Fachbeiträge & Interviews
Dienstag, 23. Oktober 2018
Ausgabe 6273 | Nr. 296 | 18. Jahrgang
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Nachgefragt bei: Jens Gürtler

# 26.02.2014

Jens Gürtler von der Ingenieurbüro Gürtler Ingenieure GbR - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat Nachgefragt bei ...

Dipl.-Ing. (TU) Jens Gürtler...

Fordert höhere Wertschätzung und Respekt gegenüber Bauingenieuren entsprechend ihrer Verantwortung: Dipl.-Ing. Jens Gürtler. Foto: Gürtler Ingenieure GbR Fordert höhere Wertschätzung und Respekt gegenüber Bauingenieuren entsprechend ihrer Verantwortung: Dipl.-Ing. Jens Gürtler. Foto: Gürtler Ingenieure GbR

...leitet als selbstständiger Geschäftsführer das eigene Ingenieurbüro Gürtler Ingenieure GbR für Tragwerksplanung mit Sitz in Bonn. Das Unternehmen beschäftigt acht Mitarbeiter und wird hauptsächlich mit statischen Bemessungen für öffentliche Bauherren und Kunden aus Industrie und Bauwirtschaft beauftragt. Mit Jens Gürtler sprach bauingenieur24-Redakteur Fabian Hesse.


Herr Gürtler, was fordert Sie gerade besonders in Ihrem Job?

Zu den aktuellen Projekten meines Teams zählen unter anderem ein Brückenbau, mehrere Wohnanlagen und eine größere Flussuferstützwand. Das Jahr hat gut angefangen, wir haben auch schon wieder einige Aufträge aus der Industrie erhalten.

Aufgrund der guten Geschäftslage möchten wir mit unserem relativ kleinen Büro in Zukunft ruhig noch etwas wachsen, ohne dabei unnötige Risiken einzugehen oder unsere bewährte Ausrichtung zu verändern. Ein bis zwei Mitarbeiter können in jedem Fall noch hinzukommen.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig?

Ich habe 1999 meinen Abschluss an einer Technischen Universität gemacht, war danach zunächst als freier Mitarbeiter für einen Prüfingenieur tätig und habe im Büro meines Vaters statische Systeme aufgestellt und Berechnungen durchgeführt. 2011 habe ich das Unternehmen dann übernommen.

Der direkte Kontakt zur Baustelle, den ich bereits lange vor meinem Studium aufgenommen habe, hilft mir heute noch sehr und trägt dazu bei, dass ich meinem Beruf nach wie vor praxisorientiert nachgehe.

Welche Eigenschaften schätzen Sie als Vorgesetzter bei Ihren Mitarbeitern am meisten?

Wichtig sind mir Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Außerdem sollte niemand nur wegen eines Schnupfens zu Hause bleiben wollen.

In unserem Hause schätze ich die langjährige Treue der Angestellten, die teilweise seit der Gründung der Firma im Jahr 1968 dabei sind. Für ein gutes Klima sorgt, neben der langjährigen Vertrautheit, das menschliche Miteinander, wo auch mal ein privates Wort gewechselt wird und Beziehungen im Gespräch unter vier Augen gepflegt werden.

Spätestens wenn meine drei Kinder im Büro zu Besuch sind, ist die familiäre Stimmung perfekt.

Auf wen hören Sie beruflich?

Ich arbeite sehr eng mit meiner Frau, einer fähigen Diplomingenieurin, zusammen. Sie gibt mir als verlässlicher Lebenspartner den besten Rat, auf den ich viel Wert lege.

Fachlich sind es befreundete Prüfingenieure und andere Kollegen, mit denen ich mich aktuell und projektbezogen berate. Dazu kommt die Einarbeitung in neue Themen mittels Fachliteratur aus einschlägigen Quellen.

In betriebswirtschaftlichen Fragen vertraue ich naturgemäß auf meine Buchhaltung und mein Steuerbüro.

In welche Technik investieren Sie?

Zuletzt haben wir 6000 Euro in einen neuen Plotter gesteckt, sodass wir hier auf dem neusten Stand der Technik sind. Unsere Statik- und Konstruktionsprogramme werden jährlich auf aktuellem Stand gehalten.

Was halten Sie darüber hinaus von der allgemeinen Digitalisierung im Ingenieurbüro und speziell von BIM*?

In Sachen moderner Planungsarbeit und Bürokommunikation mithilfe von digitalen Konstruktionsprogrammen oder BIM bin ich eher skeptisch. Da ich selbst noch die "alte Schule" der statischen Berechnung, sprich das Rechnen von Hand, genossen habe, setze ich auch bei anderen diese elementaren Fertigkeiten voraus. Man sollte immer selbst die Last der Berechnung tragen und den Computer beim Denken kontrollieren, nicht umgekehrt.

Die moderne Technik verleitet jedoch manchen dazu, sich blind darauf zu verlassen und die analoge Kontrolle zu vernachlässigen. Gleichzeitig kommen immer mehr fachfremde Leute von Außen in die Branche, die meinen, sie wüssten wie Statik geht, bloß weil sie mit einem entsprechenden Programm eine Waffe bedienen, die sie nicht verstehen. Ich habe dies selbst in größeren Büros wahrgenommen. Dort ist das Problem, dass ein analog unfähiger Mitarbeiter häufig lange nicht auffällt. Solche Sachen ufern leider immer weiter aus.

Da ich als selbstständiger Ingenieur, der im Wettbewerb lebt, meine Aufträge zu 90 Prozent aus Empfehlungen generieren kann, fühle ich mich in der Auffassung bestätigt, dass eine solide Aus- und Weiterbildung der eigenen geistigen Fähigkeiten, mit denen ein Ingenieur virtuos umgehen können muss, durch kein Computerprogramm zu ersetzen ist.

Ich sehe das durch die vielen Sondervorschläge, die wir für unsere Kunden anbieten, bestätigt. Hier müssen oft bereits aufgestellte Statiken von Kollegen verworfen werden, da sie unwirtschaftlich und viel zu kompliziert sind. Oftmals ist das die Folge sturer Lastenüberlagerungen durch den Computer.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Die Branche der Bauingenieure ist insofern von der Politik abhängig, als dass sie auf gesetzlich beschlossene Investitionen in den Ausbau der baulichen Infrastruktur angewiesen ist. Diese Investitionen müssen steigen, die Regierung kann sich nicht nur auf den sozialen Bereich konzentrieren. Es geht hierbei vor allem um den Werterhalt von Bauwerken, die für das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft existentiell sind.

Die letzte Anpassung der HOAI hat Verbesserungen gebracht, sie reichen aber noch nicht aus. Die Honorierung der Ingenieure ist - gemessen an der harten Ausbildung und im Vergleich zu anderen Branchen, wie den Ärzten oder Anwälten - noch zu gering.

Dies spielt auch eine Rolle bei der allgemeinen Wertschätzung und dem Respekt gegenüber einem Ingenieur, der eine enorme Verantwortung trägt. Die Österreicher sind uns da weit voraus. Für eine Verbesserung unseres Images müssen vor allem die zuständigen Ingenieurkammern mehr tun.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Für mich ist meine Familie das Wichtigste. Durch sie lasse ich mich, wie erwähnt, immer wieder privat und beruflich motivieren. Um vom Berufsalltag abzuschalten, beginnen wir freitags das Wochenende mit einem gemeinsamen Mittagessen und erholen uns in den Ferien beim Skifahren.

*BIM (Building Information Modeling, dt.: Darstellung von Gebäudeinformationen)
ist eine moderne Arbeitsmethode auf der Basis fest definierter Prozessabläufe und einer zentralen Datenablage. Mithilfe entsprechender Softwarelösungen soll durch BIM die Kommunikation aller Beteiligten von der Planung über die Realisierung bis zur Betreibung eines Gebäudes verbessert werden. (Anm. d. Red.)

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