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Donnerstag, 18. April 2019
Ausgabe 6450 | Nr. 108 | 18. Jahrgang
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Im Kleinen sei das Große

# 05.07.2010

Am Erfurter Angermuseum hat man historische Gebäudeformen und Sichtbeton kombiniert - durch den Einsatz von Schalungsmatritzen.

Städtisches Museum am Anger

Mehrschichtiger rückverankerter Wandaufbau, bestehend aus einer zusätzlichen Dämmschicht, einer Ortbetonschicht und Filigranelementen aus Fertigbeton, Foto: NOE Schaltechnik Mehrschichtiger rückverankerter Wandaufbau, bestehend aus einer zusätzlichen Dämmschicht, einer Ortbetonschicht und Filigranelementen aus Fertigbeton, Foto: NOE Schaltechnik

Die Architekten des Büros Worschech (Erfurt) bewiesen jedoch, wie gut sich der zementgebundene Baustoff in ein altehrwürdiges Ensemble integrieren lässt. Für das Erfurter Angermuseum ließen sie mit Hilfe von Schalungsmatrizen der Firma NOE-Schaltechnik (Süssen) eine Sichtbetonwand anfertigen, deren Gestaltung die Funktion des Gebäudes auf subtile Weise widerspiegelt.

Das historisch bedeutende Bauwerk der Erfurter Altstadt erlebte eine wechselvolle Nutzungsgeschichte, bevor es sich Ende des 19. Jahrhunderts zum bürgerlichen Kunstmuseum entwickelte. Statische Probleme, mangelnder Brandschutz, die von Schwamm befallene Bausubstanz und die veraltete Gebäudetechnik machten eine Generalsanierung dringend notwendig. Beim Umbau legten die Architekten besonderen Wert darauf, historische Elemente aus der Entstehungszeit frei zu legen und deren Wirkung mit modernen Ergänzungen zu kombinieren.

Das Erfurter Angermuseum zeichnet sich durch einen Innenhof aus, um den sich Baukörper gruppieren, die einst unterschiedliche Aufgaben erfüllten. Der Südflügel des Gebäudekomplexes war früher ein Pferdeunterstand, der zum Innenhof hin offen war. Im Zuge einer Umbaumaßnahme wurde er 1999 mit einer Stahlbetonwand geschlossen. In sie waren drei große bogenförmige Fenster integriert. Heute werden in diesen Räumlichkeiten Grafiken, Zeichnungen und Kunstdrucke aufbewahrt, die vor Licht geschützt werden sollen. Aus diesem Grund musste die Öffnungsstruktur geändert werden.

Sichtbeton imitiert Passepartouts und Bilderrahmen

Nach einigen Experimenten mit unterschiedlichen Baumaterialien entschieden sich die Planer für strukturierten Sichtbeton, dessen Oberfläche an gestapelte Passepartouts bzw. Bilderrahmen erinnern soll. Anfänglich hatten die Mitarbeiter des Büros Worschech geplant, die 33 Meter lange und 12 Meter hohe Wand vor Ort fertigen zu lassen. Doch schwierige Standortbedingungen führten dazu, dass die Planer zusammen mit dem ausführenden Bauunternehmen sowie mit einem Betonwerk eine Alternativlösung suchten. Man entschied sich einen unkonventionellen, mehrschichtigen Wandaufbau aus einer zusätzlichen Dämmschicht, einer Ortbetonschicht und vorgefertigten Betonplatten, die als Filigranelemente ausgebildet waren.

Sie wurden aufeinander stehend an der vorhandenen Wand justiert und rückverankert. Da die Sichtbetonelemente im Fertigteilwerk erstellt wurden, waren gute Voraussetzungen für eine hochwertige Oberflächenqualität gegeben. Neben der feinen Plastizität, die den gewünschten Stapeleffekt vermittelt, musste der Beton eine samtene Oberfläche erhalten. Um den Eindruck von Papierstapeln zu erreichen, war es wichtig, dass keine Betonplatte der anderen glich. Aus diesem Grund wurden die Platten zum Teil um 180 Grad gedreht montiert, wodurch sich die Zahl der möglichen Elementkombinationen erheblich erhöhte.

Holzmodell für Schalungsmatritze

Verewigt im Beton: Minima und Maxima, Foto: NOE Schaltechnik Verewigt im Beton: Minima und Maxima, Foto: NOE Schaltechnik

Beim Entwurf der Schalungsmatrizen ließen die Planer bei einer Erfurter Kunsttischlerei ein Holzmodell in den Originalabmessungen herstellen. Es diente dem Matrizenhersteller als Grundlage für die Anfertigung von drei unterschiedlichen Polyurethanmatten mit unterschiedlichen Breiten. Zur Herstellung der Sichtbetonelemente klebten die Mitarbeiter die Matrizen mit der strukturierten Fläche nach oben in eine Schalung, behandelten sie mit Trennmittel und füllten den Beton ein.

Die eingesetzte Schaltechnik bietet dazu ein spezielles Trennmittel an, das die Oberfläche der Matrizen schont und gewährleistet, dass sich der Beton einwandfrei löst. Dies ist bei den Sichtbetonflächen, die mit Hilfe von Schalungsmatrizen hergestellt werden, zwingend notwendig, um eine einwandfreie Oberfläche und präzise Kanten zu ermöglichen. Nachdem die Kunststoffform vom Beton gelöst wurde, ist sie nach der Reinigung wieder sofort einsatzfähig. Je nach Pflege kann die Schalungsmatrize bis zu 100 Mal verwendet werden, versprechen die Entwickler. Das Glasfaser Trägergewebe macht sie in diesem Fall besonders widerstandsfähig gegen die mechanischen Belastungen des Baualltags.

Minima Maxima

Die Architekten hatten sich beim Angermuseum noch eine weitere Raffinesse einfallen lassen. Nachdem alle erforderlichen Betonelemente hergestellt waren, modifizierten sie die Platten, indem sie einzelne Lettern ausschneiden ließen. So konnten die Worte "Minima Maxima" im Beton verewigt werden. Sie sagen aus, dass im Kleinen das Große sei. Eine Wahrheit, die auch auf Schalungsmatrizen zutrifft: Da der Verarbeiter die Matrize mehrfach verwenden kann, ist es möglich, mit einer einzigen Kunststoffmatte mehrere hundert Quadratmeter strukturierten Beton zu fertigen.

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