Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 01. Dezember 2020
Ausgabe 7043 | Nr. 336 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: André Dürr

# 26.08.2020

Prof. Dr.-Ing. André Dürr von der Fakultät für Bauingenieurwesen an der Hochschule München - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Prof. Dr.-Ing. André Dürr

Dr.-Ing. André Dürr ist Professor für Stahlbau und Baustatik an der Hochschule München. Foto: Christiane Taddigs-Hirsch Dr.-Ing. André Dürr ist Professor für Stahlbau und Baustatik an der Hochschule München. Foto: Christiane Taddigs-Hirsch

ist seit 2015 Professor für Stahlbau und Baustatik an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Hochschule München. Die Hochschule München ist die größte Hochschule für angewandte Wissenschaften (ehemals Fachhochschule) in Bayern.

An der Fakultät Bauingenieurwesen studieren in den Bachelor- und Masterstudiengängen fast 1.000 Menschen. Dürr ist seit 2019 Gründungsmitglied des Instituts für Material- und Bauforschung (IMB) an der Hochschule München.

Herr Dürr, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Infolge der Corona-Krise wurden an der Hochschule München alle Vorlesungen im Sommersemester 2020 auf digitale Lehre umgestellt. Das kam für alle sehr plötzlich und war damit aufgrund der schnell erforderlichen Umsetzung eine große Herausforderung.

Inzwischen liegt dieses spezielle Semester hinter uns und ich habe in dem Bereich der Digitalisierung viel dazugelernt. Ich habe den Eindruck, dass die Digitalisierung im Bereich der Lehre einen Mehrwert bringt.

Nichtsdestotrotz kann eine vollständig auf digitale Medien aufgebaute Vorlesung nicht gleichwertig eine Präsenzvorlesung ersetzen. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn an der Hochschule München ab dem Wintersemester 2020/2021 wieder Präsenzvorlesungen möglich wären. Insbesondere den persönlichen Kontakt zu den Studierenden, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an unserem Forschungsinstitut sowie mit den Kolleginnen und Kollegen vermisse ich sehr.

Darüberhinaus bin ich natürlich im Bereich der Forschung derzeit auch ziemlich gefordert. Nach dem Abschluss des Forschungsprojekts "Wirtschaftliche Auslegung von ermüdungsbeanspruchten geschweißten Rundhohlprofilen", welches wir zusammen mit der Universität Stuttgart und dem Forschungszentrum Ultraschall durchgeführt haben, steht jetzt die Bekanntmachung der Forschungsergebnisse in der Praxis an (siehe Quellen und Verweise, Anm. d. Red.). Hier sind eine Richtlinie und ein Beitrag im Stahlbau-Kalender geplant.

Zusätzlich betreue ich gerade drei weitere Forschungsprojekte im Themenbereich der Materialermüdung von Stahlkonstruktionen.

Wie lange sind Sie schon Bauingenieur und warum?

Ich habe Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart sowie am Georgia Institute of Technology in Atlanta, USA studiert und vor 21 Jahren mein Studium abgeschlossen.

Die naturwissenschaftlichen Fächer machten mir schon zur Schulzeit viel Spaß. Da die praktische Umsetzung in den Ingenieursdisziplinen eine sehr starke Rolle spielt, kam nach dem Abitur schnell der Entschluss, dass ich in diesem Bereich ein Studium beginnen möchte.

Ich habe mich bewusst für das Bauingenieurstudium entschieden, da mir große Bauwerke schon damals imponiert haben. Als gebürtiger Ulmer war und ist das Ulmer Münster für mich immer noch ein Bauwerk der Superlative. Ich konnte mir als Schüler nicht vorstellen, wie man solche Bauwerke berechnen kann. Ich denke, da habe ich während des Studiums einiges dazu gelernt.

Wie definieren Sie die Rolle der Hochschule sowohl für sich genommen als auch im Zusammenspiel mit anderen Akteuren des Bauwesens?

Die Aufgabe der Hochschulen ist die Lehre und die Forschung. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften bereiten dabei die Studierenden durch anwendungsbezogene Lehre auf die späteren beruflichen Tätigkeiten vor.

Hochschule ist aber auch ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Von Anfang an ist es daher wichtig für die Hochschulen, dass ein Austausch zwischen den Studierenden mit allen Akteuren des Bauwesens erfolgt. An der Hochschule München haben wir in der Fakultät Bauingenieurwesen viele Fortbildungsveranstaltungen für die Praxis.

Ich bin zum Beispiel für die Münchener Stahlbautage verantwortlich, eine große Stahlbautagung, die wir alle zwei Jahre zusammen mit der TU München und der Bundeswehruniversität München ausrichten. Alle unsere Studierenden sind bei diesen Veranstaltungen herzlich eingeladen, sich einen direkten Einblick in die Berufspraxis zu verschaffen.

Neben der fachlichen Ausbildung der Studierenden sehe ich es als sehr wichtig an, dass wir als Lehrende an der Hochschule unseren Beitrag leisten, dass die Studierenden erkennen, wie wichtig es für unsere Gesellschaft ist, weltoffen und sozial verantwortlich zu sein.

Gerade als Tragwerksplaner hat man später in der Berufspraxis eine recht große Verantwortung. Fehler in der Konstruktion oder der statischen Berechnung können ja nicht nur zu wirtschaftlichen Schäden führen, sondern bei einem Versagen des Bauwerks kann es zu Verletzten oder auch Toten kommen. Es ist wichtig, dass wir diese hohe ethische Verantwortung den Studierenden in den Vorlesungen vermitteln.

Was bringen Sie wie den angehenden Bauingenieuren bei? Was müssen diese selbst mitbringen, damit sie für den Beruf "geeicht" sind?

Meine Lehrgebiete sind der Stahlbau und die Baustatik. Grundkenntnisse im Fach Baustatik sind meiner Meinung nach essentiell für jeden Bauingenieur, nicht nur für spätere Tragwerksplaner. Ich versuche daher, das teilweise abstrakte Themengebiet mit praxisnahen Anwendungsbeispielen für die Studierenden interessant zu machen, damit diese auch schon in den ersten Semestern erkennen, wo der praktische Anwendungsfall des Gelernten liegt.

In meiner praktischen Tätigkeit hatte ich sehr häufig mit Stahlkonstruktionen zu tun. Vielleicht hat es mich zu diesem Werkstoff auch bewusst hingezogen, da mich Stahlkonstruktionen aufgrund ihrer Leichtigkeit mit großen Spannweiten und der vielfältigen Anwendungsbereiche mit freier räumlicher Formfindung sehr beeindrucken.

Neben der reinen statischen Berechnung spielt bei Stahlkonstruktionen insbesondere auch die konstruktive Gestaltung der Tragwerke und der Anschlüsse eine wichtige Rolle. Dabei ist eine vorteilhafte Fertigung und Montage zu berücksichtigen, damit wirtschaftliche Konstruktionen in der Praxis umgesetzt werden können. Zusammen mit diesen wichtigen fachlichen Inhalten versuche ich den Studierenden auch meine Vorliebe zum Werkstoff Stahl zu vermitteln. Wenn das gelingt, sind die Studierenden für den späteren Beruf schon ziemlich gut "geeicht".

Bei der Suche nach einer geeigneten Universität oder Hochschule kann ich angehenden Studierenden nur empfehlen, dass sie darauf achten sollten, dass im Bachelorstudium eine breite Basis in möglichst vielen Grundlagenfächern vermittelt wird. Eine Vertiefung sollte erst zum Ende des Bachelorstudiengangs oder im Masterstudium erfolgen.

Es sollte auch darauf geachtet werden, dass im Bachelorstudium schon so viel Wissen und Kompetenzen vermittelt werden, dass eine Berufsausführung als Bauingenieur auch ohne Master möglich ist. An der Hochschule München sehe ich das alles als gegeben an.

Grundsätzlich sollten angehende Studierende genügend Motivation für das gewählte Studienfach mitbringen. Wenn man motiviert und zielstrebig ist, kann man ziemlich viel erreichen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: "Um in Zukunft erfolgreich zu planen und zu bauen, kommt es darauf an, dass ..."

...wir es schaffen, alle Beteiligten, und bei Großprojekten auch die Bevölkerung, frühzeitig mit ins Boot zu holen und davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, eine gute Infrastruktur zu haben.

Wie digitalisiert arbeiten Sie bereits in Ihrem Job? Welche Bedingungen bzw. Herausforderungen sehen Sie in punkto Digitalisierung für das Bauwesen?

Ich habe den Eindruck, dass wir alle aufgrund der Corona-Krise gezwungenermaßen einen deutlichen Schritt nach vorne in der Digitalisierung gekommen sind. Es hat sich doch gezeigt, dass viele Themen auch digital abgewickelt werden können, wo man vorher noch zögerlich war.

Es zeigt sich, dass zum Beispiel Besprechungen aber auch Vorlesungen zum Teil sehr gut digital mit Videokonferenzen durchgeführt werden können. Das empfinde ich als sehr angenehm, da sich dadurch viel Zeit und, aufgrund der fehlenden Anreise, auch CO2 sparen lässt.

Die Anwendung von Computerprogrammen ist in meinem Metier der Tragwerksplanung schon viele Jahre weit fortgeschritten. Ich denke aber, dass sich die Vernetzung der einzelnen Programme zum Beispiel über BIM noch weiterentwickeln muss, da die Schnittstellen häufig noch recht umständlich sind. Wir sind an der Fakultät der Hochschule gut aufgestellt, damit die Studierenden auch diese Kompetenzen in der Ausbildung erlernen.

Ich möchte allerdings an dieser Stelle anmerken, dass der alleinige Fokus auf die Digitalisierung falsch wäre. Die Ingenieurkunst braucht immer noch die Fachkompetenz und die Kreativität des Ingenieurs selbst.

Bei der Entwicklung von Tragwerkskonstruktionen und deren Anschlüssen sind händische Skizzen immer noch zielführend, so wie auch händische Überschlagsrechnungen auf einem Blatt Papier bei statischen Berechnungen unerlässlich sind. Diese Kompetenzen müssen den Studierenden von Bauingenieurstudiengängen auch zukünftig unbedingt vermittelt werden und dürfen in der Hochschulausbildung nicht zu kurz kommen.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Die Forschungstätigkeiten an den Hochschulen für anwandte Wissenschaften sollte deutlich mehr gefördert werden. 18 Semesterstunden Lehrverpflichtung und die gleichzeitige Umsetzung von Forschungstätigkeiten ist ein absoluter Kraftakt, da ja nicht nur die Abwicklung der Forschungsprojekte selbst, sondern auch die Mitwirkung in Fachausschüssen, Kongressen sowie der Austausch mit anderen Experten erforderlich ist, um wissenschaftlich gut zu arbeiten.

Hochschulen für angewandte Wissenschaften bringen aufgrund der Praxisnähe einen deutlichen Mehrwert in die vorhandene Forschungslandschaft ein. Eine weitere Förderung über eine größere Reduktion des Lehrdeputats für Forschende an den Hochschulen wäre wichtig, um diesen Mehrwert auch weiter auszubauen.

Ich habe den Eindruck, dass viele Kolleginnen und Kollegen gerne ihre hervorragenden Fachkenntnisse in Forschungsprojekte einbringen möchten, aufgrund der fehlenden Zeit aber oft entmutigt sind.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Die Tätigkeit als Professor empfinde ich als sehr angenehm, da man größtenteils eine freie Zeiteinteilung hat. Das heißt die Arbeitszeit verlagert sich zum Teil auch in den Abend oder ins Wochenende.

Freie Zeit nutze ich gerne zum Tennisspielen oder in der Natur zum Radeln oder Bergsteigen.

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