Fachbeiträge & Interviews
Mittwoch, 21. August 2019
Ausgabe 6575 | Nr. 233 | 19. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nachgefragt bei: Steffen Kretz

# 10.03.2015

Steffen Kretz von der Obermeyer Planen + Beraten GmbH - Jeder Bauingenieur tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ..."

Dipl.-Ing. (FH) Steffen Kretz ...

Dipl.-Ing. Steffen Kretz leitet für den Generalplaner Obermeyer die Niederlassungen in Stuttgart und Karlsruhe. Foto: Obermeyer Planen + Beraten GmbH Dipl.-Ing. Steffen Kretz leitet für den Generalplaner Obermeyer die Niederlassungen in Stuttgart und Karlsruhe. Foto: Obermeyer Planen + Beraten GmbH

... ist Niederlassungsleiter der OBERMEYER Planen + Beraten GmbH in Karlsruhe und Stuttgart. Neben der Leitung des 60-köpfigen Mitarbeiterteams liegt sein fachlicher Schwerpunkt in der Schienenverkehrsplanung. Dabei kommen zu Projekten in Deutschland auch Vorhaben in Frankreich und im Nahen Osten. Mit Steffen Kretz sprach bauingenieur24-Redakteur Fabian Hesse.

Herr Kretz, was fordert Sie gerade besonders in Ihrem Job?

Im Moment bearbeiten wir ein Angebot für einen Stadtbahntunnel unter der Altstadt von Jerusalem. Da wir dort bereits mit der Planung einer anderen, oberirdischen Stadtbahnlinie betraut sind, würden wir den Auftraggeber natürlich gerne auch mit unseren Kompetenzen als Generalplaner im Tunnel- und Haltestellenbau überzeugen.

Das Handeln als Generalplaner ist in Deutschland schon nicht einfach, in Israel kommen dazu interkulturelle und religiöse Eigenarten hinzu, die den Mitteleuropäer in dieser Form oftmals nur ins Staunen versetzen. Gerade diese Besonderheiten aber heben das Planungsumfeld von fast jedem anderen weltweit ab und wecken unser Interesse.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Ich kam im Jahr 2001 eher zufällig zum Gleisbau. Ich wollte sprichwörtlich Berge versetzen, große Massen umschlagen, mit großen Baumaschinen zu tun haben. Mein damaliger Chef konnte mich daher leicht ködern: Im Gleisbau werden an einem Wochenende schon mal 5.000 Tonnen Material verbaut.

Letztendlich ist es aber mehr als das. Obwohl der Stoffumschlag in so kurzer Zeit immens ist, liegt das fertig gestellte Gleis am Montagmorgen auf den Millimeter genau an der Stelle, an der es liegen soll.

Dazu empfinde ich die Herausforderungen rund um das Bauen im Gleis immer noch sehr spannend: Arbeiten unter Aufrechterhaltung des Betriebs und das ganze Eisenbahnbetriebswesen drum herum, auf das Rücksicht zu nehmen ist. Letztlich trifft man die Menschen im Gleisbau immer wieder, alles ist sehr familiär.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei Ihren Mitarbeitern am meisten?

Zum einen braucht es Zuverlässigkeit. Für meine Mitarbeiter lege ich meine Hände ins Feuer, und die möchte ich mir nicht verbrennen. Zum anderen zählt Loyalität. Wenn meinen Mitarbeitern etwas nicht passt, dann sollen sie es offen und ehrlich sagen. Tuscheln hinter vorgehaltener Hand schadet dem Vertrauensverhältnis, das ich mit meinen Mitarbeitern pflege.

Wichtig ist weiter der Teamgeist. Ich bin davon überzeugt, dass Lösungen, die meine Mitarbeiter im Team entwickeln, die besseren Lösungen sind, weil ihre Erfahrung und ihr Wissen sich nicht nur addieren, sie multiplizieren sich. Die Mitarbeiter profitieren voneinander und davon profitieren am Ende unsere Kunden.

Auf wen hören Sie beruflich?

Mit meinen Abteilungsleitern und Mitarbeitern tausche ich mich regelmäßig aus. So versuche ich, deren Erfahrungen und auch deren persönliche Einschätzungen in meine Entscheidungsfindung mit einzubeziehen.

Ich schätze insbesondere die Meinungen unserer Spezialisten und Fachexperten, mit denen wir uns in Deutschland und international nicht verstecken müssen und die sich in der Vergangenheit meistens als goldrichtig erwiesen haben.

In welche (Informations-)Technik investieren Sie?

Aktuell haben wir in neue Tablets für unsere Bauüberwacher investiert. Die Dokumentation auf den Baustellen ist so wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern diese Pflicht so angenehm und einfach wie möglich machen wollen. Die Kosten sind sehr überschaubar, insbesondere dann, wenn der Aufwand für die erforderliche Dokumentation dadurch reduziert werden kann.

Grundsätzlich stehen wir in der Planung gerade vor einem Quantensprung. Die Themen BIM und GIS sind Herausforderung und Chance zugleich. Die bisher weit verbreitete 2D-Planung weicht mehr und mehr der 3D-Planung. Objekten und Bauteilen werden Eigenschaften zugeordnet, die Planungen sind dadurch visuell einfacher zu begreifen. Bauablaufplanungen können plausibler durchgeführt werden, Kostenänderungen sind leichter nachzuvollziehen.

Insbesondere in meinem Bereich, der Infrastrukturplanung, setzen wir hier auf die Verknüpfung unseres Trassierungsprogramms ProVI mit relevanten GIS-Systemen.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Grundsätzlich freut es mich als Schienenverkehrsplaner natürlich, dass die Politik die "Renaissance der Schiene" verstärkt fördert. Dabei ist es aber aus meiner Sicht nicht damit getan, einfach nur mehr Geld ins System zu pumpen. Auch Entscheidungswege und Genehmigungsverfahren müssen überdacht werden. Politische Entscheidungen sollten nachhaltiger und verbindlicher werden und nicht nur im Hinblick auf kurzfristige Wahlerfolge getroffen werden.

Als Bauingenieur leide ich unter den negativen Schlagzeilen aktueller Großprojekte wie dem Flughafen Berlin Brandenburg oder der Elbphilharmonie in Hamburg. Hier haben Politiker Entscheidungen getroffen, ohne sich detailliert über alle baulichen (und finanziellen) Auswirkungen zu informieren. Ich wünsche mir, dass einfach mehr vertrauensvoller Dialog zwischen Politikern und Planern stattfindet.

Zuletzt bleibt noch der Wunsch, die Handlungsfähigkeit in den Bauverwaltungen zu erhöhen, indem der Personalstamm wieder aufgebaut wird, um externe Planungen auch fachlich begleiten und leiten zu können. Ich denke, dadurch könnten Bau- und Planungsprozesse schneller, qualitativ hochwertiger und günstiger durchgeführt werden.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Die Betonung liegt tatsächlich auf "individuell". Ich bin ein Freund von individualisierten Fortbildungsveranstaltungen für mich und meine Kollegen. Dazu holen wir uns Fachreferenten ins Haus, um unsere Mitarbeiter in den erforderlichen Themengebieten zielgerichtet schulen zu lassen.

Gerne nutze ich darüber hinaus Kongresse und Messen, um mich mit anderen Ingenieuren auszutauschen und auf dem Stand der Technik zu bleiben.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Meine Arbeit bereitet mir meistens viel Freude und ist ein positiver Teil meines Lebens. Daher bedarf es wenig an "Ausgleich", um eine Balance herzustellen. Dennoch genieße ich die freie Zeit mit meiner Familie und - ganz Bauingenieur - beim Fertigstellen des selbst geplanten Eigenheims.

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