Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 30. November 2021
Ausgabe 7407 | Nr. 334 | 21. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Markus Oeser: "Die Möglichkeiten und Grenzen der Bestandsnutzung müssen tiefer analysiert werden."

# 22.10.2021

Professor Dr.-Ing. habil. Markus Oeser von der Fakultät für Bauingenieurwesen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) | Fokus des Handelns auf die Ertüchtigung des Bestands legen - Sachverstand in Politik immer besser als ideologische Verbotskultur - berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen wichtiger denn je

Professor Dr.-Ing. habil. Markus Oeser

Professor Dr.-Ing. habil. Markus Oeser ist ab November 2021 Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Foto: RWTH Aachen / Andreas Schmitter Professor Dr.-Ing. habil. Markus Oeser ist ab November 2021 Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Foto: RWTH Aachen / Andreas Schmitter

Markus Oeser (Jahrgang 1974) ist seit 2011 Leiter des Lehrstuhls für Straßenwesen und Direktor des Instituts für Straßenwesen sowie seit 2015 Dekan an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH).

Darüber hinaus ist er in zahlreichen Forschungsgremien, Fachverbänden und -vereinigungen, darunter die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), aktiv.

Am 1. November tritt Markus Oeser die Nachfolge des im Februar unerwartet verstorbenen Stefan Strick als Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) an.

Herr Oeser, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Aktuell bekleide ich mehrere Ämter gleichzeitig, die meine Aufmerksamkeit fordern. Es ist dies die Arbeit als Institutsdirektor und Universitätsprofessor für Straßenwesen, die Funktion als Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen der RWTH Aachen University und der Vorsitz des Fakultätentages für Bauingenieurwesen, Geodäsie und Umweltingenieurwesen e.V., kurz FTBGU.

Trotz der vielen herausfordernden Aufgaben bereitet mir die Kombination aus Wissenschaft und Wissenschaftsmanagement sehr viel Freude. Im Rahmen meiner Tätigkeit für den FTBGU arbeite ich sehr eng mit anderen Verbänden, der Industrie und der Politik zusammen. Auch diese Aufgabe ist herausfordernd und interessant zugleich.

In Vorbereitung auf meine neue Tätigkeit als Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen diskutieren wir in Gesprächen mit den Abteilungsleitern die strategischen Ziele der BASt, finden Lösungen für aktuelle fachliche und organisatorische Fragen und skizzieren Ansätze, wie wir zur Bewältigung des Fachkräftemangels in der Branche beitragen können.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum? Was war Ihr bisheriger beruflicher Höhepunkt?

Mein Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Universität Dresden habe ich im Jahr 1998 beendet. Seitdem bin ich im Bereich des Straßenwesens aktiv.

Meine beruflichen Wege haben mich von Dresden nach Delft in den Niederlanden über Sydney in Australien wieder zurück nach Deutschland an die RWTH Aachen geführt. Jetzt steht mit der Leitung der Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach der nächste Schritt an. Jeder dieser Schritte auf meiner Karriereleiter war für mich ein Höhepunkt.

Warum bin ich in der Branche tätig? Vielleicht wissen Sie, dass Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1779 zum Leiter der Kommission für die Realisierung des Wegebaus im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach berufen wurde. Das war eine wichtige Aufgabe für das unzusammenhängende und seinerzeit wenig angebundene Gebiet.

In einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann sagte Goethe im Jahr 1823: "Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige tun."

Heute geht es um mehr als das, es geht um das Zusammenwachsen Europas und der ganzen Welt, Stichwort "Neue Seidenstraße". Und für mich geht es darum, neue Wege hin zu einer agilen, resilienten und innovativen Straßenverkehrsinfrastruktur sowie zu einem nachhaltigen Straßenverkehr zu finden.

Das motiviert mich und deshalb bin ich in dieser Branche tätig.

Wie bleiben bzw. werden Unternehmen und Einrichtungen des Bauwesens für junge Talente attraktiv?

Viele junge Menschen wollen ihr Talent, Wissen und Können für einen guten Zweck einsetzen. Ja, es geht nach wie vor auch um das Geldverdienen, aber zunehmend auch um die positive Wirkung, die die eigene Arbeit entfalten soll.

Im Interesse stehen dabei vermehrt der Schutz des Klimas, der Natur und der Ressourcen und damit die Bewahrung der Lebensgrundlage der Menschen. Außerdem werden soziale und gesellschaftliche Fragen wieder wichtiger.

Wenn wir auch in Zukunft junge Talente für das Bauwesen gewinnen wollen, müssen wir dieses breitere Spektrum an Interessen in der Ausbildung und in unserer täglichen Praxis abbilden und junge Menschen auch in diesen Fragen zu Lösungen befähigen. Ansätze dafür bestehen beispielsweise mit dem Konzept des "Socially Responsible Engineering".

Werden diese Fähigkeiten mit einem fundierten technischen Wissen und dem nötigen Pragmatismus verbunden, sind wir für die Aufgaben der Zukunft sehr gut gewappnet.

Wichtig sind natürlich auch das Arbeitsklima und die individuelle Förderung des Talents und der Kreativität der Beschäftigten in ihrer jeweiligen Situation. Hier hat die Branche in den letzten Jahren bereits sehr viel erreicht.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: "Um erfolgreich zu planen und zu bauen kommt es in Zukunft darauf an, dass..."

...wir über qualifiziertes Personal und fundiertes Wissen verfügen, und zwar auf allen Ebenen.

Welche Rolle soll bzw. kann die (Informations-)Technik bei der Bewältigung der Aufgaben im Bauwesen spielen?

Ich glaube, dass die neuen Techniken, wie die Digitalisierung der Planung, des Bauens und Betreibens von Infrastrukturen und Gebäuden das Bauwesen zukünftig stark prägen werden. Auch die Baurobotik und die Automatisierung der Bau- und Betriebsprozesse werden die Dinge stark verändern.

Allerdings bin ich bei der Verwendung des Begriffs der "Digitalen Revolution des Bauwesens" etwas vorsichtig. Bauen basiert in erster Linie auf Handwerks- und Ingenieurkunst und da steht beide Male der Mensch im Mittelpunkt.

Digitalisierung und Robotik stellen neue Arbeitsmethoden und Arbeitsmittel bereit, um die menschliche Kreativität und Schaffenskraft von körperlich schwerer Arbeit und von wiederkehrenden und deshalb automatisierbaren oder digitalisierbaren Prozessen zu befreien.

Wichtig ist auch, dass das Bauen in der Öffentlichkeit wieder als Teil der Lösung aktueller Herausforderungen und nicht mehr als Teil des Problems wahrgenommen wird. Auf diesen Gebieten kann insbesondere die Digitalisierung einen großen Beitrag leisten.

Mit smarten Gebäuden, Infrastrukturen und Quartieren, die nachhaltig geplant, gebaut und effizient, weil zum Beispiel energieautark betrieben werden, soll das moderne Bauwesen es dem Menschen ermöglichen, im Alltag ein hohes Maß an Lebensqualität und Komfort zu erlangen bzw. aufrecht zu erhalten und trotzdem im Einklang mit der Natur zu leben. Das ist doch ein schönes Ziel.

Welche Aufgaben hat die Politik aus Sicht der Baubranche in den nächsten Jahren vorrangig zu erfüllen? Wo sind der Politik Grenzen gesetzt?

Innovative Lösungsoptionen für die Herausforderungen der Zukunft können die Bauschaffenden bereitstellen, die im Handwerk, der Industrie, der Verwaltung und der Forschung tätig sind. Hier liegen das Können und ein hohes Maß an Erfahrung.

Die Politik muss den rechtlichen Rahmen setzen und Anreize schaffen, um die zugehörigen Wandlungsprozesse zu initiieren und zu gestalten. Diese Aufgabe ist ebenfalls hoch komplex und ehrlich gesagt ist das nicht ganz mein Metier. Dennoch versuche ich die Frage zu beantworten.

Wenn ich vor der Aufgabe stünde, diesen Wandlungsprozess zur starten, würde ich mir beispielsweise folgende Fragen stellen: Wie können ökonomische Anreize geschaffen werden, um zu einem nachhaltigeren Bauen und Betreiben zu gelangen? Welche politischen und ökonomischen Steuerungsmechanismen sind nötig?

Konkret am Beispiel der Flächennutzung kann das heißen: Benötigen wir - vergleichbar zum EEG - einen starken und wirkungsvollen rechtlichen Rahmen für das Flächenmanagement, um die fortschreitende Zersiedelung und Flächenneuversiegelung einzudämmen, den Fokus des Handelns auf die Nutzung bzw. Nachnutzung bzw. Ertüchtigung des Bestands zu lenken und nicht mehr genutzte Altflächen, wie zum Beispiel Industriebrachen, zu entsiegeln?

Für Maßnahmen zur Klimaanpassung von Gebäuden, Infrastrukturen und Quartieren müssen ebenfalls rechtliche und wirtschaftliche Anreize gesetzt werden.

Im Übrigen würde ich ausdrücklich nicht zu einer Verbotskultur übergehen. Es müssen sich immer die besseren Lösungen durchsetzen und das muss in einem "Evolutionsprozess" geschehen, für den die Politik und die Gesellschaft die Kriterien setzen.

Dabei würde ich mich von Sachverstand leiten lassen und ideologische Ansätze vollständig verneinen, denn damit haben wir zu keiner Zeit gute Erfahrungen gemacht.

Wie muss die Aus- und Weiterbildung im Bauwesen gestaltet sein, damit sie zielführend ist?

In der Aus- und Weiterbildung müssen wir uns stärker auf die brennenden Zukunftsfragen konzentrieren - ohne die klassischen Disziplinen des Bauwesens zu vernachlässigen. Thematisch sehe ich die Punkte Klimaneutrales Bauen, Nutzung des Bestands als Ressource, Adaption an den Klimawandel bzw. Resilienz und Digitalisierung als wichtige Zukunftsthemen an. Natürlich gibt es noch Weitere, aber die genannten sind mir aus folgenden Gründen besonders wichtig.

Der Bausektor, genauer gesagt das Herstellen und Betreiben der gebauten Umwelt, gehört zu den weltweit größten Energie- und Rohstoffkonsumenten und ist für circa 38 Prozent des CO2-Austoßes verantwortlich. Im Unterschied zu anderen Branchen konnte dieser ökologische Fußabdruck in den vergangenen Jahren nicht reduziert werden. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. In Deutschland werden jeden Tag circa 56 Hektar Fläche für den Siedlungsbau neu versiegelt, obwohl genügend Bestandsflächen zur Verfügung stehen. Ähnlich sieht es beim Materialverbrauch aus.

Möglichkeiten und Grenzen der Bestandsnutzung müssen zukünftig viel tiefer analysiert werden. Bei Überlegungen zu Neubau versus Umnutzung von Gebäuden und Infrastrukturen sind die ökonomischen, ökologischen, sozialen und historisch-identitätsstiftenden Hintergründe stärker zu berücksichtigen. Bei der Klimaanpassung geht es vor allem um die Verringerung der Empfindlichkeit der gebauten Umwelt gegenüber Änderungen des Klimas. Die aktuellen Ereignisse, wie die Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, von der ich selbst stark betroffen bin, zeigen uns wie wichtig das ist.

Maßnahmen zur Klimaanpassung können auf Objektebene und Raumebene erfolgen, erfordern jedoch nicht notwendigerweise ein national oder sogar international abgestimmtes Vorgehen, wie es etwa beim Klimaschutz erforderlich ist. Resiliente Infrastrukturen und Gebäude müssen flexibel auf "Stress" reagieren können und anpassbar sein und zwar nicht nur auf die Änderungen des Klimas hin, sondern auch auf das geänderte Mobilitätsverhalten, den demographischen und gesellschaftlichen Wandel etc.

Innovative Ansätze hierfür ergeben sich beispielsweise aus den erwähnten Digitalisierungskonzepten oder aus der Bionik. Letztere zielt auf die Nachbildung natürlicher Prozesse ab. So eignet sich zum Beispiel ein Baum als Sinnbild einer agilen und resilienten Struktur. Weitere Ansätze und Anknüpfungspunkte ergeben sich aus Themen wie der Robotik für die Infrastrukturüberwachung und -erhaltung oder der Automation des Bauens und Betreibens.

Die Ausbildung von Bauingenieuren der Zukunft muss demzufolge viel breiter angelegt sein als heute. Im Studium wird das aufgrund der zeitlichen Beschränkungen nur teilweise zu leisten sein. Aus diesem Grund sind berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen wichtiger denn je.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Ich gehe jeden Morgen zum Sport. Auf diese Weise starte ich fit in den Tag.

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