Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 17. Oktober 2019
Ausgabe 6632 | Nr. 290 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Gerhard Wittfeld

# 27.04.2018

Dipl.-Ing. Architekt BDA Gerhard Wittfeld von kadawittfeldarchitektur - Jeder Planer tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Dipl.-Ing. Architekt BDA Gerhard Wittfeld ...

Dipl.-Ing. Architekt BDA Gerhard Wittfeld ist Gründer und Mitgesellschafter von kadawittfeldarchitektur. Foto: Carl Brunn Dipl.-Ing. Architekt BDA Gerhard Wittfeld ist Gründer und Mitgesellschafter von kadawittfeldarchitektur. Foto: Carl Brunn

...ist geschäftsführender Gesellschafter und Partner der kadawittfeldarchitektur GmbH. Er gründete das Unternehmen 1999 gemeinsam mit Klaus Kada. Neben den beiden Gründern gehören aktuell Kilian Kada, Stefan Haass, Dirk Lange und Jasna Moritz zur Geschäftsleitung.

Für das Unternehmen mit Sitz in Aachen und Berlin sind rund 150 Architekten und Bauingenieure in der Planung und Ausführung von (inter-)nationalen Projekten des Hochbaus und Städtebaus sowie im Bereich Interior Design tätig.

Herr Wittfeld, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Die Planung der DFB-Akademie in Frankfurt am Main ist ein Riesending für uns. Es ist hochspannend, mit Menschen zu arbeiten, die Fußball leben.

Mit ähnlichen außergwöhnlichen Projekten haben wir nach und nach unsere Expertise in der Weiterentwicklung der Arbeitswelt und den entsprechenden Gebäuden gesteigert. Wir beobachten die von uns realisierten Gebäude nach der Fertigstellung sehr genau, um zu sehen, welche Konzepte sich bewähren und welche nicht.

Heute wünschen sich viele große Unternehmen und Organisationen keine protzigen Bauten mehr als Hauptquartier. Vernetzte Etagen mit hellen und gemütlichen Räumen oder mit breiten Treppen, die als Aufenthaltsorte der unkomplizierten Kommunikation dienen, sind Beispiele für den Wandel.

Im amerikanischen Raum gelten Statussymbole nach wie vor viel. In Europa entwickelt man sich differenzierter und nachhaltiger, was beispielsweise in den Niederlanden zu beobachten ist. Im asiatischen Raum geht es vor allem um effiziente Lösungen für die Unterbringung vieler Mitarbeiter. Über internationale Vorträge bin ich im ständigen Austausch über dieses Thema mit den Kollegen weltweit.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Ich habe in Aachen studiert und danach ein Jahr lang in Graz gearbeitet. Um meine Ausbildung zu finanzieren, habe ich bereits als Student mit einigen Kommilitonen für Architekturbüros an europaweiten Ausschreibungswettbewerben gearbeitet. Hierdurch lernte ich schnell viele Entscheider der Branche kennen, unter anderem auch meinen späteren Partner Klaus Kada. Mit ihm habe ich 1999 kadawittfeldarchitektur gegründet.

Mir gefällt es, als Planer und Architekt als Einzelperson viele Fäden in der Hand zu halten und im Team zu arbeiten. Das ist sehr faszinierend. Am Ende unserer Arbeit steht immer ein Gebäude als Ergebnis, das in die Öffentlichkeit ausstrahlt. Wir schaffen damit Mehrwerte für die ganze Gesellschaft und tragen zur sozialen Verantwortung unserer Bauherren bei.

Wie können Architekten und Planer den Bauherren dabei helfen, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen?

Mithilfe unserer Entwürfe können wir positiven Einfluss auf die Berücksichtigung der Öffentlichkeit und Umwelt nehmen. Einen großen Versicherer konnten wir so zum Beispiel davon überzeugen, einen öffentlichen Fußweg quer über das Baugrundstück anzulegen. Beide Seiten, das Unternehmen und die Bürger, profitieren sehr von dieser Lösung.

Ein anderes Beispiel bietet die Grimmwelt in Kassel. Im Vorfeld des Neubaus gab es viel Gegenwind aus der Bevölkerung. Wir haben dann als Planer an einem Infoabend teilgenommen und dabei herausbekommen, dass die größten Bedenken auf der Falschinformation beruhten, ein bestehender Park könnte dem Bau zum Opfer fallen.

Als wir unseren Entwurf erklärten und die Leute sahen, dass das Dach des neuen Gebäudes selbst eine parkähnliche Aufenthaltsplattform bieten sollte, kehrten sich die Vorzeichen um: Die Bürger waren begeistert und wollten nun eine feste Zusage der Stadt, dass die Idee genau so umgesetzt wird, was am Ende auch passiert ist.

Die moderative Kraft eines unabhängigen Planers oder Projektleiters wird oft von den Bauherren unterschätzt, die lange Zeit lieber gar nichts als zu viel preisgaben. Ein frühzeitiges Mithineinnehmen der Bürgerschaft und eine offene Kommunikation können jedoch dazu beitragen, ein Projekt schneller und besser zu realisieren.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen bei der Personalgewinnung und -sicherung?

Wir genießen in Aachen einen enormen lokalen Vorteil aufgrund der guten Hochschulen. Hinzu kommt ein hoher internationaler Bekanntheitsgrad. Beides verschafft uns ein relativ großes Interesse potenzieller Mitarbeiter, die wir vor Ort größtenteils selbst mit ausbilden können. Viele arbeiten in Teilzeit bei uns und haben noch eine weitere berufliche Tätigkeit an einer der Hochschulen in der Region.

Um den Berufswunsch junger Menschen bilden zu helfen, bieten wir zahlreiche Praktika an. Um die 40 Werkstudenten sammeln ständig bei uns Praxiserfahrungen. Da sind super Leute dabei, die wir durch interne Patenschaften unterstützen.

Wir beschäftigen Mitarbeiter aus über 20 verschiedenen Nationalitäten mit einer Frauenquote von ungefähr 43 Prozent. Letzteres ist unter anderem wieder auf die Nähe zur RWTH zurückzuführen, wo das Verhältnis ausgeglichen ist.

Es dauert in der Regel drei bis sechs Monate bis zur vollständigen Integration in unser Team. Anders als in Aachen sind Fluktuation und Wechselwirkungen in der Weltstadt Berlin größer, was in Ordnung ist.

Bei allen Vorteilen, spüren wir natürlich auch die Auswirkungen des angespannten Arbeitsmarktes. Wir würden gern mehr einstellen, tun es aber nicht um jeden Preis. Projektentwickler und Baufirmen werben auch uns mit höheren Honoraren Bewerber ab. Wir versuchen hier mit einem guten Angebot an Fortbildungen und einem einzigartigen Socialising gegenzuhalten.

Mit meinen fünf Partnern bin ich mir einig, dass wir unsere individuelle Handschrift unbedingt behalten wollen. Dazu gehört eine Unternehmenskultur, wo Fehler nicht verurteilt werden sondern als Lernprozess akzeptiert werden.

Auf wen hören Sie beruflich?

Allein geht in unserer Branche gar nichts. Ich diskutiere ständig mit meinen Partnern über aktuelle Lösungsansätze und deren Realisierung.

Auf unserer zweiten Leitungsebene, die aus etwa 20 Leuten besteht, umkreisen wir die Probleme weiter, um möglichst viele Ansichten berücksichtigen zu können. Diese Schleife der Qualitätssicherung leisten wir uns ganz bewusst.

In welche (Informations-)Technik investiert Ihr Unternehmen?

Wie die Digitalisierung der Arbeitswelt ist auch die Digitalisierung der Planung ein großes Thema für uns. Wir investieren dementsprechend viel in die notwendige BIM-Planungssoftware.

Ein Vorbild in der Entwicklung zum maximal digitalisierten Bauen sehe ich auch hier in den Niederlanden, wo BIM bereits in allen Projekten zum Mindeststandard gehört und damit Alltag ist.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Wie soeben beschrieben, hat BIM in anderen Ländern bereits flächendeckend Einzug gehalten. Deutschland muss hier schnell nachziehen. Unter anderem würden auch die Verwaltungen davon profitieren. Es bleiben momentan zu viele Bauanträge zu lange liegen, da die Behörden überfordert sind und zu wenige Mitarbeiter haben. Das muss sich ändern.

In der Planung des öffentlichen Baus muss darüber hinaus den jeweiligen Experten mehr Gehör geschenkt werden. Würde der Projektstart zugunsten einer fundierteren Planung etwas nach hinten verschoben werden, könnten mit Sicherheit viele Bauverzögerungen und Budgetüberschreitungen vermieden werden.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Ich lasse mich immer wieder von der einschlägigen Fachliteratur oder von Freunden inspirieren und besuche daraufhin häufig die vorgestellten Bauwerke. Dort versuche ich über eine persönliche Ebene die Story hinter dem Projekt zu ergründen und zu erkennen, was gewollt war und was geworden ist.

Als Mitglied des Vereins Aachen Building Experts kann ich mich regelmäßig mit den unterschiedlichsten Akteuren am Bau austauschen. Somit ist mir beispielsweise auch die Sicht eines Bauausführenden nicht fremd.

Die enge Beziehung und Kommunikation zwischen Wissenschaft, mittelständischen Bau- und Planungsunternehmen sowie der internationalen Studentenschaft im Großraum Aachen ist einzigartig und sehr wertvoll.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Ich habe das große Glück, trotz meines anspruchsvollen Jobs nach der Arbeit schnell abschalten zu können.

Ich fahre gerne Rad und gehe regelmäßig Schwimmen und Joggen. Auf privaten Reisen, die ich mir vier bis fünfmal im Jahr gönne, ergibt sich logischerweise oft eine Verbindung aus Erholung am Strand und der Besichtigung lokaler Architekturen.

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