Fachbeiträge & Interviews
Samstag, 16. Oktober 2021
Ausgabe 7362 | Nr. 289 | 21. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Martin Wünderlich, Christian Wieg
Herausgeber: Universität Kassel email-weiterempfehlendruckansicht

Modell-Projekt: Plattenbau wird zum Niedrigenergiehaus

# 03.11.2005

Wissenschaftler der Universität Kassel haben ein Renovierungsmodell entwickelt, mit dem Häuser in Plattenbauweise zu Niedrigenergiehäusern umgebaut werden können

Etwa 25 Liter Heizöl je Quadratmeter und Jahr verbrauchen unrenovierte Plattenbauten in Mittel- und Osteuropa, Foto: Universität Kassel Etwa 25 Liter Heizöl je Quadratmeter und Jahr verbrauchen unrenovierte Plattenbauten in Mittel- und Osteuropa, Foto: Universität Kassel

Die verwendete Passivhaustechnologie wurde so bisher noch nicht eingesetzt. Die praktische Funktionsweise des Umbau-Modells demonstrieren die Kasseler Wissenschaftler gerade an einem Haus in Ungarn. Plattenbauten kostengünstig zum Niedrigenergiehaus umbauen: Das soll ein von Wissenschaftlern der Universität Kassel entwickeltes Renovierungsmodell leisten. Im Pilotprojekt "Solanova" zeigen sie praktisch, dass ihr Modell kostengünstig funktioniert. Dazu renovieren sie einen ungarischen Plattenbau nach ihrem Modell. Zur Anwendung kommt dabei hochmoderne Passivhaus-Technologie. Diese wurde zur Renovierung eines Hauses in Plattenbauweise bisher noch nicht angewendet. Sind die Kasseler Forscher erfolgreich, will die Europäische Union (EU) nach diesem Modell den Umbau ganzer Plattenbau-Siedlungen in den östlichen EU-Mitgliedsländern fördern. Dies bietet die Chance, den Abriss energetisch nicht tragfähiger Wohnquartiere und damit die Zerschlagung gewachsener Sozialstrukturen zu verhindern. In Ungarn wäre beispielsweise fast ein Siebtel der Bevölkerung davon betroffen. Anwendung finden kann das Renovierungskonzept aber auch in Deutschland.

Mit etwa 25 Litern Heizöl je Quadratmeter und Jahr verbrauchen unrenovierte Plattenbauten in Mittel- und Osteuropa bis zu 50 Prozent mehr als durchschnittliche Gebäude in Deutschland. Grund dafür ist der enorm hohe Wärmeverlust. Hochmoderne Passivhäuser dagegen verlieren aufgrund ihrer exzellenten Dämmeigenschaften kaum Wärmeenergie. Allein passive Wärmequellen wie Sonne, Haushaltsgeräte und die Bewohner selbst temperieren die Räume angenehm. Bereits eine minimale Zusatzheizung genügt dann, um ein behagliches Raumklima zu schaffen.

Das Demonstrationsprojekt trägt den Namen "Solanova". In der übersetzten Langform steht das englische Akronym für "Solar unterstützte, integrierte ökoeffiziente Renovierung von großen Wohngebäuden und Energieversorgungssystemen". Auf vier Jahre ist "Solanova" insgesamt angelegt. In den ersten zwei Jahren seit Januar 2003 haben die Forscher Sponsoren und Partner gewonnen und die vorhandene Passivhaus-Technologie aus Deutschland und Österreich auf die Plattenbau-Renovierung zugeschnitten. Herausgekommen ist ein innovatives Renovierungsmodell. Denn bisher wurde Passivhaus-Technologie in erster Linie bei Neubauten angewendet. Der Einsatz bei einer Renovierung eines Plattenbaus ist absolutes Neuland.

Ziel: 80 Prozent geringerer Wärmeverlust

Dass ihr Modell praktisch funktioniert, zeigen die Wissenschaftler an einem siebengeschossigen Plattenbau in der ungarischen Stadt Dunaújváros, 70 Kilometer südlich von Budapest. Die Bauarbeiten haben im August 2005 begonnen. Insgesamt mit acht Partnern, darunter die Universität Budapest und lokale Unternehmen, will die Kasseler Forschergruppe den Heizenergieverbrauch des Hauses um mehr als 80 Prozent senken.

Neben der ungarischen Regierung, der Stadt Dunaújváros, dem örtlichen Fernwärmeunternehmen und den Wohnungseigentümern, fördert die EU das Projekt mit dem größten Finanzierungsanteil. "Solanova" ist das erste und einzige Projekt dieser Art in den neuen EU-Staaten, das von der Europäischen Kommission gefördert wird. Das Demonstrationsprojekt ist für die EU ein zentraler Prüfstein. Denn das ungarische "Solanova"-Haus ist typisch für die Plattenbauweise in den ehemaligen sozialistischen Staaten im östlichen Mitteleuropa. Ist der Umbau erfolgreich, will die Kommission nach dem Kasseler Modell die Renovierung ausgedehnter Plattenbausiedlungen fördern.

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