Fachbeiträge & Interviews
Samstag, 18. August 2018
Ausgabe 6207 | Nr. 230 | 18. Jahrgang
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Nachgefragt bei: Matthias Seifert

# 27.07.2018

Dipl.-Ing. Matthias Seifert von der Wolff & Müller Hoch- und Industriebau GmbH & Co. KG - Jeder Planer tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Dipl.-Ing. Matthias Seifert ...

Dipl.-Ing. Matthias Seifert ist Niederlassungsleiter der Wolff & Müller Hoch- und Industriebau GmbH & Co. KG in Dresden. Foto: Wolff & Müller Dipl.-Ing. Matthias Seifert ist Niederlassungsleiter der Wolff & Müller Hoch- und Industriebau GmbH & Co. KG in Dresden. Foto: Wolff & Müller

...leitet die rund 100 Mitarbeiter starke Dresdner Niederlassung der Wolff & Müller Hoch- und Industriebau GmbH & Co. KG, einem Geschäftsbereich der Wolff & Müller Gruppe.

Wolff & Müller wurde 1936 gegründet und ist heute eines der führenden Bauunternehmen Deutschlands in privater Hand. Das mittelständische Familienunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart erwirtschaftete 2017 einen Umsatz von 850 Millionen Euro und beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter an 27 Standorten im gesamten Bundesgebiet.

Herr Seifert, was fordert Sie gerade besonders in ihrem Job?

Ich bin seit März dieses Jahres Niederlassungsleiter des Wolff & Müller Standortes Dresden. Durch die neue Funktion und den erweiterten Verantwortungsbereich fordern mich derzeit zahlreiche Aufgaben.

Der Perspektivwechsel vom Oberbauleiter zum Niederlassungsleiter und die damit verbundenen Veränderungen in den Führungs- und Fachpositionen meiner Niederlassung sorgen für verschiedene Storming- und Formingphasen, mit denen es umzugehen gilt. Das heißt, ich bin dabei, mich in meine neue Position einzufinden und setze mich mit den neuen Aufgaben und Herausforderungen auseinander.

Ein wichtiger Themenschwerpunkt ist dabei die Personalarbeit und die Organisations- und Strukturentwicklung. Neben der Akquisition, der Kundenpflege und der operativen Exzellenz treibe ich die Entwicklungsthemen Baupartnerprinzip, Lean Management, digitalisiertes und modulares Bauen sowie die Gestaltung des Arbeitsplatzes der Zukunft mit voran.

Konkret bedeutet dies eine Beschäftigung mit unseren Prozessen über die alltägliche Projektarbeit hinaus. Wir wollen bei Wolff & Müller so viel Serie wie möglich, nötig und sinnvoll in unsere Prozesse bringen und diese bis 2020 digitalisieren. Dafür haben wir eine fünfstufige Strategie festgehalten, die wir nach und nach realisieren. Das Herzstück davon ist das digitale Planen und Bauen mit Building Information Modeling (BIM).

Seit 2009 setzen wir BIM bei unseren Projekten ein und nutzen die Methode in immer größerem Umfang. Um diese Entwicklung kontinuierlich voranzutreiben, investieren wir deshalb weiter in das digitale Werkzeug. Unser Ziel ist es, BIM nach und nach auf den gesamten Lebenszyklus von Bauwerken auszuweiten, von der Planung über die Bauausführung und den Betrieb bis zum späteren Rückbau.

Um effizienter zu arbeiten und die Bauqualität zu verbessern, führen wir parallel zu BIM sukzessive weitere digitale Werkzeuge ein. Für die Erfassung des Baugeländes nutzen wir beispielsweise Laserscanner oder Kameradrohnen. Mit dem mobilen Planungs- und Echtzeitsystem BPO können wir die Arbeiten vor Ort auf der Baustelle steuern und dokumentieren.

Ein weiteres Vorhaben, das wir vorantreiben und das für uns eng mit der Digitalisierung zusammenhängt, ist das Thema Lean Construction, also verschwendungsfreies Bauen. Dazu testen wir zurzeit zwei speziell auf die Bauwirtschaft zugeschnittene Lean-Methoden, einmal die Taktfertigung und einmal das sogenannte Last Planner System.

Da bis zu 80 Prozent unserer Leistung von unseren Baupartnern abhängt, haben wir das Baupartnerprinzip entwickelt. Dies bedeutet, dass wir künftig nur noch mit Nachunternehmen, Planern und Lieferanten arbeiten, die einen ähnlich hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit haben.

Ziel ist ein störungsfreier und effizienter Baufortschritt. Dazu haben wir intern ein Punktesystem entwickelt, über das wir die Kompetenz einer Firma und die Qualität ihrer Arbeit objektiv und einheitlich bewerten können. Aktuell sind wir dabei, dieses Baupartnerprinzip in die Praxis der einzelnen Baustellen umzusetzen.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Insgesamt arbeite ich jetzt schon seit 1995 im Bauwesen. Ich habe nach meinem Abitur zunächst eine Ausbildung zum Stahlbetonbauer gemacht und danach an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden Bauingenieurwesen studiert.

Frisch von der Uni kommend, konnte ich bei Wolff & Müller direkt als Trainee einsteigen. Das Unternehmen hat mir von Beginn an viel Gestaltungsspielraum und große Entscheidungsfreiheiten eingeräumt. Bereits in den ersten Berufsjahren als Bauleiter durfte ich Verantwortung übernehmen und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Es folgten die Stationen "Projektleiter" und "Oberbauleiter". Dank zahlreicher komplexer Bauprojekte mit umfangreichen technischen, rechtlichen und personellen Herausforderungen konnte ich mich stetig weiterentwickeln.

Während meiner Ausbildung und der beruflichen Stationen habe ich das Bauen aus verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Jedes Bauwerk ist für sich eine besondere und faszinierende Herausforderung. Das komplexe Zusammenspiel aller Projektbeteiligten und die vielfältigen fachlichen Einzeldisziplinen, die dabei ineinandergreifen, begeistern mich jedes Mal aufs Neue.

Der Erfolg liegt dabei immer wieder darin, Menschen und ihre oft ganz unterschiedlichen Sichtweisen, Erwartungen und Interessen, ihre Fachkompetenz sowie ihre überfachlichen Fähigkeiten und Qualitäten zusammenzuführen. Ich arbeite gerne in der Baubranche und genieße dabei die Vielfalt der Aufgaben und Herausforderungen. Ich bin zufrieden in meinem Job, mein Berufsalltag erfüllt mich sehr.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen in punkto Personal?

Mein eigener Werdegang bei Wolff & Müller war und ist geprägt durch ein professionelles Umfeld, welches sich durch einen starken Zusammenhalt, klare Strukturen und Prozesse und vor allem durch ein sehr vertrauensvolles Miteinander auszeichnet und in dem eine sehr offene und respektvolle Kommunikations-, Feedback- und Fehlerkultur gelebt wird. Deshalb bin ich Wolff & Müller und der Branche bis heute gerne treu geblieben.

Konkret stellen wir das Thema Personalgewinnung auf mehrere Säulen: Wir schreiben Stellen auf unserer Website und auf Online-Portalen aus, arbeiten eng mit Schulen und Hochschulen zusammen, bieten Praktika an sowie die Möglichkeit, die Abschlussarbeit bei uns im Unternehmen zu schreiben. Außerdem nehmen wir nach wie vor an Messen teil.

In unseren internen Entwicklungsprogrammen setzen wir speziell in Dresden auf Eigenleistung. Das heißt, wir bauen im Stahlbetonbau so viel wie möglich mit eigenen gewerblichen Mitarbeitern und entwickeln gerade auch den Mauerwerksbau. Deshalb wollen wir insbesondere unser gewerbliches Personal in den kommenden Jahren ausbauen und weiterbilden.

Wir qualifizieren bestehende Mitarbeiter, bilden Facharbeiter zu Vorarbeitern und Vorarbeiter zu Polieren weiter. Hinzu kommt, dass wir den gesamten Ausbildungsprozess professionalisiert haben. Es gibt eine Ausbildungsbeauftragte sowie Azubi-Trainer für die fachliche Betreuung sowie für jeden Ausbildungsberuf einen genauen Durchlaufplan.

Wir machen also schon eine ganze Menge in puncto Personalgewinnung und das, wie sich zeigt, auch mit Erfolg: Neun Ausbildungsstellen schreiben wir jedes Jahr für die Geschäftsfelder Hoch- und Industriebau sowie Tief- und Straßenbau am Standort Dresden aus. In den vergangenen drei Jahren kamen darauf über 50 Bewerbungen, eine deutliche Steigerung im Vergleich zur Vergangenheit.

Darüber hinaus haben wir gemerkt, dass es wichtig ist, die Mitarbeiter und zukünftigen Bewerber gezielt abzuholen. Deshalb fragen wir bei unseren Mitarbeitern ab, welche Unternehmensleistungen sie sich wünschen oder schauen uns um, welche Ideen andere Branchen entwickelt haben.

So wird derzeit beispielsweise die Möglichkeit erarbeitet, über Wolff & Müller E-Bikes zu leasen. Wir bieten den Mitarbeitern besondere Konditionen für Fitnessstudios und organisieren zahlreiche Mitarbeiterveranstaltungen. Außerdem leben wir seit vielen Jahren die Vertrauensarbeitszeit und unterstützen unsere Mitarbeiter ganz individuell in ihren Lebensphasen. Weitere Vorteile wollen wir Stück für Stück erarbeiten.

Bei vielen Maßnahmen unterstützt uns die Wolff & Müller Personalentwicklung GmbH. Diese wurde vor knapp zwei Jahren gegründet, um Hand in Hand mit der Personalabteilung gezielt Anreize für Mitarbeiter zu schaffen, damit diese länger bei uns bleiben.

Damit die Mitarbeiter sich künftig noch gezielter weiterbilden können, gibt es seit Kurzem das Kompetenzmodell. Es beschreibt die überfachlichen Fähigkeiten, auf die unser Unternehmen bei allen Mitarbeitern, vom Azubi bis zur Führungskraft, Wert legt. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass nicht jede Kompetenz für jede Funktion im Unternehmen gleichermaßen gebraucht wird. Deshalb gibt es für jedes Stellenprofil ein eigenes Modell, das dann Orientierung für die individuelle Entwicklung und gleichzeitig Grundlage für die Bewertung im Mitarbeitergespräch ist.

Auf wen hören Sie beruflich?

Ich höre auf alle meine Mitarbeiter, vom Auszubildenden bis zu den Führungskräften, weil ich glaube, dass verschiedene Perspektiven wertvoll und auch der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens sind.

Wir sollten uns alle gegenseitig Aufmerksamkeit schenken und offen für Ideen und Feedback sein. Nur so können wir eine fachliche und überfachliche Weiterentwicklung der gesamten Unternehmung wirklich sicherstellen.

Dem Thema Fehler- und Feedbackkultur haben wir uns in der Führungsmannschaft von Wolff & Müller auch intern verschrieben. Ein Beispiel: Im überfachlichen Bereich gibt es seit diesem Jahr das sogenannte 360-Grad-Feedback. Dabei bekommen wir Führungskräfte eine Rückmeldung zu unserer Arbeit.

Das Besondere daran ist, dass nicht nur der jeweilige Vorgesetzte eine Einschätzung der Stärken und Schwächen abgibt, sondern alle Mitarbeiter, mit denen die Person zusammenarbeitet, gefragt sind. Ich sehe diese Methode als tolle Chance, sich weiterzuentwickeln.

In welche (Informations-)Technik investiert Ihr Unternehmen?

Die Digitalisierung verändert fast alle Lebensbereiche und hält nun vermehrt auch Einzug in unsere Baubranche. Wir bei Wolff & Müller wollen den Wandel, der damit einhergeht, aktiv gestalten. Deshalb setzen wir auf die Digitalisierung von Prozessen und investieren in Werkzeuge wie BIM, Drohnen, Laserscanner oder mobile Planungs- und Echtzeitsysteme wie BPO.

Weil die tollsten Werkzeuge nichts nutzen, wenn die Rahmenbedingungen dafür nicht stimmen, investieren wir außerdem konstant in unsere IT-Ausstattung, vom Laptop bis hin zur Software und Eigenprogrammierung. So stellen wir sicher, dass unsere Mitarbeiter optimal arbeiten können.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Ich wünsche mir eine Veränderung des Vergaberechts und mehr Flexibilität für öffentliche Bauherren. Das heißt, es müssen mehr qualitative Wertungsmerkmale neben dem Angebotspreis geschaffen werden wie zum Beispiel Qualität, Kompetenz und Innovation sowie soziale und umweltbezogene Aspekte.

Darüber hinaus sollte das bestehende deutsche Vergaberecht § 97 Absatz 3 GWB geöffnet werden, sodass öffentliche Auftraggeber bei großen oder komplexen Bauvorhaben künftig nicht mehr verpflichtet sind, Leistungen in Losen, also in Teilen, auszuschreiben.

Ich wünsche mir ebenfalls, dass die Politik die Zulassung von "Nebenangeboten" klarstellt, um dem Interesse von Auftraggebern und Unternehmen nach Innovation gerecht zu werden.

Ein weiteres Anliegen von mir ist die universitäre und handwerkliche Ausbildung von Nachwuchskräften. Hier müssen die Rahmenbedingungen besser und mehr Fördermöglichkeiten, wie zum Beispiel Ausbildungszentren und qualifizierte Ausbilder, angeboten werden.

Auch die duale Ausbildung sollte mehr gefördert werden. Die Nachfrage ist groß und ich sehe im Hinblick auf den Praxisbezug der Ausbildung großes Entwicklungspotential, besonders vor dem Hintergrund, dass die Baubetriebe händeringend Nachwuchs suchen.

Als letzten Punkt möchte ich gerne noch auf das Thema Schwarzarbeit eingehen. Gute und nachhaltige Gebäude können nur unter fairen Bedingungen entstehen. Wir bei Wolff & Müller arbeiten daher seit Jahren eng mit der Finanzkontrolle des Zolls, der FKS, zusammen, um Schwarzarbeit, Scheinselbstständigkeit und Sozialbetrug zu bekämpfen.

Ich würde mir wünschen, dass es künftig noch stärkere und konsequentere Kontrollen und Maßnahmen vom Zoll gibt. Darüber hinaus sollten auch die gesetzlichen Regelungen verschärft und die Bürokratie in der Anwendung, Kontrolle und Umsetzung minimiert werden.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Beim Thema Weiterbildung nutze ich je nach Bedarf das umfangreiche Seminarprogramm der Wolff & Müller Akademie. Das Angebot reicht von fachlichen bis zu einer Reihe an überfachlichen Seminaren.

Im Zuge meines Positionswechsels habe ich zum Beispiel an einem Persönlichkeitstest und an einem Entwicklungs-Assessment teilgenommen. So konnte ich meine Stärken und Schwächen reflektieren und weiß jetzt, an welcher Stelle ich noch Entwicklungsbedarf habe. Wer an seinem Führungsstil arbeiten möchte, dem gibt unser Unternehmen einen externen Coach an die Hand, der dieses Vorhaben unterstützt. Ich nutze dieses Führungskräfte-Coaching persönlich auch.

Darüber hinaus bietet Wolff & Müller zahlreiche Trainings zum Thema Kommunikation, Problemlösung und Komplexitätsreduktion an, unter anderem auch als so genannte Espresso-Trainings möglich. Unter dem Motto "Heiß auf neue Impulse" kommen die Mitarbeiter dabei für eine Stunde zusammen. In dieser Zeit erlernen und üben sie ein bestimmtes Tool, das sie sofort bei ihrer Arbeit in die Praxis umsetzen können. So können wir schnell kleine Verbesserungen erzielen.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Die Freizeit verbringe ich vor allem mit meiner Familie. Meine Frau ist für mich ein starker Rückhalt. Meine Söhne halten mich ordentlich auf Trab und sorgen damit für einen lebhaften Ausgleich zum intensiven Berufsalltag. Darüber hinaus treibe ich gerne Sport und gehe Joggen oder Tennis spielen.

Ich wohne in Dresden und nutze dort vor Ort auch sehr gerne das reichhaltige Kulturangebot. Besuche in der Semperoper, im neuen Kulturpalast, im Kulturkraftwerk oder von zahlreichen Sport- und Konzertveranstaltungen stehen regelmäßig auf dem Programm.

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