Fachbeiträge & Interviews
Freitag, 02. Dezember 2022
Ausgabe 7774 | Nr. 336 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Joern Seitz (Gauff Engineering): "Begeisterung für Bauingenieurwesen muss schon in der Schule geweckt werden."

# 25.11.2022

Bau der längsten afrikanischen Hängebrücke (2014-2018) überwacht - Fremdfinanzierung ist Grundlage für den Auslandsbau in Afrika - Positive Reize und frühzeitige Verantwortung für Mitarbeitende wichtig

Dipl.-Ing. Joern Seitz

Abb. 1: Dipl.-Ing. Joern Seitz verantwortet als Teamleiter die Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung des neuen Hafens in Kampala, Uganda. Foto: Gauff Engineering Abb. 1: Dipl.-Ing. Joern Seitz verantwortet als Teamleiter die Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung des neuen Hafens in Kampala, Uganda. Foto: Gauff Engineering

Dipl.-Ing. Jörn Seitz studierte Bauingenieurwesen an der TH Darmstadt und war schon weltweit in vielfältigen herausfordernden Bauprojekten als Projektleiter und Geschäftsführer im Einsatz.

Seit 2015 ist er für das familiengeführte beratende Ingenieurunternehmen Gauff GmbH & Co. Engineering KG (Gauff Engineering) mit Sitz in Nürnberg tätig und verantwortete zunächst als Projektdirektor die längste Hängebrücke Afrikas, die "Maputo-Katembe Brücke" in Mosambik. Nach erfolgreicher Fertigstellung der Brücke leitet er seit 2019 das Team für die Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung des neuen Hafens in Kampala, Uganda.

Kerngeschäft der Gauff Engineering sind komplexe Infrastrukturprojekte in den Bereichen Wasser, Abwasser, Verkehr und Energie. Dazu gehört auch die Vermittlung langfristiger, abgesicherter Finanzierungen für die Projekte der Kunden. Derzeit sind rund 200 Mitarbeiter*innen für das 1988 gegründete Unternehmen in Deutschland, Europa, Afrika und im Nahen Osten im Einsatz.

Herr Seitz, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Seit ca. 20 Jahren arbeite ich nun im Ausland. Nach Taiwan, Thailand und Hongkong ging es nach Afrika – immer für deutsche Bauunternehmen und beratende Ingenieure. Das waren anfangs die Zeiten, in denen der Wissenstransfer von Deutschland nach Asien ein wesentlicher Teil des Auslandbaues deutscher Firmen war.

Für Afrika gilt dies nach wie vor, wobei hier heute die Fremdfinanzierung die Grundlage für den Auslandsbau bildet. Sich immer wieder auf neue fachliche – aber auch kulturelle Situationen einzustellen, fordert permanente Flexibilität. Zuzuhören ist enorm wichtig und auch das "an die Hand nehmen" sowie die Entwicklung der Selbstständigkeit der lokalen Mitarbeiter*innen führen zum Erfolg.

Ein einfaches Beispiel für diese Tätigkeit ist das Lesen der Planunterlagen im Büro und die praktische Übertragung für die Arbeiten auf der Baustelle, zum Beispiel bei Bewehrungszeichnungen für eine Fundamentplatte. Als Bauüberwacher des Bauherren muss die Bewehrung geprüft und vor dem Betonieren abgenommen werden. Auf dem Plan sieht das einfach und einleuchtend aus, aber vor Ort mit den zahleichen Lagen unterschiedlicher Bewehrungsdurchmesser brauchen lokale Mitarbeiter*innen Unterstützung und die Gewissheit, dass sie es "richtig" sehen.

Entscheidend ist auch die Basis des Unternehmens in Deutschland, um auf der Höhe der technischen Entwicklung bleiben zu können. Die Mitgliedschaften in den Ingenieurkammern von Bayern und Baden-Württemberg sind dabei eine große Hilfe und erleichtern das "am Ball bleiben".

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum? Was war Ihr bisheriger beruflicher Höhepunkt?

Die Bauaktivitäten in den deutschen Städten – ich bin in Frankfurt groß geworden - mit den Tiefbaumaßnahmen, wie zum Beispiel den U-Bahnbauten, haben mich tagtäglich fasziniert und motiviert diesen Beruf zu ergreifen; da war immer was los auf den Baustellen und kein Stubenhocken angesagt.

Beruflich gab es bisher mehrere Höhepunkte in meiner Laufbahn: der Bau der seinerzeit größten Schrägseilbrücke in Frankreich "Pont de Normandie", die High-Speed-Railway in Taiwan, die Lekki-Ikoyi Brücke in Nigeria und die längste Hängebrücke von Afrika in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks (siehe Abb. 2), bei der wir mit unserem Unternehmen Gauff Engineering das Design und die Arbeiten einer der größten chinesischen Baufirmen überwacht haben.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen in punkto Personalgewinnung?

Abb. 2: Beim Bau der Maputo-Katembe-Brücke in Mosambik, der längsten Hängebrücke Afrikas, hat Gauff Engineering das Design und die Arbeiten einer der größten chinesischen Baufirmen überwacht. Foto: Gauff Engineering Abb. 2: Beim Bau der Maputo-Katembe-Brücke in Mosambik, der längsten Hängebrücke Afrikas, hat Gauff Engineering das Design und die Arbeiten einer der größten chinesischen Baufirmen überwacht. Foto: Gauff Engineering

Mit flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungsprozessen gehen wir bei unseren nationalen und internationalen Großprojekten verschiedene Wege, um potenzielle Mitarbeiter*innen von uns zu überzeugen. Ein sehr wichtiger Baustein ist dabei unser internes Mitarbeiterempfehlungsprogramm, denn zufriedene Mitarbeiter*innen sind bekanntlich die besten Werbebotschafter*innen.

Einen weiteren Fokus setzen wir zudem auf eine enge Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten, sowohl am Stammsitz in Nürnberg als auch in den Auslandsniederlassungen. Neben Gastvorlesungen und Stipendien bieten wir den Student*innen spannende Werkstudententätigkeiten und Praktika im In- und Ausland sowie die Möglichkeit ihre Abschlussarbeiten in einem unserer Projekte anzufertigen.

Damit unterstützen wir nicht nur die Ausbildung der Bauingenieure*innen von morgen, sondern sichern uns auch den qualifizierten Nachwuchs im Unternehmen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Um erfolgreich zu planen und zu bauen kommt es in Zukunft darauf an, dass...

...wir Mitarbeiter*innen die vielseitigen positiven Reize und die abwechslungsreichen Tätigkeiten in den Bereichen der Planung und Ausführung des Bauens näherbringen und ihnen auch frühzeitig Verantwortung übertragen.

In welche Technik bzw. IT investiert Ihr Unternehmen?

Damit unsere Mitarbeiter*innen möglichst effizient und qualitativ hochwertig arbeiten können und dabei auch die Themen Datenschutz und IT-Sicherheit berücksichtigt werden, investieren wir kontinuierlich in die neueste Hard- und Software, arbeiten mit den Cloud-Lösungen von Microsoft und den aktuellsten digitalen Planungs-Tools, wie zum Beispiel Autodesk und Civil 3D.

Zudem wurde auch die Konferenztechnik am Stammsitz in Nürnberg und in den Auslandsniederlassungen komplett digitalisiert und ist auf dem neuesten Stand der Technik, um sowohl mit unseren Kolleg*innen im In- und Ausland als auch mit Kunden und Partnern ressourcenschonend, zielführend und effizient zusammenzuarbeiten.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Zuallererst mehr Student*innen für das Fach Bauingenieurwesen mit all seinen verschiedenen Disziplinen zu begeistern – dazu sollte der Grundstein bereits in den Schulen gelegt werden.

Auch sollten die Vorteile des Dualen Studiums – sowohl für die Unternehmen wie auch für die Studierenden – stärker in den Vordergrund gerückt werden, gerade unter dem Gesichtspunkt des Lernens über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Gauff Engineering bietet innerbetriebliche Schulungen in verschiedenen Bereichen an. Das Studium von Fachliteratur, der Besuch von Lehrgängen und Seminaren und auch der Austausch mit Kolleg*innen in anderen Ländern sind aber genauso wichtig für mich.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Meine Familie ist mein bester Ausgleich. Ein gutes Buch – auch gerne ein Fachbuch – und Sport gehören natürlich auch dazu, ebenso wie Freude an Musik.

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