Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 22. September 2020
Ausgabe 6973 | Nr. 266 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Hochwasserschutz: Naturbasierte Maßnahmen in Deutschland wenig genutzt

# 18.08.2020

Ruhr-Universität Bochum analysiert Managementpläne zum Hochwasserrisiko in drei Bundesländern. NBS (englisch: Nature-Based Solutions) nur zu neun Prozent von Behörden berücksichtigt. Wissenschaftler betonen Vorteile für Wasserqualität und Artenvielfalt

Umweltanalysten: NBS kommen allen Lebewesen zugute

Beim Hochwasserschutz setzen die Bundesländer bevorzugt auf technische Maßnahmen statt auf naturbasierte (NBS). Foto: Fotobox / Pixelio Beim Hochwasserschutz setzen die Bundesländer bevorzugt auf technische Maßnahmen statt auf naturbasierte (NBS). Foto: Fotobox / Pixelio

Der Umgang mit Wasser bzw. dessen Beherrschung fordert nicht zuletzt die Bauingenieure immer wieder heraus. Über technische Lösungen der Speicherung sowie der nachhaltigen Flussregulierung haben wir unlängst mehrfach berichtet (siehe Quellen und Verweise).

Dabei fanden auch Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit bestimmter Bauformen Erwähnung. So lehnte der Hydrologie-Experte und Professor der Technischen Universität München Markus Disse auf Nachfrage von bauingenieur24 das Verfahren des Sickertunnels unter anderem zugunsten naturbasierter Lösungen oder NBS ab.

NBS können laut Experten nicht nur vor Hochwasser schützen. Man hofft durch Maßnahmen wie die Renaturierung von Flussauen und die Wiederanbindung saisonaler Bäche auch, dass sich die Wasserqualität verbessert und die Artenvielfalt gefördert wird.

Wissenschaftler untersuchen 19 Hochwasserrisiko-Managementpläne

Den bisherigen Einsatz von NBS in Deutschland untersuchten Wissenschaftler des Geographischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum (RUB) nun genauer. Hintergrund ist unter anderem die Hochwasserrichtlinie der Europäischen Union, wonach die EU und damit auch Deutschland eine verstärkte Berücksichtigung von NBS beim Hochwasserschutz anstreben wollen.

Ein Team um Professor Christian Albert, Inhaber des Lehrstuhls für Umweltanalyse und -planung in metropolitanen Räumen an der RUB, analysierte 19 sogenannte Hochwasserrisiko-Managementpläne, welche für jedes Flusseinzugsgebiet erstellt werden müssen. Den Untersuchungszeitraum bildeten die Jahre 2012 bis 2015. Räumlich wurden Hessen, Niedersachsen und Sachsen berücksichtigt.

Nur 385 von 4.282 Hochwasserschutz-Maßnahmen naturbasiert

"Wir haben diese drei Bundesländer ausgewählt, weil sie sich wesentlich in ihrer Wasserwirtschaftsverwaltung, ihrer Form der Regionalplanung sowie der Betroffenheit von vergangenen Hochwasserereignissen unterscheiden", erklärt der Erstautor der Untersuchung Mario Brillinger.

Im Ergebnis zeigt die Studie, dass NBS nur sehr selten in den Plänen aufgegriffen werden. So machen sie nur neun Prozent aller insgesamt 4.282 vorgeschlagenen Maßnahmen aus. Mit 45 Prozent sehr stark vertreten sind dagegen Maßnahmen der Verhaltens- und Risikovorsorge.

Technische Schutzmaßnahmen bislang bevorzugt

Dazu zählen unter anderem die Förderung eines verstärkten Risikobewusstseins, die Aktualisierung von Alarm- und Einsatzplänen, das Katastrophenschutzmanagement oder die Veröffentlichung von Hochwassergefahrenkarten. Auch technische Schutzmaßnahmen tauchen mit rund 41 Prozent sehr häufig in den Plänen auf.

Hessen schlug laut Untersuchung die meisten NBS vor und bevorzugte dabei Renaturierungsmaßnahmen des Uferbereichs und Maßnahmen der Flussauenentwicklung. Niedersachsen zeigte die wenigsten NBS und präferierte dabei vor allem die Wiederherstellung von natürlichen Rückhalteflächen. In Sachsen konnten die Forscher relativ häufig den Rückbau von Wehren als NBS klassifizieren.

NBS vor allem an Nebenflüssen mit geringerem Hochwasserrisiko

In den analysierten Plänen wurden NBS dann stärker berücksichtigt, wenn es sich um kleinere Nebenflüsse und Situationen mit geringer Hochwassergefahr handelte. Auch hing die Berücksichtigung von NBS anscheinend davon ab, wie die Verantwortlichen ihre Wirksamkeit und die zu erwartenden Kosten einschätzten.

"Die zuständigen Personen vertrauten NBS in diesen Punkten offenbar weniger als anderen Maßnahmen", mutmaßt dazu Mario Brillinger. Seiner Meinung nach gingen sie häufiger davon aus, dass NBS mehr Planungs- und Verwaltungskosten verursachen und weniger wirksam sind als andere Schutzmaßnahmen.

Das Forschungsteam schlägt vor, bei der Erstellung von Hochwasserrisiko-Managementplänen künftig Bewertungsmethoden anzuwenden, die auf den besten Daten über die vielfältigen Wirkungen von NBS und anderen Maßnahmen beruhen. Außerdem sollte man das lokale Wissen betroffener Akteure berücksichtigen.

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