Autor: Christian Wieg
Herausgeber: bauingenieur24® Informationsdienst

Energieausweise nur bedingt aussagefähig

# 15.05.2008

Nach dreijähriger kontroverser Diskussion und unter Berücksichtigung aller Lobbyinteressen, wird der Energieausweis für die Errichtung, Änderung oder Erweiterung von Wohngebäuden nun endlich schrittweise eingeführt. Ab dem 1. Juli 2008 haben neue Mieter und Käufer von Immobilien das Recht auf Einsichtnahme in einen Energieausweis. In einer Übergangsfrist bis 1. Oktober 2008 besteht noch die Möglichkeit für alle Gebäudeeigentümer, sich einen preiswerten verbrauchsbasierten Energieausweis erstellen zu lassen. Für alle Eigentümer, die ihr Haus selbst nutzen, besteht kein Handlungsbedarf.

Für Nichtwohngebäude besteht Wahlfreiheit zwischen Energiebedarf oder -verbrauch als Basis des Energieausweises, Foto: Redaktion Für Nichtwohngebäude besteht Wahlfreiheit zwischen Energiebedarf oder -verbrauch als Basis des Energieausweises, Foto: Redaktion

"Wer nun glaubt, aus den vorliegenden Daten die Energiekosten einer Wohnung ablesen zu können, wird enttäuscht sein", resümiert der Energieberater Dipl.-Ing. Raymond Krieger. Es kann sich hierbei lediglich um eine grobe Abschätzung der Kosten handeln, die durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden. "Der Energieausweis war aber auch nie dazu gedacht, eine Kostenermittlung des tatsächlichen Verbrauchs zu projizieren", stellt Krieger fest. Ziel des Ausweises sei die Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger für den Energiekennwert und dessen Einstufung hinsichtlich der Energieeffizienz, damit Objekte nicht immer nur nach der Lage ausgewählt werden. Der ermittelte Energiekennwert gibt einen Hinweis auf die Qualität der Gebäudesubstanz, den Stand der Heizungstechnik sowie die Auswirkungen des Nutzerverhaltens auf den Energieverbrauch.

Grundsätzlich können Energieausweise für bestehende Gebäude entweder auf der Grundlage des berechneten Energiebedarfs oder des gemessenen Energieverbrauchs ausgestellt werden. Der Ausweis kann allgemeine Hinweise zu Modernisierungsempfehlungen enthalten, die auf erste Anhaltspunkte zu möglichen Verbesserungen des Gebäudes hinweisen sollen. Dies kann dann für den Verbraucher Anlass sein, eine intensive und ausführliche Energieberatung in Anspruch zu nehmen, mit der detaillierte Modernisierungsempfehlungen zur Energieeinsparung erarbeitet werden können und diese dann auch wirtschaftlich beleuchtet werden.

Warum der Energieausweis nicht die Kosten einer Wohnung oder eines Gebäudes widerspiegelt, erläutert Krieger so: Ist z. B. die Warmwasserbereitung dezentral, also in jeder Wohnung eines Objektes ein elektrischer Durchlauferhitzer, fließt der Energieverbrauch nicht in die Berechnung mit ein. Auch zusätzliche Kosten der Heizung (wie Wartung, Schornsteinfeger etc.) werden nicht berücksichtigt. Zudem wird der Ausweis immer nur für das gesamte Gebäude erstellt und nicht für die einzelne Wohnung.

Durch die unterschiedliche Anordnung der Wohnungen (Dachwohnung zu Mittelwohnung) variiert der Verbrauch beträchtlich. Auch das Nutzerverhalten hat einen erheblichen Einfluss auf den tatsächlichen Verbrauch und die daraus entstehenden Kosten. "Das Rechenverfahren des Ausweises entspricht nicht der Heizkostenverordnung. Es wird deutlich, dass der Energieausweis zwar eine Aussage zum qualitativen Gebäudestandard macht, nicht aber zu den zu erwartenden Heizkosten machen kann."

Viel wichtiger sei es aber, dass der Energiekennwert für das Gebäude gesellschaftlich einen gleichen Stellenwert und die Akzeptanz erhält, wie die Angabe des Benzinverbrauchs eines Autos auf 100 km. Weiß der Mieter oder Eigentümer erst einmal den Energiekennwert einzuordnen, so hat er eine wichtige Information zum Handeln.

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