Fachbeiträge & Interviews
Mittwoch, 20. November 2019
Ausgabe 6666 | Nr. 324 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Jens Schlüter

# 23.10.2019

Dipl.-Ing. (FH) Jens Schlüter, freiberuflicher Bauingenieur und zertifizierter Projektmanager in Berlin - Jeder Bauingenieur tickt anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Dipl.-Ing. (FH) Jens Schlüter ...

Dipl.-Ing. (FH) Jens Schlüter ist freiberuflicher Bauingenieur und zertifizierter Projektmanager in Berlin. Foto: jsr-projektmanagement Dipl.-Ing. (FH) Jens Schlüter ist freiberuflicher Bauingenieur und zertifizierter Projektmanager in Berlin. Foto: jsr-projektmanagement

... ist freiberuflicher Bauingenieur und zertifizierter Projektmanager in Berlin. Er arbeitet für Ingenieurbüros im Fachgebiet Verkehrsinfrastruktur und dabei speziell in den Bereichen Bahnbau, Flughafenbau und Siedlungswasserwirtschaft.

Die Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen zum einen im technischen Projektmanagement und der technischen Projektsteuerung und zum anderen in der Projektleitung von Planungsaufgaben.

Herr Schlüter, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Die Akquisition stellt für mich gegenwärtig eine besondere Herausforderung dar. Die Gründe liegen zum einen darin, dass meiner Meinung nach zu wenig durch die öffentliche Hand in Verkehrswegeprojekte investiert wird.

Zum anderen sind die Vergaben, infolge der EU-Vergaberechtsreform 2016, heute spezifischer geworden, so dass Generalisten im Bauingenieurwesen schnell nicht mehr nachgefragt werden. Dies schlägt auch auf Ingenieurbüros durch, deren Spielräume, freiberuflich tätige Bauingenieure zu engagieren, sich stark einschränken.

Es gibt wenige Büros, die noch einen freiberuflichen Bauingenieur engagieren. Dabei sind wir auf diesem Markt alle aufeinander angewiesen. Und nicht zu vergessen: Freiberufliche Bauingenieure bieten den Ingenieurbüros einige Vorteile, wie zum Beispiel eine umfangreiche Expertise und jede Menge Flexibilität.

Alleine die Bauaufgaben, die wir in Berlin beim Wiederaufbau des Eisenbahnnetzes haben, sind gewaltig. Leider sind auch im dreißigsten Jahr nach der Wiedervereinigung immer noch nicht alle Fern- und S-Bahnstrecken nach, von und in Berlin wieder in Betrieb gegangen. Hier verspreche ich mir für die Zukunft noch viele interessante Aufgaben, für die ich gerne zur Verfügung stehe.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Eisenbahnen haben mich von klein auf interessiert. Im ehemaligen West-Berlin war ein Berufswunsch in diese Richtung ziemlich schwierig umzusetzen. Ich hätte dafür ins Bundesgebiet umziehen müssen, was ich nicht wollte.

Doch ich hatte das Glück, dass mit der Wiedervereinigung Deutschlands mein Studium des Bauingenieurwesens einen erfolgreichen Abschluss fand und ich, nach ein paar kleineren Projekten im Siedlungswasserwirtschaftsbereich, mit VDE 4 (Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 4, Anm. d. Red.), also der Neubaustrecke Hannover-Berlin, mein erstes großes Projekt fand.

Das ist schon über dreißig Jahre her. Dass diese Strecke heute eine Hauptlaststrecke im Netz der DB AG geworden ist und meine Planungsleistungen zusammen mit den damaligen Kollegen der Arge Lahmeier Int./DE-C ADL ein so überzeugendes Ergebnis hervorgebracht haben, erfüllt mich mit Genugtuung.

Gerade weil diese Strecke heute eine Hauptlaststrecke im Netz der Deutschen Bahn ist, muss diese auch heute umfangreich saniert werden, denn der Betrieb hat Spuren hinterlassen. Das wäre beispielsweise ein Projekt, an welchem ich zum Abschluss meines Berufslebens gerne noch mitgewirkt hätte. Dann würden sich Kreise bei mir schließen.

Welche Wege sollten Unternehmen heute in punkto Personalgewinnung gehen, um sich den Nachwuchs von morgen zu sichern?

Das Problem liegt weniger bei den Unternehmen, als vielmehr bei der Politik. Sie muss wieder mehr investieren. Die jungen Abiturienten müssen erkennen können, dass in den technischen Disziplinen für sie ein attraktives Zukunftsfeld liegt, mit herausfordernden Projekten und attraktiven Löhnen, in welchem sie ihre Lebensarbeitszeit in einem Stück leisten können.

Das bedeutet, dass beispielsweise in Verkehrswegeinfrastrukturen nicht nur einmalig sondern auch konstant und damit für Ingenieurbüros planbar investiert werden muss. Der Neubau von Verkehrswegen, aber auch die Instandhaltung dieser Verkehrswege ist notwendig und verschlingt viel Geld, welches gut angelegt ist, weil wir eben genau von diesen Verkehrsinfrastrukturen unseren wirtschaftlichen Wohlstand beziehen.

Ohne Verkehrsinfrastrukturen gibt es keine Wirtschaftsbeziehungen bzw. Wirtschaftsentwicklung und ohne Wirtschaftsentwicklung keinen dauerhaften Wohlstand für unsere Gesellschaft. Das ist ein Kreis, den die Politik besser nicht durchbrechen sollte.

Gleichzeitig müssen Verkehrswege heute klimafreundlich sein und hier kommt der Bahn und den vernetzten Verkehrssystemen eine besondere Rolle zu. ÖPNV vs. Individualverkehr, Elektromobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung des Verkehrs sind hier die Stichwörter. Die Zeiten, wo der Güterverkehr nur über die Autobahn transportiert wird, sollten vorbei sein.

Das alles sollten für junge Menschen interessante und herausfordernde Themenfelder sein, in welche sie einsteigen und in denen sie studieren und mitwirken wollen.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Um erfolgreich zu planen und zu bauen kommt es in Zukunft darauf an, dass ...

… es wieder verlässliche Planungsparameter durch die öffentliche Hand gibt. Ich meine hier, dass Projekte, die angefangen wurden, nicht durch finanzielle Engpässe künstlich gestreckt werden, sondern konstant hintereinander weg abgearbeitet werden.

Dies schont auch die öffentlichen Haushalte und sichert die Qualität und die Funktionalität des betreffenden Bauwerks.

In welche Technik investieren Sie?

Da ich im PM-Bereich (d.h. Projektmanagement, Anm. d. Red.) arbeite, bin ich auch nur an Softwaren im PM-Bereich interessiert.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Mit einem Wort: Investieren in Verkehrsinfrastrukturen. Die Welt verändert sich stetig um uns herum. Die Welt wartet nicht auf uns. Haushaltsgrundsätze in Ehren und Schulden müssen auch abgebaut werden, aber dies darf nicht zulasten von Arbeitsplätzen im Investivsektor gehen. Vielmehr sollte die Politik in Bund und Land stärker in Verkehrsinfrastrukturen wie Bahnsysteme, Elektromobilität, etc. investieren.

Freiberufliche Bauingenieure und mit ihnen die Vorteile ihrer Flexibilität können auch dann erst richtig eingesetzt werden, wenn Bund, Länder und Gemeinden wieder stärker in die Verkehrswegeinfrastruktur investieren und den Ingenieurbüros wieder mehr Spielräume geben.

Junge Menschen brauchen Perspektiven, gerade in den neuen Ländern. Berlin ist für viele junge Menschen ein hochinteressanter Ort zum Arbeiten und Leben, doch die Stadt schafft es zum Beispiel nicht, Wohnungen im angemessenen Mietsegment zu bauen, geschweige denn, die Verkehrswege, welche die neuen Wohnungen an das bestehende Verkehrsnetz anbinden. Deswegen muss hier etwas in den Haushaltsplanungen getan werden, was zu einer höheren Investitionsquote führt.

Wie gravierend dieses Problem ist, kann man auch anhand des Stellenmarkts auf Ihrer Seite verfolgen (siehe Quellen und Verweise, Anm. d. Red.). So manches Mal fällt mir auf, dass es ganze Landstriche in der Bundesrepublik geben muss, wo es offensichtlich kein einziges funktionierendes Bauamt mehr gibt.

Dort werden beispielsweise jede Menge Ingenieure für den Verkehrswegebau, Tiefbau oder konstruktiven Ingenieurbau gesucht. Das Problem betrifft dabei nicht nur die neuen Bundesländer, sondern auffälliger Weise gerade auch die Alt-Bundesländer.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Weiterbildungen muss ich als Freiberufler selbst managen. Hierzu gibt es zum Beispiel Angebote der Baukammer Berlin, welche zu diversen Themen und Neuerungen im Recht entsprechende Kurse anbietet.

Darüber hinaus sind Berufsverbände mit Kursen zu speziellen Themen und natürlich die Hochschulen wertvolle Ansprechpartner für die individuelle Weiterbildung.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Berlin hat das Glück, mit dem Stadtforst Düppel, dem Grunewald, dem Flughafen Tempelhof und den umliegenden Landgemeinden Brandenburgs über eine Vielzahl von Naherholungsmöglichkeiten zu verfügen. Diese Orte sind nach Feierabend oder in der Freizeit sehr einladend, zum Beispiel zum Mountainbiking.

Ihre Bewertung für diesen Fachbeitrag
Kurz-Link  Kurz-Link zu diesem Beitrag:
https://www.bauingenieur24.de/url/700/3180