ihren jeweiligen privaten Bereichen. Sie senden ihre Fachmodelle kontrolliert an den Koordinator, hier P3. Sind die Fachplanermodelle im privaten Bereich des Prüfers P3 angekommen, kann dieser das Koordinationsmodell erstellen.

Zurück zur Modellkoordination. Schauen wir, wie es weitergeht. Wir haben die Fachmodelle an den Prüfer P3 übermittelt. Das Koordinationsmodell ist erstellt, der CDE-Anwendungsfall Modellprüfung, z. B. Kollisionsprüfung, kann beginnen.

VII. Wie prüft der Prüfer?

Bild 10. Kollisionsreports lassen sich über Web-Schnittstellen, z. B. von Solibri Model Checker, direkt in das Aconex Dashboard übertragen, im Modell-Viewer visualisieren und in einen Fehlerbehebungs-Workflow einbinden. Bild 10. Kollisionsreports lassen sich über Web-Schnittstellen, z. B. von Solibri Model Checker, direkt in das Aconex Dashboard übertragen, im Modell-Viewer visualisieren und in einen Fehlerbehebungs-Workflow einbinden.

Zunächst kann eine Sichtprüfung im BIM-Viewer des CDE erfolgen. Solche hochwertigen BIM-Viewer stehen auf der Pflichtliste der CDE-Funktionen. Aber der Prüfer will möglicherweise gewohnte Prüfwerkzeuge einsetzen wie bspw. SOLIBRI Model Checker o. Ä. Dazu braucht ein CDE Schnittstellen, über die solche externen Werkzeuge eingebunden werden können. Zum Konzept offener CDE-Schnittstellen mehr im Teil 2 der DIN SPEC.

Kommen wir zum nächsten Schritt, dem CDE-Anwendungsfall Modellbasierte kooperative Fehlerbehebung. Aus einer Prüfung geht ein Fehlerreport hervor. Vorteile bieten hier offene Formate, vorzugsweise das BIM Collaboration Format (BCF). Der Fehlerreport wird an die Fachplaner zurückgespielt. Sie können sich die Fehler direkt im CDE anschauen, falls ihr CDE über einen BCF-fähigen BIM-Viewer verfügt.

Das könnte dann z. B. so aussehen: Im CDE hier links ist die Fehlerliste, die als BCF vom Prüfwerkzeug zurückkommt. Klickt man einen Fehler an, fliegt man an die 3D-Kameraposition im Modell und sieht, was da los ist. (Bild 10)

Bild 11. CDE-Anwendungsfall: Modellbasierte kooperative Fehlerbehebung Bild 11. CDE-Anwendungsfall: Modellbasierte kooperative Fehlerbehebung

Als BIM-Koordinator kann man von dort auch z. B. gleich einen kollaborativen Fehlerbehebungsprozess auf dem CDE initiieren, der dann wieder einen kollaborativen, kontrollierten Prozess der modellbasierten kooperativen Fehlerbehebung anstößt.

Es folgen dann wieder aktualisierte Modelllieferungen seitens der Fachplaner an den Prüfer und Wiederholungen dieser Art bis am Ende Tragwerks-, TGA- und Elektro-Fachmodelle fehlerfrei aufeinander abgestimmt sind.

Wie gut, dass man auf einem CDE nicht alle Versionen und Zwischenschritte manuell kontrollieren muss! Das Informationsmanagement und das Dokumentenmanagement des CDE erledigen das für uns. Und das für sämtliche Anwendungsfälle und hunderte oder tausende von Modellen, Dokumenten etc. und entlang aller Projektphasen. (Bild 11)

Bild 12. Projektpartner tauschen Informationscontainer mit unterschiedlichem Bearbeitungsstatus aus. Eine koordinierende Instanz (z. B. BIM-Koordinator) regelt den Statusübergang (in Bearbeitung / geteilt / freigegeben / archiviert) Bild 12. Projektpartner tauschen Informationscontainer mit unterschiedlichem Bearbeitungsstatus aus. Eine koordinierende Instanz (z. B. BIM-Koordinator) regelt den Statusübergang (in Bearbeitung / geteilt / freigegeben / archiviert)

Die drei Fachmodelle können also nun freigegeben werden für die nächsten Anwendungen. Auch dieser Freigabeprozess wird in der DIN SPEC detailliert erläutert. Wir sehen in Bild 11 den Verlauf des Bearbeitungsstatus, im Einklang mit der ISO 19650, vom Status in Bearbeitung, über geteilt, bis zum Status freigegeben.

Ein BIM-Koordinator hat so stets den Überblick, in welchem Zustand der Bearbeitung sich die Informationslieferungen gerade befinden und kann bei Verzögerungen eingreifen. (Bild 12)

Soweit zum Informationsmanagement auf einem CDE und der kollaborativen Erzeugung von Informationen. Weitere Anwendungsfall-Beispiele findet man in Teil 1 der DIN SPEC.

CDE-Anwendungsfälle sind die Bausteine zur Umsetzung weiterer BIM-Anwendungsfälle im CDE. Eigene BIM-Anwendungsfälle können daher aus den CDE-Anwendungsfällen als Grundbausteine zusammengestellt werden wichtigen Punkten.

VIII. Module und Funktionsgruppen eines CDE

Bild 13. Datenhoheit und Lieferprinzip – Volle Kontrolle über die eigenen Daten Bild 13. Datenhoheit und Lieferprinzip – Volle Kontrolle über die eigenen Daten

Aber das ist lange nicht alles, was die DIN SPEC zum Thema CDE zu sagen hat. Ein CDE ist ein komplexes System mit modularem Aufbau. Jedes Modul wird mit seinen speziellen Funktionen und spezifischen Anforderungen beschrieben. Auch der verloren geglaubte Begriff einer Single Source of Information wird wieder erläutert. (Bild 13)

Begleitend zum Teil 1 der DIN SPEC gibt es die Funktionsliste. Sie listet mehr als 200 CDE-Funktionen auf und enthält eine Kurzbeschreibung aller CDE-Funktionen, CDE-Anwendungsfälle und aller CDE-Module, vom Workflow Management über das Datenmanagement und die Projektadministration bis zur digitalen Infrastruktur eines CDE. Diese Funktionsliste schafft Vergleichbarkeit zwischen CDE-Produkten und unterstützt damit auch CDE-Ausschreibungen.

Bild 14. Die begleitende Funktionsliste der DIN SPEC 91391-1 enthält über 200 CDE-Funktionen und kann als Vorlage für eigene CDE-Ausschreibungen verwendet werden. Bild 14. Die begleitende Funktionsliste der DIN SPEC 91391-1 enthält über 200 CDE-Funktionen und kann als Vorlage für eigene CDE-Ausschreibungen verwendet werden.

Schauen wir mal rein in den Bereich modellbasierte kooperative Fehlerbehebung, den wir ja eben schon im Beispiel kennengelernt haben. Welche Funktionalität muss ein CDE hier bieten? (Bild 14)

Wir sehen kurz zusammengefasst die funktionalen Eigenschaften zur Lieferqualität, auch die zu unterstützenden Dateiformate, aber auch die Fähigkeit eines CDE Lieferfristen zu kontrollieren.

Weiter unten dann im Bereich Modellprüfung verschiedene Koordinations-Workflows, wie z. B. den zur Modellkoordination und weiter zur Plan und Dokumentenprüfung, denn auch ein BIM-Projekt besteht ja nicht nur aus Modellen.

Einige Funktionen sind als optional gekennzeichnet, das sehen wir in den Spalten ganz rechts, manche also als nicht zwingend erforderlich eingestuft. Das gibt Anhaltspunkte, z. B. bei Ausschreibungen, was möglich oder garsinnvoll seinen könnte, was aber nicht alle CDE-Anbieter zur Verfügung stellen müssen, um als DIN SPEC-konformes CDE zu gelten.

IX. CDE und Sicherheit

Schauen wir noch auf das besonders wichtige Thema CDE und Sicherheit. Welche Anforderungen stellt hier die DIN SPEC? Zum einen geht es um die Sicherheit von Informationen, die im CDE abgelegt sind, zum anderen um die Robustheit und Betriebssicherheit der technischen und digitalen Infrastruktur.

Auch hierauf geht die DIN SPEC im Detail ein, nennt Anforderungen zur Gebäudesicherheit der Rechenzentren, zu Maßnahmen für die Sicherheit der Daten im CDE und weiteren wichtigen Punkten.

X. Fazit

Die DIN SPEC ist ein kleines Handbuch für das praktische CDE-Informationsmanagement geworden. Sie erklärt die praktische Umsetzung des Building Information Managements, beschreibt konkrete CDE-Funktionen und-Anforderungen und die praktische Umsetzung.

Die weltweit führende Normungs- und Standardisierungsorganisation BSI (British Standards Institution) hat die DIN SPEC in ihr BSI Kitemark Zertifikat für BIM Compliant Software aufgenommen und erste Produkte zertifiziert.

Die BSI Zertifizierung von CDEs prüft also auch die Konformität von CDE-Produkten gegenüber der DIN SPEC 91391. Damit hat die DIN SPEC bereits weltweite Relevanz bekommen. Begleitend zum Teil 1 der DIN SPEC gibt es die Funktionsliste mit über 200 CDE-Funktionen. Sie unterstützt bei CDE-Ausschreibungen und Anbietervergleichen.

(Vom Autor dieses Beitrags, Ulrich Hartmann, Produktmanager, BIM- und AEC-Industrie-Experte bei Oracle Construction and Engineering, erscheint im November das Buch "".)

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