Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 18. Juli 2019
Ausgabe 6541 | Nr. 199 | 18. Jahrgang
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Nachgefragt bei: Roger Bill

# 25.07.2014

Roger Bill von der Eurovia Beton GmbH - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat Nachgefragt bei ...

Dipl.-Ing. Roger Bill...

Dipl.-Ing. Roger Bill ist seit 21 Jahren beim Bauunternehmen Eurovia beschäftigt. Er leitet die Niederlassung Bauwerksinstandhaltung in Hofheim-Wallau. Foto: R. Bill Dipl.-Ing. Roger Bill ist seit 21 Jahren beim Bauunternehmen Eurovia beschäftigt. Er leitet die Niederlassung Bauwerksinstandhaltung in Hofheim-Wallau. Foto: R. Bill

...ist Prokurist der Eurovia Beton GmbH, einem Unternehmen der Eurovia Gruppe, mit Standorten in Hofheim-Wallau, Frankfurt a.M., Köln/Bonn und Hamburg. Das Straßenbauunternehmen beschäftigt derzeit rund 4000 Mitarbeiter und realisiert bundesweit vorrangig Projekte und Bauvorhaben der öffentlichen Hand. In Hofheim-Wallau leitet Roger Bill die Niederlassung Bauwerksinstandhaltung, zu welcher insgesamt 70 Mitarbeiter gehören. Mit ihm sprach bauingenieur24-Redakteur Fabian Hesse.

Herr Bill, was fordert Sie gerade besonders in Ihrem Job?

Ein zentraler Punkt meiner Arbeit betrifft die Mitarbeiterentwicklung und -ausbildung. Welchen Stellenwert dies in unserem Unternehmen einnimmt, erkennt man daran, dass in die Personalweiterbildung, speziell im Bereich der Bauwerkserhaltung, große Teile des Budgets investiert werden. Mein Einsatz hierfür als Mentor, Referent und Organisator beläuft sich auf etwa 20 Prozent meiner Arbeitszeit.

In der Bauleitung beschäftigt mich unter anderem gerade die Nachrüstung des Emstunnels bei Leer in Niedersachsen. Außerdem fordern mich immer wieder Forschungsvorhaben zur Entwicklung von Baustoffen und Bauweisen, an denen meine Niederlassung regelmäßig beteiligt ist.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig?

Ich bin direkt nach meinem Abschluss 1993 zu Eurovia gekommen und arbeite somit seit 21 Jahren als Bauingenieur in ein und derselben Firma.

Welche Eigenschaften schätzen Sie als Vorgesetzter bei Ihren Mitarbeitern am meisten?

Neben dem Gefühl des Erfolges bedeutet Bauen oft Konfrontation, Stress und Ärger. Am liebsten sind mir Kollegen, die trotz der harten Bedingungen ambitioniert und auf einem hohen Niveau qualitativ hochwertige Aufgaben erledigen. Das ist denen möglich, die ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und sicherem Auftreten mitbringen. Zudem braucht es hochkommunikative Leute, die schnell viele Kontakte knüpfen, was wiederum zu neuen Kenntnissen und einer ständigen Wissensanreicherung führt.

Sämtliche Mitarbeiter werden von uns optimal gefördert. Gerade in der Bauwerksinstandhaltung gibt es keine fertigen Ingenieure oder Techniker von den Universitäten. Der nötige Studiengang mit einer gleichwertigen Behandlung der Bereiche Stahlbeton-, Stahl- und Maschinenbau existiert leider nicht. Hinzu kommen spezielle Nachweise und Zertifikate, beispielsweise im Umgang mit kunststoffmodifizierten Mörtelsystemen, Kohlefaserlamellen oder diversen Kunststoffen, die die wenigsten Bewerber aufweisen können.

Wer bei uns anfängt, durchläuft zunächst eine mindestens zweijährige interne "Zusatzausbildung" in Form eines eigenen Traineeprogramms, bevor er für das Unternehmen vollends einsatzfähig ist. Wir setzen mit jedem Mitarbeiter seinen individuellen Entwicklungsplan um. Natürlich passieren währenddessen Fehler, die nützlich sind, wenn man darüber spricht. Die Vorgesetzten sorgen dafür, dass sich niemand bei einem Projekt verhebt.

Im Endergebnis haben wir keinerlei Fluktuation bei unseren ausgebildeten Professionals. Zusätzlich zum fachlichen Training haben sie alle eine spezielle Schulung mit externen und internen Seminaren zur Förderung ihrer persönlichen und sozialen Kompetenzen erhalten, was eine besondere Bindung zum Unternehmen mit sich bringt. Eine partizipative Führung ohne Dekrete trägt zusätzlich zur Identifizierung mit der Firma bei.

Auf wen hören Sie beruflich?

Die Meinungen meiner Mitarbeiter interessieren mich immer. Gerade von jüngeren Kollegen lerne ich viel, darunter Neues zu möglichen Rechenansätzen, aber auch in anderen Richtungen. Ist ein Hinweis oder eine Denkstrategie für mich überzeugend, wird sie in die Unternehmensstrategie übernommen.

Wir verfügen intern über eine Wissens- und Austauschdatenbank, die allen sehr nützlich ist. Wöchentlich finden mehrere Besprechungen statt, um die Projektkommunikation und -entwicklung stets am Laufen zu halten.

Zu meinen wichtigen Wissensquellen zählen weiterhin Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen, wie das Institut für Bauforschung in Aachen (ibac), die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) oder die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). Hinzu kommen die Technischen Akademien aus Esslingen (TAE) und Wuppertal (TAW).

In welche Technik investieren Sie?

Unsere IT-Abteilung bietet uns ein "Rundum-Sorglos-Paket", wobei wir im gewerblichen Bereich auf eine SAP-gestützte und im technischen Bereich auf eine RIB-Software vertrauen.

Zur Diagnostik im Rahmen der Instandsetzungsmaßnahmen nutzen wir moderne Radarortungsgeräte, hier speziell für die Spanngliedortung. Ein Höchstdruckwasserstrahlroboter und diverse Harz- und Injektionsanlagen kommen ebenfalls auf unseren Baustellen zum Einsatz.

Wie unsere Kunden auch, lehnen wir eine bedingungslose Digitalisierung ab. Geräte mit zu viel Elektronik sind oft sehr störungsanfällig, die Messtechnik mit Ultraschallwellen aus Quadrocoptern, also ferngesteuerten Fluggeräten, ist beispielsweise noch sehr ungenau. Hohe Schäden durch fehlerhafte Daten können und wollen wir uns nicht leisten.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Die Aufträge der öffentlichen Hand werden bundesweit nach einer speziellen Wertungsmatrix vergeben. Diese Vergabe nach einem starren Punktesystem verhindert, dass überzeugende Nebenangebote oder Sondervorschläge eine Chance bekommen.

Es bedarf einer Rückbesinnung auf ein qualitatives Vergabeverfahren mit individueller Prüfung eines jeden Bewerbers, vor allem hinsichtlich der notwendigen und entsprechenden Leistungsfähigkeit eines Unternehmens.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Meine fachliche Kompetenz stärke ich durch die Teilnahme an regelmäßigen Kolloquien zum Brückenbau. In der Persönlichkeitsentwicklung helfen mir interne Unternehmensangebote. Ein bis zwei Tage im Monat nutze ich so zur laufenden Fortbildung.

Um neue Abdichtungssysteme, die eigene Forschungsentwicklung oder Projekte vorzustellen, halte ich auch selbst Vorträge vor Fachpublikum an Hochschulen und Unternehmen. Die Harmonisierung der europäischen Normen und die aktuelle Marktentwicklung sind ebenfalls immer wieder Themen der Weiterbildung.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Ich wohne im Westerwald, wo ich gerne im eigenen Revier auf die Jagd nach Wildschweinen, Rehen und sonstigem Niederwild gehe. Nebenbei betreibe ich noch eine kleine Landwirtschaft mit eigener Tierhaltung.

2017-02-11 Bauingenieur Interview Arbeitsabläufe EUROVIA Roger Bill Straßenbauunternehmen Straßenbau Bauwerksinstandhaltung Mitarbeiterentwicklung Stahlbetonbau Metallbau Maschinenbau Forschungseinrichtungen Mörtelsystemen Nachgefragt bei Bauingenieur https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/nachgefragt-bei/nachgefragt-bei-roger-bill/2659.htm 956 de-DE
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