Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 22. August 2019
Ausgabe 6576 | Nr. 234 | 19. Jahrgang
Autor: Christian Wieg
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Deutscher Brückenbaupreis 2012 in Dresden verliehen

# 15.03.2012

Der Deutsche Brückenbaupreis wurde am Montag im Rahmen des Brückenbausymposiums verliehen: In der Kategorie "Straßen- und Eisenbahnbrücken" erhielt den Preis die Scherkondetalbrücke im Weimarer Land. Als beste "Fuß- und Radwegbrücke" wählte die Jury die Blaue Welle in Flöha. Als maßgeblich verantwortliche Ingenieure wurde das Team Dipl.-Ing. Ludolf Krontal / Dipl.-Ing. Stephan Sonnabend sowie Dipl.-Ing. Frank Ehrlicher ausgezeichnet.

Scherkondetalbrücke

Dem Ingenieurteam Ludolf Krontal / Stephan Sonnabend ist mit der 576,5 m langen Scherkondetalbrücke ein Meilenstein des modernen Eisenbahnbrückenbaus gelungen, urteilte die Jury, Foto (Nov 2009): BIngK Dem Ingenieurteam Ludolf Krontal / Stephan Sonnabend ist mit der 576,5 m langen Scherkondetalbrücke ein Meilenstein des modernen Eisenbahnbrückenbaus gelungen, urteilte die Jury, Foto (Nov 2009): BIngK

Eine Eisenbahnbrücke, die neue Maßstäbe setzt, ist etwas nicht Alltägliches. Genau das ist mit der Brücke über das Tal der Scherkonde im Weimarer Land gelungen, urteilte die Jury. Der 576,5 m lange Bau im Zuge der Neubaustrecke VDE 8.2 Erfurt–Leipzig/Halle ist die erste semi-integrale Brücke der Deutschen Bahn.

Die semi-integrale Bauweise ermöglicht bei Bahnbrücken dieser Länge vor allem hinsichtlich der gestalterischen Qualität erhebliche Verbesserungen gegenüber den üblichen Einfeldträgerketten nach üblicher Rahmenplanung. Zwar wurde die Regelstützweite der Rahmenplanung beibehalten, die Pfeiler konnten jedoch durch den Wegfall der sonst üblichen vier Gleitlager für zwei Einfeldträger deutlich schlanker ausgeführt werden als nach der ursprünglichen Planung.

Durch die monolithische Einspannung der Pfeiler in den durchlaufenden Überbau entstehen im semi-integralen Tragwerk allerdings Zwängungen. Um diese zu minimieren, müssen die Pfeiler nachgiebig und möglichst schlank sein, was bei dem Bauwerk in überzeugender Weise gelungen ist. Die für die Abtragung der Bremskräfte in Längsrichtung notwendige Steifigkeit wird durch den Festpunkt im Widerlager West gewährleistet. Gemäß den Anforderungen wurde die Brücke konsequent und materialgerecht in Betonbauweise durchkonstruiert. Von wesentlicher Bedeutung ist die gewählte Pfahlgründung, die einerseits für Zwang nachgiebig ist und gleichzeitig keine wesentlichen Setzungsdifferenzen erwarten lässt.

Die Brücke setzt in gestalterischer und statisch-konstruktiver Hinsicht Maßstäbe. Die nahezu fugen- und lagerlose Konstruktion ermöglichte ein besonders wartungsarmes und nachhaltiges Bauwerk, Foto (Dez 2010): BIngK Die Brücke setzt in gestalterischer und statisch-konstruktiver Hinsicht Maßstäbe. Die nahezu fugen- und lagerlose Konstruktion ermöglichte ein besonders wartungsarmes und nachhaltiges Bauwerk, Foto (Dez 2010): BIngK

Der relativ steife, vorgespannte Betonüberbau sorgt dafür, dass die Eisenbahnbrücke den Gleisanlagen ausreichend Stabilität bietet und genügend Widerstand gegen Verformungen aufweist. Gleichzeitiger innovativer Vorteil: Der Wegfall der Lager und Fugen lässt eine Verbesserung der Dauerhaftigkeit und eine Reduzierung der Erhaltungskosten erwarten. Durch geschickten Festpunktwechsel während des Herstellungsvorgangs konnten die Zwängungen auch im Bauzustand minimiert werden.

Insgesamt war die Jury überzeugt, dass die Scherkondetalbrücke mit ihrem semi-integralen Tragwerk eine herausragende Innovation im Eisenbahnbrückenbau darstellt. Die nahezu fugen- und lagerlose Konstruktion ermöglichte ein wartungsarmes, ästhetisch überzeugendes Bauwerk.

Blaue Welle Flöha

Der Ingenieur Frank Ehrlicher hat die S-förmige Krümmung der 110,6 m langen Blauen Welle Flöha fließend dynamisch den örtlichen Gegebenheiten angepasst, so die Jury, Foto (Feb 2011): BIngK Der Ingenieur Frank Ehrlicher hat die S-förmige Krümmung der 110,6 m langen Blauen Welle Flöha fließend dynamisch den örtlichen Gegebenheiten angepasst, so die Jury, Foto (Feb 2011): BIngK

Wenn eine Brücke "Blaue Welle" getauft wird, zeugt das davon, dass das Bauwerk Anklang findet, so die Jury. Die neue Geh- und Radwegbrücke in Flöha quert die Bundesstraße 173 und die Gleise der Erzgebirgsbahn. Sie bindet vom Bahnhof aus ein örtliches Naherholungsgebiet an das Stadtzentrum an. Dabei folgt die S-förmige Krümmung der 110,60 m langen Brücke geschickt den örtlichen Gegebenheiten. Die Eleganz dieser wirtschaftlich optimierten Lösung und ihre blaue Farbgebung prägen den neuen Bahnhofsbereich ganz entscheidend.

Durch die asymmetrisch angeordneten Vouten an den Außenradien der Bögen erhält die Brücke ihr fließendes, dynamisches Erscheinungsbild - sie wird zur "Blauen Welle". Die beeindruckende ganzheitliche Gestaltung setzt sich bis in die Ausbildung der Widerlager und Brückengeländer mit der in den Handlauf integrierten LED-basierten Beleuchtung fort. Diese Lichtführung unterstreicht bei Dunkelheit die geschwungene Linienführung des Bauwerks sehr eindrucksvoll.

Die wellenförmige Trassierung erfolgt im Bauwerksbereich durch Radien von jeweils 60 m. Daran schließen sich Zwischenradien bzw. -geraden an, mit denen die Anbindung an die beiden Widerlager der Brücke erfolgt. Das dreifeldrige, S-förmig gekrümmte Tragwerk besteht aus luftdicht verschweißten Hohlkästen mit einer orthotrophen Platte als Brückendeck. Die Besonderheit der Konstruktion besteht darin, dass die beiden Randkästen entsprechend der Beanspruchung asymmetrisch an den Außenrändern des Tragwerks voutenförmig ausgebildet sind.

Die Eleganz dieser wirtschaftlich optimierten Brückenlösung und ihre blaue Farbgebung prägen den neuen Bahnhofsbereich Flöha ganz entscheidend, Foto (Feb 2011): BIngK Die Eleganz dieser wirtschaftlich optimierten Brückenlösung und ihre blaue Farbgebung prägen den neuen Bahnhofsbereich Flöha ganz entscheidend, Foto (Feb 2011): BIngK

Der Überbau ist in den beiden Widerlagern eingespannt und auf den Stützen verschieblich gelagert. Durch diese semi-integrale Konzeption können die durch Temperaturschwankungen entstehenden Zwangskräfte durch radiale Verschiebungen an den Stützen abgebaut werden. Dies verleiht dem Tragsystem seine außerordentliche Schlankheit bei geringem Wartungsaufwand. Trotz dieser Schlankheit sind keine besonderen Maßnahmen zur Schwingungsbegrenzung erforderlich, denn die Einspannung des Überbaus in den Widerlagern führt zu einer hohen Bauwerkssteifigkeit, die sich positiv auf das Schwingungsverhalten auswirkt.

In der "Blauen Welle" von Flöha sieht die Jury Ingenieurbaukunst überzeugend verwirklicht. Die wirtschaftlich optimierte Konstruktion ist die überzeugende Lösung der gestellten baulichen Aufgabe und ein wichtiger Beitrag zur Baukultur in einem städtebaulichen in Entwicklung befindlichen Umfeld.

Der Deutsche Brückenbaupreis

Der bauingenieur24 Informationsdienst unterstützte den Deutschen Brückenbaupreis 2012 als Sponsor, Foto: Redaktion Der bauingenieur24 Informationsdienst unterstützte den Deutschen Brückenbaupreis 2012 als Sponsor, Foto: Redaktion

wird von der Bundesingenieurkammer (BIngK) und dem Verband Beratender Ingenieure alle zwei Jahre vergeben, um den Beitrag der Ingenieure zur Baukultur stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Der Preis dient der Auszeichnung kreativer Ingenieurleistungen in der Königsdisziplin des Ingenieurbaus. Zum Deutschen Brückenbaupreis 2012 waren 37 Bewerbungen eingegangen.

Daraus hatte die Jury je Kategorie drei Bauwerke nominiert und je ein Siegerbauwerk gekürt. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) unterstützt und fördert den Deutschen Brückenbaupreis als Schirmherr im Rahmen der Initiative Baukultur.

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