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Sonntag, 25. Februar 2018
Ausgabe 6033 | Nr. 56 | 17. Jahrgang
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Rebound-Effekt: Energieeffizientes Bauen zeigt weniger Wirkung

# 07.10.2015

Irrationale Wohnungsanschaffungen und mehr Fläche pro Bewohner gefährden Energiewende. Experten fordern Vorrang für Flächenoptimierung statt Ästhetik. Intelligente Haustechnik soll Wirkungsverlust ausgleichen

Reboundeffekt verringert Effizienzgewinne

In den letzten 20 Jahren ist in Deutschland die beanspruchte Wohnfläche pro Einwohner um 20 Prozent gestiegen. Foto: Daniel Kocherscheidt / Pixelio In den letzten 20 Jahren ist in Deutschland die beanspruchte Wohnfläche pro Einwohner um 20 Prozent gestiegen. Foto: Daniel Kocherscheidt / Pixelio

Wer mehr spart, kann mehr verbrauchen. Dieser logische Zusammenhang gilt auch in der Energiefrage. Wer allerdings - wie Deutschland im Zuge seiner Energiewende - effizienter und damit schonender mit den Ressourcen zur Energiegewinnung umgehen will, dem wird hier ein Bein gestellt. Der Fachbegriff hierfür lautet "Reboundeffekt" bzw. "Rückpralleffekt" und beschäftigte zuletzt die Teilnehmer des Diskussionsforum "Ingenieurimpulse" in Duisburg.

"Das Problem des Reboundeffekts ist nicht neu: Der Effekt beschreibt den teilweisen Wirkungsverlust von gesteigerter Energieeffizienz durch erhöhten Verbrauch. Erwartete Effizienzgewinne bleiben dann aus", fasste es Lothar Schneider, Geschäftsführer der EnergieAgentur.NRW, auf dem Branchentreffen zusammen.

20 Prozent mehr beanspruchte Wohnfläche als vor 20 Jahren

In den letzten zwei Jahrzehnten sei zwar die Energieeffizienz von Gebäuden pro Quadratmeter und Jahr im Wohnungsbau gestiegen, gleichzeitig die Fläche, die jeder einzelne Deutsche bewohne, aber ebenso.

"Inzwischen steht jedem Deutschen durchschnittlich eine Wohnfläche von fast 45 Quadratmetern zur Verfügung. Vor 20 Jahren waren es noch weniger als 35 Quadratmeter", erklärte Schneider. Damit nehme logischerweise die zu beheizende Fläche zu.

Flächenoptimierung statt großflächige Prestigebauten notwendig

Untypisch für einen Experten des Ingenieurwesens, fügte Schneider auch einige durchaus psychologische Gründe des Reboundeffekts an: "Immobilienanschaffung ist selten eine rein rationale Entscheidung. Häuser sollen vor allem Unterschiede zwischen ihren Nutzern dokumentieren."

Es gehe seiner Meinung nach aber nicht darum, ästhetisch schön, sondern gut und richtig zu bauen. Gut und richtig bedeute effizient und nachhaltig. Ein wichtiger Beitrag seien effiziente Grundrisse, d.h. eine flächenoptimierte Architektur, um nicht immer nur größer bauen zu müssen, führte Schneider aus.

Trotz Negativ-Effekt: Energieeffizientes Bauen bleibt oberstes Gebot

Einigkeit herrschte auch auf diesem Forum darüber, dass energieeffizientes Bauen und Wohnen ein wesentlicher Faktor für das Gelingen der Energie- und Wärmewende sei. "Eine Energiewende ohne energetisch optimierte Gebäude funktioniert nicht, da ein Großteil des Energieverbrauchs in Deutschland auf die Beheizung unserer Gebäude entfällt", hieß es von Seiten der Diskutanten.

Der Reboundeffekt sei hierbei ein bislang noch nicht wirklich ausreichend erforschtes Phänomen. Erste Fall- oder Sondierungsstudien für den Bereich der Sanierung von Nichtwohngebäuden belegten allerdings eine Reihe von "organisatorischen und sozialen, also nicht-technischen Einsparpotenzialen". Der Rebound wird hier auf 17 bis 33 Prozent beziffert, die Effizienz fällt also zwischen 17 und 33 Prozent niedriger aus als kalkuliert.

Reboundeffekt in Wohngebäuden stärker ausgeprägt

"Man weiß, dass Reboundeffekte in Wohngebäuden stärker ausgeprägt sind als in Nicht-Wohngebäuden", gab Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Auskunft. Grundsätzliches Problem sei eine nicht realistische Vorausberechnung der Energieeinsparung.

"Durch das Bewusstsein, in einem effizienten Haus zu wohnen, wird das Verhalten der Bewohner beeinflusst. Und schon stimmt die Kalkulation, die rein von technischen Gegebenheiten ausgeht, nicht mehr."

Smarte Haustechnik soll ineffizientes Verhalten der Bewohner ausgleichen

Der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW setzt allerdings auf den technischen Fortschritt. "Der Reboundeffekt ist eine Herausforderung für die intelligente Steuerung der Haustechnik. Smarthouse-Systeme werden künftig solche Effekte stärker berücksichtigen und gegensteuern", so Bökamp.

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