Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst

Dipl.-Ing. (FH) Benjamin Di-Qual: "Planer kennen ihre Kosten nicht"

# 23.03.2021

Benjamin Di-Qual vom Ingenieurbüros concon in Traunstein | Neue Kapazitäten im Büro durch Homeoffice. Flusswellen-Konstruktion als bisheriger Höhepunkt. Kammern sollten Planern mehr Kostenmanagement zutrauen

Dipl.-Ing. (FH) Benjamin Di-Qual

Dipl.-Ing. (FH) Benjamin Di-Qual plädiert für mehr Kostenmanagement im Ingenieurbüro. Foto: concon Dipl.-Ing. (FH) Benjamin Di-Qual plädiert für mehr Kostenmanagement im Ingenieurbüro. Foto: concon

Benjamin Di-Qual ist Gründer und geschäftsführender Partner des Ingenieurbüros concon – construction consulting im oberbayerischen Traunstein.

Das Unternehmen mit rund 15 Mitarbeitern erbringt Leistungen im klassischen Wohnungsbau im Sinne eines Generalplaners ohne Ausschreibung, Vergabe und Bauleitung.

Neben Projekten in Massivbauweise werden vermehrt Einfamilienhäuser und andere Wohngebäude in Holzbauweise geplant und realisiert.

Herr Di-Qual, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Wir betreuen aktuell insgesamt rund 80 laufende Projekte, darunter einige große Wohnungsbauprojekte. Bei Letzteren bin ich selbst noch in die Projektsteuerung eingebunden, ansonsten konzentriere ich mich mehr und mehr auf die Unternehmens- und Mitarbeiterführung.

Als Büro haben wir im letzten Jahr in Sachen Digitalisierung viel gelernt und bestehende Hemmnisse abgebaut. Homeoffice bzw. mobiles Arbeiten sind keine Hürde mehr und wir genießen tatsächlich die gewonnene Raumkapazität vor Ort. Aus Platzmangel konnten wir zum Beispiel zuvor keine Lehrlinge mehr einstellen. Das kann nun und in Zukunft anders gelöst werden.

Je nach Lebensumstand sind unsere Beschäftigten gerne im Büro oder eben lieber zuhause im Homeoffice. Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern beispielsweise könnte anders gerade in Zeiten der Corona-Pandemie bei uns Ihr Pensum nicht erreichen. Mit Homeoffice lässt sich diese Gleichung zumindest einigermaßen gut lösen.

Erhalten geblieben ist die wöchentliche Teamsitzung mit allen Beteiligten, egal ob persönlich vor Ort oder per Videokonferenz. Wichtig sind mir der direkte Austausch und ein Gesicht vor Augen, um die soziale Komponente im Unternehmen zu stärken.

Neben der Geschäftsführung widme ich mich gerne auch einigen Liebhaberprojekten. Damit verdienen wir kein Geld, es gibt mir allerdings die Möglichkeit, berufliche und private Leidenschaften miteinander zu verbinden.

Ein Beispiel ist die ingenieurtechnische Entwicklung von künstlichen Flusswellen. Ich surfe selbst gerne und freue mich, mit diesen Projekten für den Sport, aber auch beispielsweise für das Image einer Region und die städtebauliche Entwicklung positiv wirken zu können.

Im österreichischen Ebensee konnte ich 2020 mit verschiedenen Partnern die größte stehende Flusswelle weltweit bauen. 2021 bekamen wir dafür sogar den Bayerischen Ingenieurpreis.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum? Was war Ihr bisheriger beruflicher Höhepunkt?

Ich bin seit 2007 und damit seit 14 Jahren als Bauingenieur aktiv. Bereits als Kind war ich mit meinem Vater, einem Maurermeister und Bauunternehmer, viel auf Baustellen unterwegs. Auch ein Großvater ist Bauingenieur, der andere war Architekt, sodass das Bauwesen in meiner Umgebung immer eine große Rolle gespielt hat.

Zum ständigen Kontakt mit der Baubranche kam meine persönliche Eignung für eine Tätigkeit im technischen und planerischen Bereich sowie die Lust auf Abwechslung und individuelle Projekte. Dennoch habe ich auch anderes probiert, nach drei Praktika wusste ich schließlich ganz genau, dass meine Zukunft im Bauwesen liegt.

Nach meinem Studium an der Technischen Hochschule Deggendorf folgte ein eher wilder Werdegang. Ich war zunächst im Baugeschäft meines Vaters tätig, dann zwei Jahre in der Schweiz. Hier wurde ich ins kalte Wasser gestoßen, musste schnell Verantwortung übernehmen. Das war sehr lehrreich, eine spannende Zeit, aber auch intensiv, mit großen Herausforderungen in coolen Projekten, bei denen auch schon mal eine Installation per Hubschrauber anstand.

Schließlich landete ich bei der Alpine im Brückenbau. Dort war die Projekt- und Bauleitung im Brückenbau auf einem hohen Level mein Alltag. Als es mit dem Konzern zu Ende ging, war ich bereit für die Selbstständigkeit. Im väterlichen Baugeschäft wäre dies möglich gewesen, doch hier prallten Welten aufeinander, unsere Vorstellungen zur Unternehmensführung waren grundverschieden.

Somit habe ich nach zwei Jahren der Solo-Selbstständigkeit mit meinem ersten Geschäftspartner ein neues Büro gegründet. Hier kann ich alle meine Leidenschaften einbringen und ausleben. Bisheriger Höhepunkt meiner Arbeit ist unter anderem die oben beschriebene Planung und Umsetzung der Flusswelle in Österreich.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen in punkto Personalgewinnung bzw. wie können sich Unternehmen der Baubranche heute den Nachwuchs von morgen sichern?

Wenn ich auf unser noch relativ junges Unternehmen und unsere Beschäftigten blicke, stelle ich fest, dass wir stets, ohne Not und krampfhaftes Suchen, organisch gewachsen sind. Wir haben viele unserer Bauingenieure nach einer Beschäftigung als Werksstudenten fest übernommen.

Die Mundpropaganda funktioniert hier im ländlichen Raum auch sehr gut, wenn man sich erstmal einen guten Ruf erarbeitet hat. Ich kannte viele heutige Mitarbeiter bereits vorher vom Studium oder aus anderen Kreisen und Netzwerken. Flankierende Stellenausschreibungen helfen uns dagegen wenig, weshalb wir das irgendwann eingestellt haben.

Momentan wird unser Wachstum dadurch gebremst, dass es zu wenige Bauzeichner auf dem Markt gibt. Wir wollen dieses Knowhow gerne im Unternehmen haben und halten und bilden auch selbst nach Möglichkeit aus. Ich werbe für diesen Beruf, denn neben der abwechslungsreichen und fordernden Arbeit kann ein sehr guter Bauzeichner unter Umständen fast so viel wie ein Bauingenieur verdienen.

Grundsätzlich bin ich recht entspannt und blicke optimistisch in die Zukunft. Ich habe bereits zwei größere Krisen der Branche miterlebt und weiß, dass es danach immer weiterging. Es herrscht ein großer Investitionsdruck im Immobilienmarkt, sodass die Arbeit für unseren Berufsstand nicht weniger wird.

Weiter haben wir in Deutschland eine sehr kleinteilige und leicht überalterte Ingenieurlandschaft. Viele Ein-Mann-Büros oder kleine Unternehmen werden jedoch über kurz oder lang verschwinden, weil es keine Nachfolger gibt. Momentan hält die gute Baukonjunktur solche Inhaber noch davon ab, in Pension oder Rente zu gehen.

Wie bewerten Sie die wirtschaftliche Situation innerhalb der Planungs- und Baubranche hinsichtlich der Preise und Honorare?

Neben meiner Planertätigkeit war ich eine Zeitlang als Gemeinderat aktiv. Ich kenne also auch die Seite der öffentlichen Auftraggeber. In meinen Augen sind die in der ehemaligen HOAI benannten Honorarsätze für uns Planer auskömmlich.

Ich weiß allerdings aus Erfahrung, wie viele Kollegen fast ausschließlich auf ihre Einnahmenseite schauen. Im persönlichen Gespräch stellt sich dann oftmals heraus, dass Firmeninhaber ihre Ausgaben bzw. Kosten gar nicht kannten. Ein bisschen BWL würde da nicht schaden.

Ich habe in meiner Familie das genaue Kalkulieren im Baugeschäft gelernt. Wichtig war hier von vornherein die Liquidität des Unternehmens, weniger der Gesamtumsatz. Mit einem soliden Qualitäts- und Kostenmanagement und genauem Rechnen kann man in unserer Branche auch mit Pauschalhonoraren gut leben.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: "Um erfolgreich zu planen und zu bauen kommt es in Zukunft darauf an, dass..."

...die digitalisierten Planungsprozesse ganzheitlich koordiniert werden. Der Grundsatz muss hierbei lauten: Erst planen bzw. koordinieren, dann bauen. Die Kosten für ein Gesamtprojekt bleiben dann im Rahmen, wenn im Vorfeld ausreichend Zeit und Geld in die Planung investiert wird.

In welche Technik/IT investiert Ihr Unternehmen? Wie digitalisiert sind Sie dabei?

Wir arbeiten in unserem Unternehmen zu annähernd 100 Prozent papierfrei. Unsere Daten haben wir bereits größtenteils extern in der Cloud gespeichert. Notwendig werden in Zukunft nur noch Laptop, Webcam und Headset sein. Unsere Telefonanlage und unsere Server im Büro können wir demnächst entsorgen.

Im Grunde findet somit im technischen Bereich bei uns nur noch eine Umstrukturierung statt. Wenn unser Team dann ausschließlich mobil arbeitet, was sich wie gesagt im letzten Jahr deutlich verstärkt hat, sehe ich ehrlich gesagt keinen Bedarf mehr, weiter in stationäre Bürotechnik zu investieren.

Mit der Software verhält es sich ähnlich. Wir mieten diese eher als dass wir sie kaufen. Das gesparte Geld investieren wir in Soft Skills bzw. in das gemeinsame Miteinander des Teams.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Zum einen wünsche ich der öffentlichen Verwaltung mehr Mut zur Digitalisierung. Die ganze Welt macht es und ich bin überzeugt: Auch wir in Deutschland können das, und zwar ganz ohne fünf weitere Normen-Runden oder Gesetzesänderungen.

Zum anderen sollten die berufspolitischen Vertreter unserer Branche, allen voran die Bauverbände und Ingenieurkammern, ihrer Klientel mehr Kostenmanagement zutrauen und nicht den Mindestsätzen der HOAI nachweinen. Das erfordert eine gewisse Selbstdisziplin, wozu ich persönlich als marktliberaler Unternehmer bereit bin.

Weiter brauchen wir endlich flächendeckend Breitband- und Mobilfunkempfang. Auf dem Weg zur Arbeit erlebe ich in 25 Minuten während eines Kundengesprächs derzeit drei Netzabbrüche. Anderes Beispiel: Meine Projektdaten sind zwar überall auf der Welt aus der Cloud abrufbar. Da ich auf der Baustelle um die Ecke aber keinen Empfang habe, muss ich vorher im Büro erst mein Tablet mit dem stationären Rechner synchronisieren. Unglaublich.

In Bezug auf politische Gremienarbeit hat mich meine Aktivität im Arbeitskreis BIM der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau leider ziemlich desillusioniert. Hier zeigte sich, dass wir irgendwann einmal eine perfekte deutsche Variante mit 25 Leitfäden für ein und dieselbe Sache haben werden. Irgendwann, wie gesagt, und dann womöglich zu spät.

Die skandinavischen Länder oder Großbritannien machen es vor. Erfahrungen lassen sich nur sammeln, wenn man endlich macht und nicht jahrelang einführt oder Pilotprojekte aufzieht.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Wir verfolgen einen festen Weiterbildungsplan. Unsere Mitarbeiter sollen danach an mindestens zwei Fachveranstaltungen pro Jahr teilnehmen.

Ich selbst fokussiere mich vermehrt auf Angebote zur Unternehmens- und Mitarbeiterführung. Dass die Teilnahme an vielen Fortbildungen inzwischen auch online möglich ist, erleichtert die Sache.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Das Surfen ist die größte Leidenschaft, und dass in der ganzen Familie. Sowohl meine Frau als auch meine beiden Kinder sind genau so gerne im Wasser wie ich selbst. Egal ob im Atlantik, auf fernen Reisen oder in unseren entstehenden Flusswellen.

Den Rest der wenigen Freizeit verbringen wir in den heimischen Bergen beim Wandern oder Klettern. Da ich ein hohes Arbeitspensum habe, müssen Freizeitausflüge oder Urlaube aktiv gestaltet sein, damit ich den Kopf frei bekomme. Dass dies mit der Familie klappt, ist umso schöner.

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