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Montag, 17. Juni 2019
Ausgabe 6510 | Nr. 168 | 18. Jahrgang
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Klärschlammentsorgung: Experten warnen vor Notstand

# 17.05.2019

Auflagen durch novellierte Klärschlammverordnung (AbfKlärV) stellen Betreiber vor Probleme. Erfahrung mit technischer Rückgewinnung von Phosphor bislang gering. Bund fördert Forschungsprojekt zur Erarbeitung von Lösungskonzepten

Möglichkeiten der Verbrennung von Klärschlamm begrenzt

Die Klärschlammverordnung schränkt die Klärschlammentsorgung durch die Landwirtschaft ein. Foto: Thomas Max Müller / Pixelio Die Klärschlammverordnung schränkt die Klärschlammentsorgung durch die Landwirtschaft ein. Foto: Thomas Max Müller / Pixelio

Die deutsche Klärschlammverordnung sorgt seit ihrer Novellierung innerhalb der Recycling- und Entsorgungsbranche für einige Aufregung. Hintergrund ist die Maßgabe, Klärschlamm möglichst nicht mehr landwirtschaftlich auszubringen.

Die Alternative, den Klärschlamm thermisch zu verwerten, ist begrenzt, da die vorhandenen Verbrennungskapazitäten für die immensen Klärschlammmengen bei weitem nicht ausreichen.

Derzeit werden beispielsweise rund 40 Prozent der baden-württembergischen Klärschlämme außerhalb des Bundeslandes thermisch verwertet.

Teure Zwischenlagerung treibt Entsorgungspreise nach oben

Als Folge steigen aktuell die Preise, da die Betreiber von Kläranlagen den Klärschlamm schlechter loswerden. Experten sprechen bereits von einem "eklatanten Entsorgungsnotstand" in einigen Bundesländern. "Riesige Zwischenlager werden gebaut und die Entsorgungskosten explodieren", beschreibt Ulrike Zettl, Professorin für Siedlungswasserwirtschaft an der Fakultät Bauingenieurwesen der Hochschule Biberach (HBC), die Lage.

Bestehende Entsorgungsverträge würden nicht verlängert, sondern gekündigt, so Zettl. "Bei neuen Ausschreibungen zur Klärschlammentsorgung darf man sich glücklich schätzen, überhaupt ein Angebot zu erhalten, wenn auch zu deutlich höheren Preisen als bisher."

Besseres Recycling soll Entsorgungsprobleme lösen

Aufgrund der angespannten Situation finden sich Politik, Wirtschaft und Forschung zusammen, um neue Möglichkeiten der Entsorgung und Recyclingtechnologien zu entwickeln (vgl. Quellen und Verweise). Wie beim Bauschutt, gilt dabei auch für den Klärschlamm: Je größer die Recyclingquote, desto geringer die Entsorgungsprobleme.

Beim Recycling von Klärschlamm spielt das Element Phosphor bzw. seine (Rück-)Gewinnung eine zentrale Rolle. "Das ist eine technisch anspruchsvolle Aufgabe, für die es bislang noch keine gesicherten Verfahren mit mehrjähriger großtechnischer Erfahrung gibt", erläutert Zettl.

Phosphorrückgewinnung ab 2029 für Entsorgungsbetriebe verpflichtend

Es zeichne sich ab, dass nur wenige Kläranlagenbetreiber durch eine Phosphor-Abreicherung den ab 2029 geltenden gesetzlichen Anforderungen nachkommen können. Ein Großteil der beteiligten Kläranlagen werde laut Zettl darauf angewiesen sein, ihren phosphorhaltigen Klärschlamm thermisch behandeln zu lassen und anschließend den Phosphor aus der Asche zurück zu gewinnen.

"Hierfür werden neue thermische Behandlungs- und Phosphor-Rückgewinnungsanlagen benötigt. Diese könnten innerhalb der Regionen durch kommunale Betriebe gebaut und betrieben oder aber durch Ausschreiben der Dienstleistung an Drittfirmen zu den dann üblichen Marktpreisen vergeben werden", skizziert Zettl ein mögliches Zukunftsmodell.

Forschung ermittelt Potenziale der Technik und regionaler Zusammenarbeit

Im Rahmen des Forschungsprojektes "P-RückSÜD" der Hochschule Biberach erarbeitet die Ingenieurin im Verbund mit anderen Forschern Konzepte dafür, wie die Entsorgungssicherheit der Klärschlämme zu vertretbaren Kosten langfristig sichergestellt und die gesetzlichen Anforderungen zur Phosphorrückgewinnung eingehalten werden können.

Dabei werden nicht nur technische Lösungen bewertet, sondern unter der Federführung des Bereichs Bau-Projektmanagement der Hochschule Biberach genehmigungsrechtliche Aspekte beleuchtet und Wege zur interkommunalen Zusammenarbeit aufgezeigt.

Klärschlammentsorgung durch öffentliche Hand als vorteilhaft bewertet

Mit Blick auf die Restmüllentsorgung vor 20 Jahren, als ähnliche Herausforderungen anstanden, bewerten die beteiligten Experten die damalige Entscheidung, die regionalen Abfallverbrennungsanlagen in öffentlicher Hand zu halten, als positiv. "Um eine langfristig tragfähige Klärschlammentsorgung sicherzustellen, wäre es zielführend, eine regionale Entsorgungsstruktur aufzubauen", sagt Jürgen Fromm vom Regierungspräsidium Tübingen.

Im regelmäßigen Austausch mit den beteiligten Kläranlagenbetreibern und den Behörden sollen während des Forschungsprojektes "P-RückSÜD", welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, verschiedene mögliche Entsorgungsszenarien entwickelt werden. Für die Umsetzungsphase können später weitere Fördergelder beantragt werden.

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