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Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst
 

EU: Nullenergiehaus als Standard geplant

 

Strengere Richtlinien sollen Energieverbrauch bis 2021 drastisch senken. Universität Bayreuth koordiniert Projekt zu innovativer Gebäudetechnologie. Industrielle Fertigung zur Anwendung in verschiedenen Klimazonen als Ziel

 

Nullenergiehaus als EU-Standard

Die Vision: Das "Nullenergiehaus" als verbindlicher Standard in der Europäischen Union. Um das zu erreichen, sollen Wohnhäuser voraussichtlich ab 2021 und Bürogebäude ab 2019 in den Ländern der EU strengen Energiesparrichtlinien unterliegen. Der Industrieausschuss des Europäischen Parlaments hat hierfür weit reichende Gesetzentwürfe vorgelegt. In wenigen Jahren sollen neu errichtete Gebäude in der Lage sein, so viel Energie zu erzeugen wie sie verbrauchen.

Gleichwohl existieren bis heute kaum tragfähige Gebäudekonzepte, die diesen Anforderungen entsprechen. Noch immer geht bei niedrigen Außentemperaturen oft ein hoher Anteil der Heizungswärme infolge mangelnder Dämmung verloren. Bei hohen Außentemperaturen wiederum müssen Klimaanlagen die durch starke Sonneneinstrahlung erhitzten Räume kühlen.

 

Neue Technologien für Glasfassaden und Innenwände

Das europäische Projekt "Industrial Development of Water Flow Glazing Systems" (InDeWaG) will diese Probleme mit einem integrierten Konzept für Gebäudehüllen überwinden. Dabei sollen zwei anspruchsvolle Technologien kombiniert werden: Durch Fluide erwärmte Innenwände ("Radiant Interior Walls") sorgen dafür, dass Heizungswärme nicht oder nur in geringem Umfang benötigt wird. Fluid-durchströmte Glasfassaden-Elemente ("Fluid Flow Glazing Facades") sollen hingegen verhindern, dass die Sonneneinstrahlung die Räume zu sehr aufheizt und dadurch den Energieverbrauch durch Klimaanlagen steigert.

Wasser, das durch Zwischenräume der Verglasung fließt, transportiert die überschüssige Wärme ab. Beide Komponenten sollen im Wechsel der Jahreszeiten so aufeinander abgestimmt werden, dass Gebäude erheblich weniger Energie für Heizung, Lüftung und Klimatisierung verbrauchen als bisher. Die entsprechenden Anlagen benötigen in diesem Fall deutlich geringere Kapazitäten, als sie heute üblich sind. Die Projektpartner von InDeWaG wollen mit diesem integrierten Konzept erreichen, dass die Baukosten für neue Gebäude um bis zu 15 Prozent sinken.

 

Industrielle Anwendung als klares Forschungsziel

"InDeWaG ist ein ausgesprochen anwendungsorientiertes Vorhaben", erläutert Projektleiterin Monika Willert-Porada vom Lehrstuhl für Werkstoffverarbeitung der Universität Bayreuth. "Es geht nicht allein um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Energienutzung und Energieeinsparung in Gebäuden, sondern vor allem um deren optimale praktische Umsetzung im industriellen Maßstab."

Ein wesentliches Ziel sei dabei die Entwicklung von Methoden, die es ermöglichen, Gebäude umfassend zu simulieren. Angestrebt werde die industrielle Fertigung standardisierter Gebäudeelemente, die gleichermaßen in verschiedenen Klimazonen eingesetzt werden können. Simulationsgestützte Gebäude-Entwürfe sollen die Integration aller Gebäudeelemente schon in einer frühen Planungsphase unterstützen und so eine detailgenaue Planung von Nullenergiehäusern gewährleisten.

 

Das Forschungsprojekt InDeWaG

wurde 2015 gestartet und wird von der Universität Bayreuth koordiniert. Weitere Partner sind:

  • die Polytechnische Universität Madrid,
  • das Zentrallabor für Solarenergie und neue Energiequellen der bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia,
  • das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg
  • namhafte Unternehmen und Architekturbüros in Deutschland, Bulgarien und Spanien

Die Europäische Union fördert das Vorhaben bis 2018 mit insgesamt rund 4,2 Millionen Euro, auf die Universität Bayreuth entfallen dabei rund 484.000 Euro.

 
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