Fachbeiträge & Interviews
Freitag, 13. Dezember 2019
Ausgabe 6689 | Nr. 347 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Bauwirtschaft: Kapazitätssteigerung setzt Planungssicherheit voraus

# 22.06.2018

Hauptverband verspricht personelle und maschinelle Anpassung. Sorge um langfristige Investitionsbereitschaft des Bundes. Höhere Baupreise und weniger Insolvenzen als Zeichen der Normalisierung gewertet

Gute Konjunktur sorgt für Debatte um Kapazitäten der Bauwirtschaft

2017 waren die Baumaschinen und Geräte der deutschen Bauunternehmen zu 77 Prozent ausgelastet. Foto: Rike / Pixelio 2017 waren die Baumaschinen und Geräte der deutschen Bauunternehmen zu 77 Prozent ausgelastet. Foto: Rike / Pixelio

Geht es einer Branche konjunkturell sehr gut, stellt sich automatisch die Frage, ob und wann sie mit der großen Nachfrage für ihre Produkte und Leistungen überfordert sein könnte. Im Herbst vergangenen Jahres war es die staatliche Förderbank KfW, welche in der boomenden Bauwirtschaft "Kapazitätsengpässe" ausmachte.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Dieter Babiel, wies den Vorwurf entschieden zurück. Nicht Kapazitätsengpässe in der Baubranche seien die Ursache für den Rückgang der Baugenehmigungen, sondern vor allem Baulandengpässe und der Mangel an Planungskapazitäten in den Kommunalverwaltungen, so Babiel damals (siehe Quellen und Verweise).

Bauindustrie knüpft Kapazitätserhöhung an Bedingungen

Ein gutes halbes Jahr später sieht sich Babiels Vorgesetzter Peter Hübner anlässlich des Tages der Deutschen Bauindustrie zu der Mitteilung veranlasst, die Bauindustrie sei durchaus bereit, "ihre personellen und maschinellen Kapazitäten an die steigende Baunachfrage anzupassen." Der Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie gibt damit indirekt zu, dass die derzeitigen Kapazitäten womöglich nicht ausreichen, um die hohe Nachfrage zu bedienen.

Gleichzeitig verweist Hübner jedoch darauf, dass sich eine solche Anpassung für die von ihm vertretenen Bauunternehmen nur lohne, wenn die "finanzpolitischen Rahmenbedingungen verlässlich" blieben. "Wir brauchen ein klares Signal, dass die Investitionswende auf der Ebene des Bundes auch über das Jahr 2020 hinaus Bestand hat."

Dass man seitens der Bauindustrie daran Zweifel hegen darf, liege laut Hübner am Eckwertebeschluss der Bundesregierung zum Bundeshaushalt 2019 und zum Finanzplan 2019–2022. Daraus gehe hervor, dass der Bund bereits ab 2020 wieder von sinkenden Investitionen ausgeht.

845.000 Beschäftigte im Baugewerbe bis 2019 prognostiziert

Den Nachweis, dass die deutsche Bauwirtschaft mit personellen Engpässen umgehen kann, erbringt Hübner anhand aktueller Zahlen zur Integration neuer Fachkräfte im vergangenen Jahr. Gegen den allgemeinen Trend in der deutschen Wirtschaft habe die Bauwirtschaft 2017 fast 13.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, 7,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Für 2018 prognostiziert Hübners Verband einen Anstieg der Beschäftigtenzahl auf 830.000 (2017: 812.000). Aufgrund einer mittelfristig guten Konjunkturprognose, die auch für das Jahr 2019 einen Umsatzzuwachs von nominal sechs Prozent ausgibt (wir berichteten), verspricht Hübner für das nächste Jahr bereits einen Personalzuwachs auf 845.000.

Baumaschinen bislang nur zu 77 Prozent ausgelastet

Einen Engpass oder gar einen "Kapazitätsnotstand" im maschinellen Bereich will Hübner indes gar nicht gelten lassen. Die Geräte der Bauunternehmen seien zwar 2017 durchschnittlich zu 77 Prozent ausgelastet gewesen.

Verglichen mit den Branchen im verarbeitenden Gewerbe, deren Auslastung 2017 mit 87 Prozent den höchsten Wert seit 2008 erreicht habe, gebe es im Bauhauptgewerbe aber noch "Luft nach oben". Gleichzeitig, so Hübner, wolle jedes vierte Bauunternehmen seine Investitionen im Laufe des Jahres erhöhen. Das Motiv der Kapazitätserweiterung rücke dabei wieder in den Vordergrund.

Hübner: Baupreise normalisieren sich noch

Den Hoffnungen, die Baupreise könnten durch eine gesteigerte Kapazität der Baubranche auf dem jetzigen Niveau gehalten werden, erteilt Hübner eine Absage. Zum einen sähen sich die Unternehmen gezwungen, Veränderungen auf der Kostenseite in den Preisen an die Bauherren weiterzugeben. Beispiele lieferten die sprunghafte Entwicklung der Bitumenpreise, die Preise für Baustahl in Stäben sowie der Baustellenentsorgungskosten.

Zum anderen sieht die Bauindustrie in der Preisentwicklung zunächst eine Normalisierung nach den Jahren der Baukrise, in der sich die Unternehmen an der Preisuntergrenze bewegt hätten.

Zahl der Insolvenzen im Baugewerbe deutlich gesunken

Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie freut sich darüber, dass die Bauunternehmen seit langem einmal wieder in der Lage seien, "die Risiken des Baugeschäfts angemessen zu bepreisen". Das erlaube unter anderem eine bessere Eigenkapitalausstattung.

Letztere zahle sich am Ende auch für Auftraggeber aus. Diese müssten nicht mehr mit den enormen Insolvenzrisiken im Bauhauptgewerbe rechnen, die gerade in der Baukrise zwischen 1995 und 2005 viele Bauprojekte in Schieflage gebracht hätten. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 kamen auf 10.000 Unternehmen 446 Insolvenzen. 2017 waren es nur noch 129.

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