Fachbeiträge & Interviews
Samstag, 21. September 2019
Ausgabe 6606 | Nr. 264 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Stefan Kielbassa

# 07.11.2014

Stefan Kielbassa von der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat Nachgefragt bei...

Dr.-Ing. Stefan Kielbassa ist seit 2009 als Projektleiter für die Deutsche Bahn tätig. Foto: DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH Dr.-Ing. Stefan Kielbassa ist seit 2009 als Projektleiter für die Deutsche Bahn tätig. Foto: DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH

Dr.-Ing. Stefan Kielbassa ist Projektleiter bei der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH. Das Unternehmen wurde 2013 als Konzerngesellschaft für das derzeit größte Bauprojekt der Deutschen Bahn, den Neubau der Schnellfahrstrecke Stuttgart-Ulm, gegründet.

Kielbassa ist seit sechs Jahren für den siebten Abschnitt des Großprojekts verantwortlich, welcher über die Hochfläche und den Abstieg der Schwäbischen Alb in den Ulmer Hauptbahnhof führt.

Ihm sind im Unternehmen rund 30 Mitarbeiter unterstellt, die verschiedene Aufgaben im Projektmanagement wahrnehmen. Hinzu kommen Mitarbeiter beauftragter Unternehmen, welche Planungs-, Bau- und Beratungsleistungen erbringen.

Mit Stefan Kielbassa sprach bauingenieur24-Redakteur Fabian Hesse.

Herr Kielbassa, was fordert Sie besonders in Ihrem Job?

Die großen Herausforderungen im Projektmanagement sind immer projektspezifisch und liegen darin, Störeinflüsse rechtzeitig zu erkennen und dann gegenzusteuern. Es gibt vermutlich kein Projekt, das exakt so abläuft, wie es anfangs geplant war. Das A und O ist es, trotz Störungen jederzeit Termine und Kosten im Rahmen zu halten. Da sieht es in unserem Projekt derzeit sehr gut aus, wobei der Steuerungsaufwand, um auf Kurs zu bleiben, immens ist. Man muss auch immer in aller Bescheidenheit sagen, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Die Störeinflüsse, die in Zukunft noch kommen mögen, die kennen wir nicht. Das ist die Natur des Unvorhergesehenen und das Spannende im Projektmanagement.

Meine Arbeit besteht aber keineswegs nur aus großen Herausforderungen auf der "Kommandobrücke". Den größten Teil der Arbeitswoche verbringe ich mit direkter Kommunikation in Besprechungen mit den Projektteams und im Führungskreis des Großprojektes. Bei regelmäßigen Baustellenbesuchen muss ich individuelle Schwerpunkte setzen, anders ist das zeitlich nicht darstellbar.

Konkret laufen gerade sechs Vortriebe für den aus zwei Röhren à sechs Kilometer bestehenden Albabstiegstunnel, auf der Albhochfläche sind auf zweimal sieben Kilometern Länge Brücken, Stützbauwerke, Geländeeinschnitte, Bahndämme und Entwässerungsanlagen im Bau. Erste Bauwerke sind bereits fertig gestellt, auch eine wichtige Eisenbahnüberführung im Bahnhof Ulm, die die Zufahrt in die zukünftigen Baustellen dort ermöglicht. Für diese weiteren Baustellen in Ulm fehlt noch der Planfeststellungsbeschluss. Wir rechnen damit bis Ende des Jahres. Dann können auch dort die noch ausstehenden Bauleistungen ausgeschrieben werden.

Als Projektleiter trete ich auch regelmäßig als "Gesicht des Projektes" in die Öffentlichkeit, um über den Baufortschritt zu informieren, und zwar weniger rückblickend sondern vor Allem vorausschauend. Es geht hierbei hauptsächlich um die Aufklärung von Betroffenen (z.B. Anwohner, Nachbarprojekte, Behörden), wobei wir stets versuchen, solche Betroffenheiten zu minimieren.

Anwohnerinformationen sind Abendveranstaltungen, in denen ich vor gemischtem Publikum Rede und Antwort stehe, manchmal vor zehn, manchmal vor 300 Zuhörern, in Rathäusern, Schulen, Turnhallen, Festsälen, manchmal mit Pressebegleitung, bis hin zum Fernsehen. Das ist kein Streichelzoo! Die Leute erwarten, dass man als Projektleiter möglichst bis in den letzten Winkel seines Milliardenprojektes informiert ist. Es wird zum Teil kontorvers diskutiert.

Während die Stuttgarter Kollegen, die ich nicht beneide, bei solchen Veranstaltungen mit Pfeifkonzerten empfangen werden, erfahre ich für unseren Projektabschnitt keinen Widerstand. Dass es bei uns so bleibt, motiviert mich unglaublich, in die Öffentlichkeitsarbeit auch viel Energie zu stecken.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Ich habe 1985 mein Diplom als Bauingenieur an der TU Braunschweig gemacht, die Promotion am dortigen Institut für Statik über Finite Elemente im Tunnelbau folgte 1988. Danach habe ich als Leiter des technischen Büros auf Großbaustellen der Philipp Holzmann AG im Ausland und in Niederlassungen im Inland, später als Projektsteuerer bei Bureau Veritas in Hamburg verschiedenste Infrastrukturprojekte in allen Leistungsphasen betreut.

Am Beruf des Bauingenieurs faszinierte mich von Jugend an die Beschäftigung mit statischen Berechnungen. Wie rechnet der Ingenieur den Eiffelturm und warum halten Tunnel und Brücken ihre Lasten? Das waren frühzeitig spannende Fragen für mich.

Im Berufsleben habe ich letztlich verschwindend wenig Statik betrieben, seit vielen Jahren sogar gar nicht mehr. Dennoch gibt es immer wieder Projektsituationen, wo es sehr hilfreich ist, dass man sich mit Tragwerksplanern austauschen kann, weil man ein ausgeprägtes Feingefühl für Tragwerke und Geomechanik hat und die Berechnungen der Fachleute auch versteht.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei Ihren Mitarbeitern am meisten?

Man muss unterscheiden zwischen Mitarbeitern, die Führungsaufgaben wahrnehmen und solchen, die Sachbearbeitung betreiben. Letztere sind die eigentlichen Leistungserbringer, weshalb sie absolut zuverlässig sein und eine vollständige Arbeitsweise an den Tag legen müssen. Mir reicht es nicht, wenn jemand nur 80 Prozent von dem bringt, was notwendig ist, und die verbleibenden, besonders aufwendigen letzten 20 Prozent liegen bleiben.

Anders ist es bei den mir unterstellten Führungskräften. Da erwarte ich den Blick auf das Wesentliche, da es kontraproduktiv ist, wenn man sich in den Tiefen einer Sacharbeit verliert und die Führungsaufgabe leidet. Allerdings erwarte ich von meinen Teamleitern, dass sie die Sachverhalte in ihrem Zuständigkeitsbereich sehr genau kennen. Da ist es also durchaus hilfreich, wenn sie auch bei der Sacharbeit mitwirken - wohldosiert.

Ich hatte im Großprojekt Stuttgart-Ulm das Glück, den Aufbau meiner Mannschaft nahezu von Beginn an selbst gestalten zu können. Hierbei ging es mir darum, dass die neu entstandenen Teams gut harmonieren. Es sind neben den "alten Hasen" auch viele junge Ingenieure dabei. Deren gewisse Unerfahrenheit ist nicht unbedingt ein Problem, da sich im Laufe des Projekts die Aufgaben und Rollen der einzelnen Beteiligten häufig ändern, sodass bei allen Mitarbeitern zu jeder Zeit ein starkes Anpassungsvermögen gefragt ist.

Je nachdem, ob jemand in der Planung oder der Ausführung tätig ist, müssen unterschiedliche Eigenschaften vorhanden sein: Ein Planer muss ein Projekt vollständig durchdringen und dabei sehr konzentriert arbeiten. Auf der Baustelle darf durchaus hemdsärmeliger aufgetreten werden. Was hier zählt, ist die notwendige Härte, wozu auch ein wirtschaftliches Durchsetzungsvermögen gehört.

Auf wen hören Sie beruflich?

Ich schätze mich selbst als sehr autonom ein. Dazu gehört es, dass ich gerne dort arbeite, wo mir Gestaltungsspielräume gegeben sind. Ich habe dies bisher immer genutzt, um sehr gute Ergebnisse zu liefern. Da war kein Mentor oder ständiger Ratgeber, eher sowas wie wohlwollende Kenntnisnahme von Vorgesetzten, auch Anerkennung, die sich gerne darin äußerte, dass die nächste Aufgabe noch größer und noch komplexer wurde.

Als Angestellter mit leitender Führungsaufgabe steht natürlich immer noch eine Geschäftsführung oder Direktion über mir. Meine Erfahrung ist, dass man immer Freiraum bekommt, wenn man im eigenen Verantwortungsbereich erfolgreich agiert.

Sicher gab es bei allen Projekten, die mir anvertraut wurden, immer eine gewisse Zeit am Anfang, in der die Dinge und das Handeln erst noch zu entwickeln waren. Dafür gibt es im Übrigen zu Recht auch in den meisten Unternehmen eine Probezeit.

Am Ende lässt sich sagen, dass mir wirklich einmalige Projekte, darunter im Ausland der Bau eines nicht alltäglichen Kavernenkraftwerks in China und im Inland die Errichtung des Traditionsschiffhafens in der Hamburger Hafencity, stets interessante Erfahrungen und damit Orientierung gaben.

Wie digitalisiert bzw. auf welchem technischen Stand arbeiten Sie?

Wenn in Deutschland einmal der Strom ausfällt, was Gott sei dank selten vorkommt, dann kann ich nach Hause gehen. Ohne E-Mail, ohne Zugriff auf Datenbanken und digitale Ablagesysteme geht bei mir gar nix mehr. Schon allein der Verlust des elektronischen Terminkalenders grenzt an Handlungsunfähigkeit. Auch unterwegs – ich fahre viel mit der Bahn – ist das Laptop mit Funknetzverbindung immer dabei. Papier war gestern.

Ein Beispiel für diesen Wandel ist die Tatsache, dass Planfreigaben bei uns nur noch zum Teil auf Papier mit händischer Unterschrift erfolgen, überwiegend jedoch und in weiter zunehmendem Maße in verschiedenen Datenbanken durch elektronische Unterschrift. Wir setzen also mehr und mehr auf ein elektronisches Planmanagement.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Friede auf Erden und Freundschaft zwischen den Völkern. Das hat zwar fast nichts mit meinem Berufsalltag zu tun, ist mir aber wichtig. Arbeiten im Ausland ist meiner Meinung nach ein aktiver Beitrag dazu. Ich bin sehr zufrieden, dass mir als Ingenieur militärische Bauprojekte wie Raketenschächte und U-Boot-Bunker erspart geblieben sind. Diese Dinge mögen auch notwendig sein, aber das Bauen für die Bahn ist einfach rundum sympathischer.

Bezüglich letzterem hätte ich auch sehr konkrete Wünsche an die Politik: Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte müssen zeitlich viel straffer und für den Bürger viel transparenter werden. Auch in diesem Zusammenhang muss die Frage "Wie funktioniert unser Rechtsstaat?" viel mehr in die Schulbildung eindringen. Eine Beschäftigung damit sollte gleichrangig neben Mathematik und den anderen Grundfächern stehen. Universitäre Bildung muss viel mehr Dualität entwickeln: Wissenschaft und Praxis. Ich versuche als Lehrbeauftragter für Projektmanagement an der TU Hamburg-Harburg hierzu auch einen Beitrag zu leisten.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Die Weiterbildungsprogramme des Bahnkonzerns sind immens. Wie jeder Mitarbeiter besuche auch ich ein bis zwei Weiterbildungsseminare pro Jahr. Die Inhalte werden im jährlichen Gespräch mit der Führungskraft vereinbart und dann in Eigenverantwortung umgesetzt.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Am Wochenende bleibt die Krawatte im Schrank. Dann steige ich in den Blaumann und tobe mich als "Do-it-yourself-Man" aus. Dafür gönne ich mir schon seit der Studentenzeit eine gemietete Halle in einem Gewerbepark – mit Kranbahn! Meine Frau teilt diese Begeisterung zwar nicht, aber mit den Ergebnissen ist sie einverstanden. Wir kennen uns schon seit der Schulzeit.

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