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Freitag, 19. April 2019
Ausgabe 6451 | Nr. 109 | 18. Jahrgang
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„Auge von Mühlberg“ und „Balkonbrücke zum Meer“ erhalten Brückenbaupreis 2010

# 24.03.2010

Die Gewinner des Deutschen Brückenbaupreises 2010 stehen seit letzter Woche fest. In der Kategorie "Straßen- und Eisenbahnbrücken" ist es die Elbebrücke bei Mühlberg an der Landesgrenze Brandenburg/Sachsen. Als "Fuß- und Radwegbrücke" schaffte es die Stadthafenbrücke Sassnitz (Insel Rügen) auf den ersten Platz. Als maßgeblich verantwortliche Ingenieure wurden Dipl.-Ing. Wolfgang Eilzer sowie Prof. Dr. Mike Schlaich und Dipl.-Ing. Andreas Keil ausgezeichnet.

Elbebrücke bei Mühlberg

Als „innovative Konstruktionsidee“ mit „schlichter Eleganz“ sah die Jury die Brücke über die Elbe bei Mühlberg, Foto: BIngK/VBI Als „innovative Konstruktionsidee“ mit „schlichter Eleganz“ sah die Jury die Brücke über die Elbe bei Mühlberg, Foto: BIngK/VBI

Dipl.-Ing. Wolfgang Eilzer sei beim sogenannten Auge von Mühlberg eine Kombination aus innovativer Konstruktionsidee und schlichter Eleganz gelungen, hieß es bei der Preisverleihung. Die 700 Meter lange Elbebrücke erfülle auch ökologische Vorgaben optimal. Bei der Planung der neuen Brücke bestand die Aufgabe, die Eingriffe in die Elbauen möglichst gering zu halten. Das gelang nach Meinung der Jury, und gleichzeitig verleihe die Auflösung des Strompfeilers durch eine weithin sichtbare Öffnung zwischen den Rahmen - das "Auge von Mühlberg" - der Brücke ein markantes Aussehen.

Die Flussquerung, etwa mittig zwischen den Elbbrücken bei Riesa und Torgau gelegen, ist als 12-feldrige Deckbrücke konzipiert. Hierbei wurde für den Strombereich ein klassischer Stahlverbundquerschnitt und für den östlichen Vorlandbereich ein Spannbetonquerschnitt gewählt. Als innovatives Konstruktionsmerkmal zur Aufnahme des großen Stützmoments ist der in Zug- und Rahmenstiele aufgelöste Querschnitt im Bereich des Strompfeilers hervorzuheben. Betongelenke verbinden die Rahmenstiele mit dem Gründungskörper.

Die Auflösung des Strompfeilers durch eine weithin sichtbare Öffnung zwischen den Rahmen - das „Auge von Mühlberg“ - verleiht der Brücke ein markantes Aussehen, Foto: BIngK/VBI Die Auflösung des Strompfeilers durch eine weithin sichtbare Öffnung zwischen den Rahmen - das „Auge von Mühlberg“ - verleiht der Brücke ein markantes Aussehen, Foto: BIngK/VBI

Dieser hochbeanspruchte Bereich um das "Auge" wurde als Verbundkonstruktion ausgeführt. Dabei sind die druckbeanspruchten Stiele und Knotenbereiche mit hochfestem Beton verfüllt worden. Als innovativ werden der Einsatz von selbstverdichtendem Beton im Bereich des Strompfeilers sowie der Einsatz von externer Vorspannung in Verbundüberbau oberhalb des "Auges" hervorgehoben. Die optimal an die natürlichen Gegebenheiten der Fluss- und Polderlandschaft angepasste Stützenstellung kommt der Wirtschaftlichkeit des Bauwerks zugute. Es wurde ein günstiges Verhältnis zwischen den Gründungs- und Unterbaukosten sowie den Kosten des Überbaus gefunden. Durch die Stahlverbundbauweise im Bereich der großen Stützweiten nutze die Konstruktion für die unterschiedlichen Belastungsanforderungen die Baustoffeigenschaften von Stahl und Beton jeweils bestmöglich aus.

Fußgängerbrücke im Stadthafen Sassnitz

Die neue Seebrücke Sassnitz - Balkon zum Meer - verbindet die Stadt Sassnitz über 22 Meter Höhenunterschied hinweg mit dem Stadthafen, Foto: BIngK/VBI Die neue Seebrücke Sassnitz - Balkon zum Meer - verbindet die Stadt Sassnitz über 22 Meter Höhenunterschied hinweg mit dem Stadthafen, Foto: BIngK/VBI

Prof. Dr. Mike Schlaich und Dipl.-Ing. Andreas Keil hätten in ihrem Bauwerk, der Fußgängerbrücke im Stadthafen Sassnitz (Insel Rügen), Form und Funktion beispielhaft miteinander verbunden. Die geschwungene, extrem schlanke Brücke verbindet die Stadt Sassnitz über 22 Meter Höhenunterschied hinweg mit dem Stadthafen. Durch Optimierung der Konstruktion gelang eine effiziente Tragwirkung, die zu einer extremen Schlankheit des Überbaus führt. Sie besteht aus einer 124 Meter langen Rampenbrücke als Verbundkonstruktion und einer 119 Meter weit gespannten Seilbrücke. Als Verbindung zwischen der Stadt Sassnitz oben auf den Kreidefelsen und dem 22 Meter tiefer gelegenen Hafen ermöglicht die neue Seebrücke die hindernisfreie Erschließung des touristisch attraktiven Hafengeländes. Entstanden ist eine leichte, transparente Konstruktion.

Wilfried Dechau hat die Bauarbeiten an der Seebrücke von den ersten Proberammungen bis zum Anbringen der geschwungenen Handläufe mit der Kamera begleitet. Sein Buch (ISBN: 978-3-8030-0682-0) ist erschienen im Wasmuth Verlag Wilfried Dechau hat die Bauarbeiten an der Seebrücke von den ersten Proberammungen bis zum Anbringen der geschwungenen Handläufe mit der Kamera begleitet. Sein Buch (ISBN: 978-3-8030-0682-0) ist erschienen im Wasmuth Verlag

Im Bereich der Seilbrücke erfolgte die Hängeranordnung einseitig über seitlich angebrachte Pfosten, wobei die Achsen der Hänger zum Schwerpunkt des Brückenüberbaus ausgerichtet sind, um Biegebeanspruchungen in Querrichtung günstig zu beeinflussen. Zur Versteifung des Überbaus wurden im Bereich der Hängeseilachsen Querrahmen angeordnet. Durch die Krümmung des Tragwerks im Grundriss wird die Lauffläche so weit gestreckt, dass eine barrierefreie Überwindung des großen Höhenunterschieds der zu verbindenden Bereiche bei einem konstanten Längsgefälle von etwa sechs Prozent möglich ist. Die Innovation des Bauwerks liegt in der einseitigen Aufhängung, verbunden mit einer großen Spannweite und der extremen Schlankheit des Überbaus. Zunächst wurden die vorgefertigten Stahlelemente auf Hilfsstützen vormontiert und anschließend verschweißt. Danach folgte der Einbau und das Anspannen der Seile.

Die galfanbeschichteten Seile lassen trotz des Seeklimas eine wartungsarme Unterhaltung des Bauwerks erwarten. Die leichte Neigung des Mastes zur Brücke hin sorgt für eine dauerhafte Zugbeanspruchung der Abspannungen. Dadurch werden ungünstige Spannungswechsel in den Abspannseilen vermieden.

Zum Deutschen Brückenbaupreis 2010 waren 27 Bewerbungen eingegangen. Daraus hatte die Jury je Kategorie drei Bauwerke nominiert und je ein Siegerbauwerk am 15. März gekürt. Verliehen wurde der "Deutsche Brückenbaupreis 2010" im Audimax der TU Dresden vor mehr als 1.300 Gästen. Der Brückenbaupreis wird seit 2006 alle zwei Jahre vergeben.

Brückenbaupreis, Brückenbau, Konstruktion, Massivbau Brückenbau https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/massivbau/auge-von-muehlberg-und-balkonbruecke-zum-meer-erhalten-brueckenbaupreis-2010/2219.htm 738 de-DE
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