Fachbeiträge & Interviews
Sonntag, 20. Oktober 2019
Ausgabe 6635 | Nr. 293 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Andrea Börjes

# 21.10.2015

Andrea Börjes von der Börjes GmbH & Co. KG - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ..."

Dipl.-Ing. Andrea Börjes ...

Dipl.-Ing. Andrea Börjes führt ein eigenes Ingenieurbüro für den erweiterten Tiefbau im brandenburgischen Oranienburg. Foto: Ingenieurbüro Börjes Dipl.-Ing. Andrea Börjes führt ein eigenes Ingenieurbüro für den erweiterten Tiefbau im brandenburgischen Oranienburg. Foto: Ingenieurbüro Börjes

...ist Geschäftsführerin der Ingenieurbüro Börjes GmbH & Co. KG im brandenburgischen Oranienburg. Das Unternehmen mit einem weiteren Standort im niedersächsischen Westerstede beschäftigt insgesamt ca. 30 Mitarbeiter.

Die Leistungen liegen im erweiterten Bereich des Tiefbaus, vom Straßen- und Kanalbau über den Deponiebau bis zur Siedlungswasserwirtschaft. Etwa 80 Prozent der Projekte werden für die öffentliche Hand, vor allem auf städtischer und Landkreisebene realisiert.

Mit Andrea Börjes sprach bauingenieur24-Redakteur Fabian Hesse.

Frau Börjes, was fordert Sie gerade besonders in Ihrem Job?

Wie viel zu oft, beschäftigt mich auch derzeit eine Unmenge an Vorschriften und Auflagen der öffentlichen Verwaltung. Das Bundesland Brandenburg zeichnet sich leider durch eine stetig anwachsende statt abnehmende Bürokratie aus. Die Planungsabläufe für Projekte der öffentlichen Hand gestalten sich oft als sehr zermürbend und viel zu langwierig. Die Zahl der Ausschüsse, die ein Plan durchlaufen muss, ist so groß, dass Bauabläufe in einem Jahr kaum zu schaffen sind.

In unserem Büro in Niedersachsen sehe ich, dass es auch viel einfacher geht. Scheinbar herrscht in Brandenburg jedoch das Bestreben, jede neue rechtliche Auflage sofort umzusetzen. Hinzu hemmen beim Bauen im Bestand häufig Bürgerinitiativen der Anwohnerschaft den Projektfortschritt.

Für die eigentliche Projektarbeit bleibt mir immer weniger Zeit. Dabei gehören auch die Büroorganisation bzw. das -management sowie die Akquise zu meinen Aufgaben. Aktuell befindet sich mein Team in einer Phase des Neuaufbaus, da einige langjährige Kollegen nach und nach ausscheiden.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Ich habe bis 1990 an einer kleinen aber traditionsreichen Hochschule in Suderburg Wasser- und Kulturwirtschaft studiert. Mein Interesse galt seit jeher dem Wasser und allem Grünen. Nachdem ich festgestellt habe, dass mir bloße Kartierungen nicht sonderlich liegen, habe ich mehr und mehr die Ingenieursrichtung eingeschlagen.

An meiner jetzigen Arbeit genieße ich - trotz aller Bürokratie - den Kontakt mit den Gemeinden und Städten, deren bauliche Entwicklung ich sehr spannend finde und daher gerne mitgestalte.

Welche Wege gehen Sie in punkto Personalgewinnung?

An unserem Standort haben wir das Problem des Stadt-Land-Spagats. Durch die Nähe zur Bundeshauptstadt, mit seinen zahlungskräftigen Unternehmen der Wasser- und Abwasserbranche, fällt es uns schwer, zum Teil von uns aus- und weitergebildete Fachkräfte zu halten.

Manchmal ist es auch die Strukturschwäche in anderen Berufsfeldern, die dafür sorgt, dass uns gute Mitarbeiter abhanden kommen. Ein Beispiel liefert ein junger Kollege, dessen Freundin als Lehrerin keine Stelle in Brandenburg bekam, weshalb beide wegzogen. An Arbeit mangelt es uns hingegen nicht, unser Personal geht mittlerweile an seine Grenzen und darüber hinaus. Das gilt auch für unser Büro in Niedersachsen.

Im Bauingenieurwesen lassen sich derzeit nur wenige wechselwillige Mitarbeiter finden. Wichtiger Kontakt für die Besetzung freier Stellen ist für uns die TU Dresden. Hier sprechen wir gezielt Absolventen an, die von sich aus in Brandenburg arbeiten wollen, weil sie hier herkommen oder die Vorzüge des ländlichen Raums schätzen.

Auf wen hören Sie beruflich?

Ich pflege einen engen Draht zu vielen Menschen. In Fragen der Personalführung vertraue ich erfahrenen Coaches und Mediatoren. Meine Kollegen in unseren beiden Büros sind ebenfalls jederzeit hilfreiche Ansprechpartner und Berater. Häufig ist an einem Standort ein Problem bereits einmal aufgetreten, sodass der andere davon profitiert. Um unser Büro spannt sich außerdem ein Netzwerk aus Sachverständigen und Gutachtern für Einzelproblemlagen.

In welche (Informations-)Technik investieren Sie?

Ganz vorn stehen bei uns die CAD-Planerprogramme. Hierfür investieren wir um die 50.000 Euro im Jahr für Neuanschaffungen und Updates. Unsere Serverlandschaft erneuern wir zudem fortlaufend.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Konkret wünsche ich mir den Willen zu mehr Bürokratieabbau für Planungsverfahren im Bundesland Brandenburg. Die extrem belastende aktuelle Situation habe ich bereits beschrieben.

Ein zweiter Punkt betrifft die Ausbildung der Bauingenieure. Leider ist mit den Absolventen der neuen Bachelor-Studiengänge nicht viel anzufangen. Die eigentliche Berufsausbildung dieser Jungingenieure wird somit in die Planungsbüros verschoben, was nicht länger sein darf. Dass an den Unis Engpässe an qualifiziertem Lehrpersonal herrschen, merke ich immer wieder. Auch ich wurde bereits als Dozentin angefragt. Die TU Dresden ragt hier als einzige verlässliche Hochschule heraus. Dort wird auch weiter nach Diplom-Standards gelehrt.

Als zweifache Mutter weiß ich was es bedeutet ein Büro zu führen und dem Familienleben gerecht zu werden. Das ist ein Spagat, der oft an die Belastungsgrenze führt. Abhilfe könnte für viele geschafft werden, wenn es zumindest finanzielle Unterstützung geben würde - hier meine ich kostenfreie Kinderbetreuung, freies Schulessen, finanzielle Unterstützung für Haushaltshilfen und kostenfreie Nutzung des ÖPNV für Kinder. Mitarbeiterinnen, die nur Teilzeit arbeiten, bleibt sonst nichts auf dem Lohnzettel.

Lobenswert sind die mittlerweile zwei kostenfreien Kitajahre in Berlin. Das sind Schritte in die richtige Richtung, damit es sich für berufstätige Mütter lohnt, sich den täglichen Arbeitsanforderungen zu stellen.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Ich bin Mitglied im Bund der Ingenieure für Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Kulturbau (BWK). Hier tausche ich mit vielen Fachleuten aus und besuche die angebotenen Seminare zu Themen des Baurechts, der HOAI und Sonstigem.

Für meine Mitarbeiter sind natürlich Weiterbildungen im Bereich Wasserwirtschaft, der Bauüberwachung oder VOB-Seminare ein Muss.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Als Mutter und Geschäftführerin gestaltet sich für mich eine ausgleichende Freizeitgestaltung oft schwierig. Für ausreichend Sport und gelegentliche Abstecher ins Grüne muss es allerdings immer Zeit geben. Meine Freunde sind mir sehr wichtig und natürlich die Familie einschließlich meiner Eltern.

Ein stetiger Motor für mein alltägliches Tun ist mein sehr netter und motivierter Mitarbeiterstamm. Ich sehe es als großes Geschenk an, mit engagierten Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Das führt extern natürlich zu regelmäßigem positiven Feedback der Kunden, verbunden mit dem Dank für hervorragend abgeschlossene Projekte. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

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