Fachbeiträge & Interviews
Montag, 19. Oktober 2020
Ausgabe 7000 | Nr. 293 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Dirk Noosten

# 26.03.2020

Dr.-Ing. Dirk Noosten von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe - Jeder Bauingenieur tickt anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Dr.-Ing. Dirk Noosten ...

Dr.-Ing. Dirk Noosten leitet das Lehrgebiet "Baumanagement und Baufinanzierung" an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Foto: TH OWL Dr.-Ing. Dirk Noosten leitet das Lehrgebiet "Baumanagement und Baufinanzierung" an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Foto: TH OWL

...ist Professor und Leiter des Lehrgebietes "Baumanagement und Baufinanzierung" an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL).

Noosten ist Urheber zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Baufinanzierung, Baumanagement und Immobilienbewertung und Studienbriefautor der Deutschen Akademie für Management sowie Mitglied des urbanLab für Interdisziplinäre Stadt- und Quartiersforschung.

Noosten ist Inhaber eines eigenen Ingenieurbüros für Immobilienbewertung und als Sachverständiger für die Immobilienbewertung und Immobilienfinanzierung tätig. Darüber hinaus arbeitet er als Dozent im Studiengang "Nachhaltiges Energie-Design (NED)" an der Hochschule Hannover (vgl. Quellen und Verweise).

Herr Noosten, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Ganz aktuell wurde wegen der Ausbreitung des Coronavirus der Semesterstart verschoben und unsere Hochschule geschlossen. Für eine Präsenzhochschule ist der Wegfall von Präsenzveranstaltungen problematisch, weil uns das von Fernhochschulen abgrenzt.

Regulär bereite ich derzeit das 24. Symposium für Immobilienbewertung vor, das an unserer Hochschule am 28. Mai 2020 stattfinden soll (siehe Quellen und Verweise). Allerdings kann die Durchführung zum jetzigen Zeitpunkt wegen des Coronavirus nicht garantiert werden, gegebenenfalls muss das Symposium verschoben werden.

Abgesehen von diesen aktuellen Herausforderungen ist die Berücksichtigung der Nachhaltigkeit im Bauwesen immer noch eine immense Aufgabe. Es wird zunehmend wichtiger, dass Gebäude und Ingenieurbauwerke während der Errichtung und des Betriebs schonend mit der Umwelt umgehen. Angestrebt werden ein geringer städtebaulicher Flächenverbrauch, geringe Schadstoffemissionen und der Einsatz erneuerbarer Energien. Gleichzeitig sollen niedrige Baukosten, kurze Bauzeiten, geringe Bauschäden und lange Lebensdauern realisiert werden.

Schon heute sind die Rohstoffe für einige Baustoffe knapp, beispielsweise für Beton. Weltweit werden Rohstoffe teilweise unter menschenunwürdigen Verhältnissen gewonnen. Bauherren reagieren darauf zunehmend sensibel und sind sich ihrer Verantwortung bewusst. CO2-Fußabdruck, soziale Verantwortung und Lebenszykluskostenberechnung sind nur einige Stichworte in diesem Zusammenhang.

Wie lange sind Sie schon Bauingenieur und warum?

Seit 25 Jahren. Als Abiturient habe ich mir in der Naturforschenden Gesellschaft Baufilme angesehen. Das sind Filme über spektakuläre Bauprojekte, die weltweit realisiert wurden.

Genau genommen handelt es sich um Industriefilme, die insbesondere von großen Baukonzernen über die eigenen Bauprojekte angefertigt werden. Das hat mich begeistert und in meinem Berufswunsch, Bauingenieur zu werden, bestärkt.

Nach meinem Studium der Bauwissenschaften an der Universität Hannover war ich mehrere Jahre in einem großen Stahlbauunternehmen tätig. An der Universität Duisburg-Essen habe ich promoviert. In dieser Zeit habe ich meine Leidenschaft für die Lehre entdeckt und bin anschließend Hochschullehrer geworden.

Wie definieren Sie die Rolle der Hochschule sowohl für sich genommen als auch im Zusammenspiel mit anderen Akteuren des Bauwesens?

Die Rolle der Hochschulen ist im Hochschulgesetz klar definiert: Sie haben insbesondere die Aufgabe, Professoren die Lehre und Forschung zu ermöglichen.

Die Fachhochschulen bereiten durch anwendungsbezogene Lehre und Studium auf berufliche Tätigkeiten vor, die die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden erfordern. Ich selbst stehe im engen Austausch mit Unternehmen und Behörden, beispielsweise um gemeinsam praxisrelevante Abschlussarbeiten zu betreuen.

Was bringen Sie wie den angehenden Bauingenieuren bei? Was müssen diese selbst mitbringen, damit sie für den Beruf "geeicht" sind?

Mein Lehrgebiet "Baumanagement und Baufinanzierung" ist die Schnittmenge aus bauwissenschaftlichen, betriebswirtschaftlichen, baujuristischen und immobilienwirtschaftlichen Aspekten des Bauens.

Diesen Lehrinhalten ist im aktuellen Referenzrahmen für die Akkreditierung von Studiengängen des Bauingenieurwesens (AS Bau) ein noch größerer Raum eingeräumt worden (der Anteil der Kurse zum Baumanagement soll von zehn auf 20 Prozent angehoben werden, Anm. d. Red.; vgl. Quellen und Verweise). Nicht nur die großen Baupleiten Flughafen Berlin, Elbphilarmonie Hamburg und Stuttgart 21 beweisen, dass es den Bauschaffenden genau daran mangelt.

Angehende Studierende sollten bei der Wahl geeigneter Universitäten und Hochschulen darauf achten, dass die Lehrinhalte des Baumanagements nicht zu kurz kommen. Eigenständige Studiengänge wie beispielsweise "Baumanagement" und "Wirtschaftsingenieurwesen Bau" erfüllen dies im besonderen Maße. Neben den üblichen Veranstaltungsarten Vorlesung, Übung und seminaristischer Unterricht führe ich persönlich sehr gerne Exkursionen durch.

Grundsätzlich sollten angehende Studierende im günstigsten Fall eine (allgemeine) Hochschulreife, das heißt ein Abitur mitbringen, damit sie studierfähig sind. Oftmals mangelt es nicht nur an ausreichenden sprachlichen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen sondern auch an der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten und logischem Denkvermögen. Das führt während des Studiums zwangsläufig zu Frustrationen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: "Um in Zukunft erfolgreich zu planen und zu bauen, kommt es darauf an, dass…"

... sich Studierende auch mit Themen der Nachhaltigkeit, Ökologie und sozialen Verantwortung beschäftigen.

Wie digitalisiert arbeiten Sie bereits in Ihrem Job? Welche Bedingungen bzw. Herausforderungen sehen Sie in punkto technische Ausstattung bzw. Digitalisierung für das Bauwesen?

Das Bauwesen hinkt gegenüber anderen Branchen im Bereich Digitalisierung erheblich hinterher, wie Untersuchungen gezeigt haben.

Beispielsweise sind die Finanz-, Versicherungs- und Medienbranche sehr viel weiter. Es wird noch Jahre dauern, bis diese Lücke geschlossen ist.

Angehende Studierende sollten bei der Wahl einer Hochschule darauf achten, welche technischen Ausstattungen, wie zum Beispiel Computer-Räume, Labore und Software, sowie welche Forschungen in diesem Bereich bereits etabliert sind und welche Fächer zur Bauinformatik, Robotik und Augmented Reality bereits angeboten werden.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Als Hochschullehrer und als stellvertretender Landesvorsitzender des Verbandes Hochschule und Wissenschaft (vhw-nrw) plädiere ich für eine Reduzierung der Regellehrverpflichtung an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW), um mehr Forschung zu ermöglichen.

Außerdem sollten die Lehrgebiete an HAWs besser ausgestattet sein, das heißt es müssen mehr Personal und Finanzmittel bereitgestellt werden, damit Studierende genauso gut ausgebildet werden, wie an Universitäten.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Meine Familie und den Sport, dabei Rennrad fahren, joggen und schwimmen.

Aber auch meine ehrenamtliche Tätigkeit als stellvertretender Landesvorsitzender im vhw-nrw. Dort habe ich die Möglichkeit in Gesetzgebungsverfahren, die den Hochschul- und Wissenschaftsbereich betreffen, mitzuwirken.

Beispielsweise ist im Jahr 2019 das Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalen grundlegend reformiert worden. Der Landesverband Hochschule und Wissenschaft NRW hat im Vorfeld ausführlich zu dem Referentenentwurf Stellung nehmen können.

Die Landeshochschulgesetze sind quasi die "Grundgesetze" für die Hochschulen des Landes. Darin werden beispielsweise Präsenzpflichten für Studierende, Evaluationen sowie Kompetenzen, Wahlen und Abwahlen von Organen etc. geregelt. Kürzlich haben wir Stellung genommen zu einem Gesetzesentwurf, der die Lebensarbeitszeitkonten behandelt.

Es ist ein befriedigendes Gefühl, sich für bessere Rahmen- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einsetzen zu können. Letztlich kommt dies nicht nur unseren Mitgliedern zugute.

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