Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 28. Juni 2022
Ausgabe 7617 | Nr. 179 | 21. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Lausitz: Von der Bergbauregion zum Zentrum der Bauforschung?

# 27.05.2022

TU Dresden mit Konzept für neue Forschungseinrichtung im Ansiedlungswettbewerb vertreten. Initiatoren streben Innovationen zum nachhaltigen Bauen an. Entscheidung fällt im Sommer

Großforschungszentren in ehemaligem Braunkohlerevier beschlossene Sache

In der Oberlausitz könnte nach dem Ende des Braunkohlebergbaus ein international beachtetes Bauforschungszentrum entstehen. Grafik: CGI HENN In der Oberlausitz könnte nach dem Ende des Braunkohlebergbaus ein international beachtetes Bauforschungszentrum entstehen. Grafik: CGI HENN

Auf dem Gebiet des mitteldeutschen Braunkohlereviers, welches sich über die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erstreckt, sollen in naher Zukunft zwei neue Großforschungszentren entstehen.

Die Ansiedlungen sind als Strukturmaßnahme gedacht, um den betroffenen Regionen auch nach dem beschlossenen Kohleausstieg eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten.

Aus rund 100 eingereichten Entwürfen wurden sechs Projekte im Rahmen eines themenoffenen Wettbewerbs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), des Freistaates Sachsen und des Landes Sachsen-Anhalt für die Konzeptphase ausgewählt. Bis zum Sommer 2022 sollen zwei Siegerprojekte ausgewählt werden, wovon eines in der Braunkohleregion im mitteldeutschen Revier und eines in der Oberlausitz angesiedelt werden wird.

Baubranche wirbt für LAB-Konzept der TU Dresden

Die Technische Universität Dresden ist mit dem Konzept für ein Bauforschungszentrum in der engeren Wahl. Führende Einrichtungen des Bauwesens, darunter die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), sprechen sich dafür aus, dass das "LAB – Lausitz Art of Building" am Ende tatsächlich Realität wird.

Die Präsidenten dieser Einrichtungen betonen die Notwendigkeit eines solchen Großforschungszentrums für eine konzentrierte Bauforschung sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gemeinsam möchte man den Klimawandel stoppen, die bisher eintretenden Folgen des Klimawandels bekämpfen und den Weg für eine klimaneutrale Bauweise ebnen.

BAM und DIBt wollen Anbindung an Großforschungszentrum

"Für die Umgestaltung des Bausektors im Sinne der Nachhaltigkeit sind erhebliche Anstrengungen im Bereich der Forschung und der technologischen Entwicklung erforderlich, welche die aktuellen Rahmenbedingungen der nationalen und europäischen Forschungsförderung deutlich überschreiten", sagt BAM-Präsident Ulrich Panne.

DIBt-Präsident Gerhard Breitschaft betont, dass sein Haus "sehr daran interessiert ist, seine breitgefächerte, bautechnische und baurechtliche Kompetenz in das Bauforschungszentrum LAB einzubringen, um frühzeitig und forschungsbegleitend die staatlich gestellten Anforderungen an Bauprodukte, Bauarten und Bauwerke zu vermitteln." Dazu strebten sowohl BAM als auch das DIBt eine sehr enge, auch räumliche Anbindung an das Großforschungszentrum LAB an.

LAB-Initiatoren: Bauforschung in Deutschland bislang stark unterfinanziert

Ziel der Initiatoren des LAB um Manfred Curbach, Professor für Massivbau an der TU Dresden, ist es, klimaneutrale und ressourceneffiziente Siedlungsstrukturen, Bauwerke und Bauteile zu schaffen. "Dabei ist es wichtig zu betonen, dass es nicht eine Lösung für alles geben wird, sondern eine Vielzahl von aufeinander abgestimmten Lösungen bei jeweils optimaler Ausnutzung der lokal vorhandenen Materialien und unter Berücksichtigung der jeweiligen Randbedingungen", erklärt Curbach.

Als Hauptargument für das LAB werden die bisher als zu gering erachteten Forschungsmittel des Bundes im Bereich "Raumordnung und Stadtentwicklung; Bauforschung" von lediglich 0,65 Prozent (2019) angeführt. Da das Bauwesen einer der größten Ressourcenverbraucher und CO2-Emmitent ist, müsse laut Curbach eine "ressourceneffiziente Materialevolution" in Gang gesetzt werden.

Massivbau-Professor strebt wegweisende Innovationen über das Bauwesen hinaus an

Die bisherigen Nachweise zu Tragsicherheit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit seien durch den Nachweis der Klimaverträglichkeit zu ergänzen. Alle Phasen des Bauens und Nutzens seien zu analysieren, anzupassen oder neu zu entwickeln. "Die hierzu benötigten Fachgebiete gehen weit über die traditionell im Bauwesen angesiedelten Fächer hinaus", so Curbach.

Zu den wichtigsten Aufgaben des geplanten LAB gehöre die Erforschung vollkommen neuer Materialien. Der visionäre Dresdner Massivbau-Professor sieht die Erfolge des Bauforschungszentrums bereits vor sich: "Die im LAB entstehenden neuen, heute noch völlig unbekannten Materialien und Materialkomposite werden auch außerhalb des Bauwesens zu wegweisenden Innovationen führen."

Forschungseinrichtung mit 1.500 Arbeitsplätzen und 170 Millionen Euro Jahresetat

In dem beschriebenen Großforschungszentrums sollen – so die Vorstellung der Initiatoren – mit einem jährlichen Etat von bis zu 170 Millionen Euro circa 1.500 Menschen arbeiten. Ein großer Teil dieser Arbeitsplätze sei unmittelbar für die Menschen in der Lausitz geeignet.

Darüber hinaus hofft man auf eine große Zahl weiterer Arbeitsplätze infolge von Ausgründungen und Schaffung neuer Niederlassungen bestehender Unternehmen um das LAB herum. Durch die Notwendigkeit, die neu entstehenden Materialien, Konstruktionen, Herstellverfahren etc. auch bauaufsichtlich zu begleiten und zu genehmigen, würden weitere Arbeitsplätze in den zuständigen und vor Ort angesiedelten Behörden entstehen.

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