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Samstag, 25. Juni 2022
Ausgabe 7614 | Nr. 176 | 21. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Krieg in der Ukraine: Deutsche Bauwirtschaft massiv betroffen

# 20.04.2022

Unternehmen laut Hauptverband vermehrt mit Problemen konfrontiert. Kaum noch Preiszusagen angesichts wachsender Materialknappheit. Arbeitgeber angesichts aktueller Lage gegen Mindestlohn-Festlegung

Bauunternehmen sehen steigendes Risiko durch Lieferengpässe und Preissteigerungen

Der Krieg in der Ukraine hat direkte Auswirkungen auf die Bauwirtschaft in Deutschland. Foto: Tim Reckmann / Pixelio Der Krieg in der Ukraine hat direkte Auswirkungen auf die Bauwirtschaft in Deutschland. Foto: Tim Reckmann / Pixelio

Angesichts der weltweiten Krisen und speziell des Krieges in der Ukraine steht die Entwicklung der Bauwirtschaft hierzulande unter besonderer Beobachtung. So hat der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) im laufenden Jahr bereits zwei Sonderumfragen unter seinen Mitgliedsunternehmen durchgeführt.

Das klare Ergebnis der letzten Erhebung (Umfragezeitraum: 4. bis 7. April 2022) benennt Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller: "Mittlerweile ist fast jedes Unternehmen direkt oder indirekt von den Folgen des Krieges in der Ukraine betroffen."

Konkret gaben 90 Prozent der Befragten Preissteigerungen und 80 Prozent Materiallieferengpässe als Hauptprobleme an (Vorumfrage: 79 % bzw. 64 %). Alle Unternehmen berichteten, dass Materiallieferanten nur noch tagesaktuelle Preise geben, bei 84 Prozent würden Lieferanten überhaupt keine Preiszusagen mehr geben (zuvor: 72 %).

HDB: Länder und Kommunen sollen Preisgleitklauseln des Bundes übernehmen

Für die Bauunternehmen sei es laut Hauptverband in der Folge enorm schwierig, neue Angebote zu kalkulieren. Inzwischen gäben über 30 Prozent der Bauunternehmen gar keine Angebote mehr ab, da das wirtschaftliche Risiko zu hoch sei.

Gegensteuern will man mit so genannten Preisgleitungen. Bisher seien entsprechende Vereinbarungen allerdings nur mit rund einem Drittel der Auftraggeber gelungen. Der Hauptverband fordert daher, dass auch die Länder und Kommunen die kürzlich mit dem Bund vereinbarten Regelungen über Preisgleitklauseln übernehmen müssten.

Stornierte Bauprojekte machen Kurzarbeit wahrscheinlicher

Zum wachsenden Unternehmensrisiko aufgrund steigender Baupreise und Energiekosten bei gleichzeitigem Materialmangel kommt mittlerweile eine sinkende Nachfrage. Laut Umfrage stellten rund 40 Prozent der Auftraggeber Projekte zurück, 30 Prozent stornierten sogar Projekte. Seitens des HDB sieht man bereits jetzt die "baupolitischen Ziele" in Gefahr.

"Die Situation ist absurd", meint Tim-Oliver Müller. "Vor Wochen hat die Branche noch händeringend um Arbeitskräfte geworben, heute müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die halten, die wir haben. Wir stellen uns darauf ein, dass Unternehmen bald Kurzarbeit anmelden müssen."

64 Milliarden Euro: Baubranche mit historischem Auftragsbestand

Die deutsche Baubranche verfügt derweil über einen historisch hohen Auftragsbestand von rund 64 Milliarden Euro, hervorgerufen auch durch die Lieferengpässe bei Baumaterialien und folgenden Verzögerungen einzelner Projekte im vergangenen Jahr. Noch im März hatte man beim Hauptverband gehofft, dass sich die Materialversorgung in diesem Jahr beruhigt und die Bestände zügig abgearbeitet werden können.

Im Januar war das laut Statistischem Bundesamt zunächst noch gelungen, die Bautätigkeit zog im Vorjahresvergleich preisbereinigt um sieben Prozent an. Gleichzeitig verzeichneten die Unternehmen des Bauhauptgewerbes ein reales Orderminus von 2,4 Prozent, kalenderbereinigt sogar von 4,4 Prozent.

Ukraine-Krieg als Argument für Mindestlohn-Ablehnung

Mitte März hatte die erste HDB-Erhebung unter anderem ergeben, dass jedes dritte Bauunternehmen normalerweise Baumaterial aus Russland oder der Ukraine beziehe. Kurz darauf begründete der HDB zusammen mit dem Zentralverband des Deutschen Baugewerbe (ZDB) die Ablehnung des Schiedsspruches im Schlichtungsverfahren zum Bau-Mindestlohn mit der durch den Krieg um die Ukraine verursachten wirtschaftlichen Unsicherheit.

Beide Verbände hatten als Tarifgemeinschaft der Arbeitgeber der Bauwirtschaft mit der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) erfolglos verhandelt. Der Bundesvorsitzende der IG BAU, Robert Feiger, fand daraufhin klare Worte: "Das ist unverantwortlich, das gefährdet die Zukunft der Bauwirtschaft. Die Unternehmen haben damit eine große Chance verpasst."

Bau-Mindestlohn für Arbeitgeber nicht grundsätzlich ausgeschlossen

Die Folge sei die de-facto Abschaffung der Lohnuntergrenze in der Baubranche. "Ein fairer Wettbewerb scheint für die Bauunternehmen keine feste Größe mehr zu sein. Jetzt haben vor allem diejenigen Firmen einen Vorteil, die nicht tarifgebunden sind", kritisiert Feiger weiter. Ob das am Ende wirklich intelligent sei, wage er zu bezweifeln.

Die Arbeitgeberverbände signalisierten ihrerseits, dass sie für weitere Verhandlungen zur Verfügung stehen. Man sei grundsätzlich bereit, einen einheitlichen Bau-Mindestlohn zu verabreden. In der Schlichtung war von 13 Euro die Rede.

Sowohl HDB als auch ZDB stellten durch ihre Vertreter fest, dass "die Beratungen des Schiedsspruchs in den Gremien der Arbeitgeber zwar zur Ablehnung geführt, zugleich aber auch Spielräume aufgezeigt hätten."

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