Fachbeiträge & Interviews
Freitag, 02. Dezember 2022
Ausgabe 7774 | Nr. 336 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Dr.-Ing. Knut Marhold / Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Kanalbau: Wie mit Gleitschienen und Verbauboxen saniert und neu gebaut wird

# 04.11.2022

Spezielle Tiefbautechnik bei bundesweiten Kanal- und Leitungsbaumaßnahmen gefragt. Umverlegung von Wasserleitungen für Revitalisierung der Dresdner Bahn in Berlin notwendig. Neuentwicklung bietet Alternative zu Spundwänden

Dresdner Bahn in Berlin: Historische Strecke wird revitalisiert

Eine Pressgrube für den unterirdischen Mikrotunnelvortrieb wird durch eine Verbaubox (Gleitschienenverbau) gesichert (l.). Die Bohrkrone (r.) bewegt sich nach dem Herablassen auf den Gleitschienen. Fotos: Max Bögl Eine Pressgrube für den unterirdischen Mikrotunnelvortrieb wird durch eine Verbaubox (Gleitschienenverbau) gesichert (l.). Die Bohrkrone (r.) bewegt sich nach dem Herablassen auf den Gleitschienen. Fotos: Max Bögl

Die DB Netz AG baut in Berlin Tempelhof-Schöneberg die sogenannte Dresdner Bahn aus, damit hier zukünftig neben S-Bahnen auch wieder Fern- und Regionalzüge fahren können.

Dafür werden zwei komplett neue elektrifizierte Gleise verlegt sowie alle Bahnübergänge auf der Strecke durch Eisenbahn- oder Straßenbrücken ersetzt. Ab 2025 sollen dann deutlich kürzere Fahrzeiten Richtung Dresden, Prag und zum Flughafen BER möglich sein.

Seit Ende 2021 wird im Rahmen des Ausbaus der historischen Strecke der Bahnübergang Buckower Chaussee im Ortsteil Marienfelde umgebaut. Er wird durch eine neue Straßenüberführung ersetzt.

Im Zuge der Baumaßnahmen sind umfangreiche Umverlegungsmaßnahmen von Leitungen notwendig. Dies betrifft unter anderem Anlagen der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Diese müssen umverlegt bzw. erneuert werden. Die Maßnahmen finden größtenteils im Vorfeld der Straßen- und Brückenbaumaßnahmen statt.

Verlegung von Wasserleitungen in vier Metern Tiefe

Mehr als 1.000 Meter Regen- und Schmutzwasserkanäle müssen verlegt werden, von denen die stärksten einen Durchmesser von 1,60 Meter haben. Dazu kommen rund 1.500 Meter Trinkwasserleitungen. Teilweise wird in offener Bauweise gearbeitet, teilweise mit unterirdischem Vortrieb in einer Tiefe von rund vier Metern unter den Gleisen mittels „Microtunneling“. Schließlich müssen 57 Schachtbauwerke neu angelegt werden.

Mit den Tiefbauarbeiten haben die BWB unter anderem das Bauunternehmen Max Bögl beauftragt. Die Bauaufgabe umfasst unter anderem die Verlegung von 64 Metern Kanalprofilen DN 2200 in geschlossener Bauweise, 200 Meter DN 1600 offen und 140 Meter im Vortrieb unter der Bahnstrecke sowie zwei Vortriebsstrecken DN 800. Laut Bauleiter Robert Remest mussten für letztere die Vortriebsgruben im Bahnbereich bereits sofort mit Baubeginn errichtet werden.

Gleitschienenverbau: Neues Boxen-System für Start- und Zielgruben im Einsatz

Für die sieben Start- und Zielgruben in bis zu sieben Metern Tiefe wurde ein Gleitschienenverbau der TWF Tiefbautechnik aus Heinsberg eingesetzt. Für die Verlegung der Schmutz- und Regenwasserkanäle kam die neu eingeführte XL-BOX 690 mit Erhöhungs-Aufsatz von TWF zum Einsatz.

Alternativ wären Spundwände oder Trägerbohlwände mit Einsatz von Nachunternehmern für die Bewältigung der Bauaufgabe erforderlich gewesen. So war nur für die Ein- bzw. Ausfahrbereiche der Start- und Zielgruben eine gesonderte konstruktive Lösung einschließlich einer statischen Berechnung erforderlich.

"Gegenüber einem 'normalen' Gleitschienenverbau oder einer Trägerbohlwand hat die Box deutliche Kostenvorteile und ist, da bereits fertig vormontiert, einfacher zu handhaben. Zudem lässt sie sich mit dem auf der Buckower Baustelle sowieso vorhandenen 35-Tonnen-Bagger ohne zusätzliches Gerät einbauen“, erklärt TWF-Fachberater Marcel Peißker. Die Bauarbeiten sollen bis Ende 2025 abgeschlossen sein.

Mischwasser-Kanäle aus der Kaiserzeit werden saniert

In eine XL-Verbaubox wird ein Steinzeugrohr eingelassen. Foto: TWF Tiefbautechnik GmbH In eine XL-Verbaubox wird ein Steinzeugrohr eingelassen. Foto: TWF Tiefbautechnik GmbH

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz spezieller Tiefbautechnik im Rohrleitungs- bzw. Kanalbau liefert eine Bausanierungsmaßnahme in Leverkusen.

Hier wurden die überwiegend aus dem Jahr 1914 stammenden Mischwasser-Kanäle der so genannten Schriftstellersiedlung im August 2006 mit dem Kanalfernauge (KFA) untersucht.

Dabei wurden teils gravierende Schäden wie Risse, Rohrbrüche und Wurzeleinwüchse sowie nicht fachgerecht angeschlossene Hausanschlussleitungen festgestellt.

Aus diesem Grund sowie um die hydraulische Leistungsfähigkeit auf die heutigen Anforderungen zu vergrößern, wurde eine umfassende und durchgängige Sanierung erforderlich.

Die Schriftstellersiedlung soll dabei ringförmig durch neue Hauptsammler umschlossen werden, dabei zugleich der Verlauf über private Grundstücke rückgebaut werden, was bislang den Betrieb und die Unterhaltung der Kanäle erschwert hatte. Die als Wanderbaustelle angelegte Maßnahme läuft seit Juni 2021, ist bis Ende 2022 geplant und hat ein Bauvolumen von rund 1,8 Millionen Euro.

Sanierung mit Steinzeugrohren und Schachtbauwerken

Verbaut wurden etwa 865 Meter Steinzeugrohre mit Durchmessern DN 250 bis DN 500, 70 Meter Eiprofil-Stahlbetonrohr DN 700/1050 sowie 17 Fertig- bzw. Ortbetonschächte in Verbau-Tiefen von bis zu fünf Metern. Weiterhin erforderlich sind etwa 80 Umschlüsse von Haus- und Straßenabläufen sowie eine Straßenwiederherstellung.

Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten wurde wechselseitig bei größeren Tiefen mit Kanaldielen, Gleitschienenverbau und ansonsten mit den XL-Verbauboxen der TWF Tiefbautechnik GmbH gearbeitet.

Greifer versetzt Verbau-Boxen

„Eine Besonderheit bei diesem Projekt ist, dass die XL-Verbauboxen mit einem Verbaugreifer versetzt werden. Üblicherweise werden die Verbauboxen ja mit Ketten transportiert. Der Verbaugreifer, der Teil des TWF-Mietparks ist, ermöglicht, die Boxen mit dem Mobilbagger hydraulisch an speziellen Ösen aufzunehmen. Das bedeutet einen enormen Zeitgewinn bei minimalem Personaleinsatz“, erklärt Christian Becker von TWF.

In Leverkusen wurde konkret mit vier XL-Verbauboxen von TWF mit 3,70 x 3,15 Metern gearbeitet, die mit einem Mobilbagger versetzt wurden. Für die größeren Tiefen wurde auf die Aufstockelemente des TWF-Systems zurückgegriffen.

Die TWF Tiefbautechnik GmbH

wurde 2012 im nordrheinwestfälischen Heinsberg gegründet und deckt für ihre Kunden aus dem Tiefbau und Spezialtiefbau Verkauf, Vermietung und Beratung mit mehreren Standorten in ganz Deutschland ab. Sezialgebiete sind die Ramm- und Bohrtechnik sowie selbst hergestellte Grabenverbausysteme. Die TWF-Gruppe ist seit 2004 am Markt und unterhält europa- und weltweit eigene Vertriebs-Niederlassungen.

In Heinsberg werden die eigenen Grabenverbausysteme für alle nationalen und internationalen Märkte produziert. TWF betreibt in Hamburg, in der Nähe von Chemnitz und München sowie am Hauptsitz in Heinsberg umfangreiche regionale Mietlager mit eigenen Fachberatern.

Um der weltweit stetig wachsenden Nachfrage nach Drehbohranlagen, Rammgeräten, Grabenverbausystemen, (mobilen) Baustraßensystemen sowie Sicherheitssystemen für den Tiefbau und Spezialtiefbau gerecht zu werden, hat das Unternehmen 2020 am Standort Heinsberg massiv in neue Produktions-, Lager- und Büroflächen investiert.

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