Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 06. Oktober 2022
Ausgabe 7717 | Nr. 279 | 22. Jahrgang
D.I.E. Baustatik Software - Einfach | Anders | Besser
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Stephan Keinath (Züblin): "30 Zentimeter Dämmstoff an unseren Häusern ist Ressourcenverschwendung."

# 20.09.2022

CO2-Einsparung bei Bauprojekten systematisch optimieren - Sicherheitsbeiwerte für Materialanforderungen im Stahlbetonbau sind antiquiert - Roboter-Einsatz auf Baustellen kann Auswirkungen des Fachkräftemangels abmildern

Dipl.-Ing. (FH) Stephan Keinath

Dipl.-Ing. (FH) Stephan Keinath ist Vorstandsmitglied der Ed. Züblin AG und technischer Leiter für Deutschland, Benelux und Skandinavien. Foto: Strabag AG Dipl.-Ing. (FH) Stephan Keinath ist Vorstandsmitglied der Ed. Züblin AG und technischer Leiter für Deutschland, Benelux und Skandinavien. Foto: Strabag AG

Stephan Keinath ist Mitglied des Vorstands der Ed. Züblin AG. Als technischer Leiter für Deutschland, Benelux und Skandinavien ist der Bauingenieur in dem Gremium unter anderen für die Bereiche Holzbau und Spezialtiefbau verantwortlich.

Die in Stuttgart ansässige Ed. Züblin AG, gegründet 1898, ist mit ca. 14.000 Beschäftigten und einer jährlichen Bauleistung von rund vier Milliarden Euro das führende Unternehmen für Hoch- und Ingenieurbau in Deutschland. Das Leistungsspektrum umfasst alle baurelevanten Aufgaben, vom komplexen Schlüsselfertigbau, Ingenieur- und Tunnelbau bis hin zu Baulogistik, Bauwerkserhaltung, Spezialtiefbau, Holz- oder Stahlbau.

Im Verbund des weltweit agierenden Baukonzerns Strabag SE treibt die Ed. Züblin AG die Themen Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit in der Baubranche mit voran und verfolgt das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden.

Die Strabag SE mit Sitz in Wien ist einer der führenden Technologiekonzerne für Baudienstleistungen in Europa mit rund 74.000 Beschäftigten und einer jährlichen Bauleistung von etwa 16 Milliarden Euro.

Herr Keinath, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Derzeit beschäftigen natürlich auch uns ganz besonders die weitreichenden weltwirtschaftlichen Folgen des von Russland geführten Kriegs in der Ukraine, unter anderem die Knappheiten und Preissprünge an den Energie- und Materialmärkten.

Wir müssen diese enorme Herausforderung aber auch als Chance begreifen. Es gilt, die dringende Loslösung von der Gasabhängigkeit als Schub zu nutzen für den Kampf gegen den Klimawandel. Wir müssen in Deutschland und ganz Europa noch viel schneller eine flächendeckende Infrastruktur für eine nachhaltige Energieversorgung aufbauen.

Innovationen und Digitalisierung voranzutreiben und Klimaneutralität zu erreichen, sind die zentralen Zukunftsthemen, die für uns als Bauunternehmen eine hohe Priorität haben und deren Dringlichkeit uns aktuell mit Blick auf die globale Lage noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt wird.

Die Herausforderungen der Corona-Pandemie haben wir bei Züblin und in der Strabag-Gruppe in den vergangenen zwei Jahren sehr gut gemeistert. Wir haben dabei davon profitiert, dass wir konzernweit digital bereits super ausgestattet waren. So konnten wir uns schon vom ersten Tag der Krise an gut vernetzen und miteinander kommunizieren. Und die Umsetzung unserer weiteren Digitalisierungspläne hat sich in der Krise noch einmal beschleunigt.

Als großes Bauunternehmen müssen wir vorangehen und der Treiber für das nachhaltige Planen, Bauen und Betreiben von Infrastrukturen sein. Wir haben das nötige Know-how und valide Daten, um unsere Kunden zu beraten, wie sich zum Beispiel beim Bau des Gebäudes graue Energie und damit CO2 einsparen lässt.

Unser kurzfristiges Ziel ist es, unseren Auftraggeber:innen im Vorfeld neben dem Preis stets auch beziffern zu können, welchen CO2-Ausstoß die Herstellung des Gebäudes verursachen würde und mit welchen Maßnahmen sich dieser senken ließe.

Daneben hat es für uns höchste Priorität, auch die Nachhaltigkeit unserer eigenen Prozesse rasch weiter zu optimieren. Wir werden viel kurzzyklischer und schneller entscheiden müssen.

Die Zeiten, in denen man gesagt hat "Das war schon immer so" sind vorbei. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Konzern auf diese Herausforderungen gut vorbereitet sind und diesen Wandel aktiv mitgestalten werden.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum? Was war Ihr bisheriger beruflicher Höhepunkt?

Ich habe meinen Beruf gewissermaßen von der Pike auf gelernt und arbeite quasi schon seit meinem 18. Lebensjahr in der Baubranche. Ich habe vor meinem Bauingenieur-Studium in Stuttgart eine Ausbildung zum Stahlbetonbauer abgeschlossen und bin schon während des Studiums über das erste Praktikum bei Züblin eingestiegen.

Nach dem Studium habe ich als Bauleiter im Unternehmen begonnen und dann die klassische Karriereleiter durchlaufen. So wurde ich rasch Projektleiter, später Oberbauleiter, habe in Stuttgart lange den Bereich Ingenieurhochbau geleitet, war danach technischer Direktionsleiter, habe in diesen Jahren das kontinuierliche Wachstum des Unternehmens erlebt und begleitet und bin nun seit Oktober 2021 Vorstandsmitglied der Ed. Züblin AG.

Meine wechselnden Positionen waren dabei stets mein jeweiliger Lieblingsjob. Mit meiner Arbeit war ich immer glücklich. Berufliche Höhepunkte mache ich aber weniger an den Positionen als an den Projekten fest. Ein solches Highlight war für mich der Auftrag zum Bau des 170 Meter hohen OpernTurms in Frankfurt, eines der ersten Highrise-Buildings (dt.: Hochhäuser, Anm. d. Red.) die Züblin in Deutschland gebaut hat.

Bei diesem Projekt konnte nicht mehr konventionell gebaut werden. Das war für mich als Bauingenieur etwas ganz Besonderes, eine große Herausforderung gepaart mit der Begeisterung für die Technik, die dahintersteckt: Wie baut man das, wie geht das?

Meine Affinität zum Bauen habe ich schon als Kind entwickelt. Die ganze Familie hat in dieser Zeit Einfamilienhäuser gebaut, jeder hat dem anderen dabei geholfen und mein Vater hat mich oft auf die Baustellen mitgenommen.

Schon in der Schulzeit war mir klar, dass ein reiner Schreibtisch-Job für mich nicht in Frage kommt. Ich wollte einen abwechslungsreichen Beruf, in dem man reisen und gestalten kann und vor allem sehen kann, was man geleistet hat. Seit der zehnten Klasse war ich mir sicher, dass ich Bauingenieur werden will, Es war ein Stück weit Berufung.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen in punkto Personalgewinnung?

Wir kooperieren bei Züblin eng mit den Hochschulen, haben Patinnen und Paten, die den Kontakt zu den Bauingenieursfakultäten pflegen. Wir suchen frühzeitig den Draht zu angehenden Bauingenieur:innen, laden regelmäßig Studierende hier bei uns in Stuttgart zu Führungen über den Züblin-Campus ein, gehen auf Ausbildungsmessen, um für die breiten beruflichen Möglichkeiten bei uns zu werben und sind als Sponsor bei Uni-Veranstaltungen, wie dem Bauigelfest in Stuttgart, präsent.

Vor allem aber bieten wir Studierenden systematisch viele Praktikumsstellen an. Dieser frühzeitige Einstieg in die Berufspraxis ist meiner Erfahrung nach sehr wichtig. Er ermöglicht das gegenseitige Kennenlernen und bietet Vorteile für beide Seiten. Sehr viele unser Berufsanfänger:innen haben bei uns bereits Praktika gemacht.

Aber wir müssen in unseren Bemühungen um den Ingenieurnachwuchs von morgen noch früher ansetzen und verstärkt an die Schulen gehen, um für unsere Branche und für den Ingenieurberuf zu werben. Wir machen das auch schon, und wir werden das künftig mehr und mehr ausbauen.

Grundsätzlich sind wir bei Züblin mit unserem Nachwuchsingenieurprogramm für die Integration der Berufseinsteiger:innen bestens aufgestellt. Wir bieten den Absolvent:innen damit eine zweijährige Orientierungsphase, in der sie alle wesentlichen Abteilungen von der Arbeitsvorbereitung über die Kalkulation und Prozessplanung bis hin zur Baustelle in geregelten Intervallen durchlaufen und so Gelegenheit haben, in den möglichen Berufsfeldern erste Erfahrungen zu sammeln.

Allein in unserer Direktion Stuttgart stellen wir jährlich 30 bis 40 Nachwuchsingenieur:innen ein. Unser Einsteigerprogramm liefert ihnen eine wertvolle Entscheidungshilfe in der Frage, wo sie im Unternehmen arbeiten möchten, ob in unseren technischen Diensten, etwa in der Prozessplanung, Konstruktion und Technologie oder als Bau- und Projektleitung auf der Baustelle.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Um erfolgreich zu planen und zu bauen kommt es in Zukunft darauf an, dass...

...wir die richtigen Menschen mit dem passenden Know-how und Mindset (dt.: Mentalität bzw. Denkweise, Anm. d. Red.) an den entscheidenden Schnittstellen einsetzen und über digitale Tools und Prozesse miteinander vernetzen. Nur so können wir unseren Kundinnen und Kunden das komplette Portfolio des Planens und Bauens aus einer Hand anbieten.

Die integrierte Planung ist eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiche Umsetzung, insbesondere großer und komplexer Bauprojekte. Für Züblin ist dies ein ganz zentrales Thema mit hoher Priorität. Mit unserer Zentralen Technik, kurz ZT, stützen wir uns dabei auf eines der größten deutschen Ingenieurbüros, das seine breite Planungskompetenz zuletzt noch weiter in Richtung Generalplanung ausgebaut hat.

Es ist unser Anspruch, mit dem nachhaltigen Planen und Bauen aus einer Hand auch in Zukunft der beste Baupartner am Markt zu bleiben.

In welche Technik bzw. IT investiert Ihr Unternehmen?

Wir nutzen natürlich gezielt BIM und sind auf gutem Weg, sämtliche Planungs- und Bauprozesse systematisch zu digitalisieren. Das geht voran, Schritt für Schritt.

Wir nutzen auf Pilotbaustellen beispielsweise die digitale Taktsteuerungstafel und das digitale Bauteil-Tracking zur baubegleitenden Kontrolle der Bau- und Lieferprozesse, um mehr Transparenz für alle Baubeteiligten zu schaffen.

Ein Ziel ist es, die Bauprojekte am Ende detailliert mit As-Built-BIM-Modellen abzubilden, die dann auch für die Betriebsphase und darüber hinaus in Zukunft für die Wiederverwertung der eingesetzten Baustoffe genutzt werden können.

Wichtig ist es auch, unsere bereits gut etablierten digitalen Kommunikationswege weiter zu optimieren, um die interdisziplinären Teams im Konzern noch ortsunabhängiger zu vernetzen.

Und nicht zuletzt treiben wir die systematische Digitalisierung unser Daten weiter voran unter anderem für den forcierten Einsatz von Robotik auf der Baustelle. Wir testen zum Beispiel Malerroboter oder wir nutzen Bohrroboter bei Deckeninstallation. Dazu braucht es zwingend Koordinaten und Daten in digitalem Format. Das heißt ohne Digitalisierung gibt es auch keine Automatisierung.

Der Einsatz von Robotern auf der Baustelle wird in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um den zunehmenden Fachkräftemangel ausgleichen zu können.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Schön wäre es sicherlich, wenn die Genehmigungsprozesse deutlich schneller liefen. Um raschere Fortschritte beim nachhaltigen Bauen machen zu können, müssen wir insgesamt schneller auf neue Entwicklungen reagieren, insbesondere auch in den übergeordnet besetzten Normenausschüssen, die die Materialvorgaben bestimmen. Da muss einfach mehr passieren, um die CO2-Bilanz der Bauwirtschaft nachhaltig verbessern zu können.

So sind etwa die geltenden Sicherheitsbeiwerte für die Material-Anforderungen im Stahlbetonbau heute eigentlich antiquiert. Es ist auch zu überdenken, ob wir, wie heute üblich, unsere Häuser weiter mit 30 Zentimeter Dämmstoff einpacken, wenn wir doch eigentlich davon ausgehen, dass wir künftig die Energie regenerativ produzieren. Das halte ich in dieser Dimension für Baustoff- und Ressourcenverschwendung.

Ich persönlich glaube, dass wir wahrscheinlich schon in zehn Jahren überwiegend regenerative Energien einsetzen werden und nicht mehr Öl verbrennen oder Gas. Dafür muss die Politik jetzt die passenden Weichen stellen.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Sehr vielfältig. Hierzu finde ich die passenden Angebote in unserem konzerninternen Leadership-Programm für Führungskräfte der Strabag-Gruppe, zum Beispiel auch in Sachen "Führung im digitalen Zeitalter". Ich schaue mir aber grundsätzlich auch gezielt externe Vorträge oder Podiumsdiskussionen zu Themen an, bei denen Informationsbedarf besteht, beispielsweise zur Nachhaltigkeit.

In der heutigen Arbeitswelt sind alle aufgefordert, auf dem Laufenden zu bleiben und sich aktiv um Horizont-Erweiterung zu bemühen. In dieser Hinsicht sind wir mit unserer Konzernakademie hervorragend aufgestellt. Sie bietet für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein breites Portfolio an E-Learning- und Präsenz-Schulungen. Das Angebot an Weiterbildungen reicht von IT-Anwenderkursen über technische Fachschulungen bis hin zu Schulungen zur Persönlichkeitsentwicklung.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Zuallererst finde ich natürlich Ausgleich bei Familie, Hund, Haus und Garten. Außerdem habe ich eine Reihe von Hobbys, denen ich mich gerne widme, wenn es die Zeit zulässt.

Gerne fahre ich zur Entspannung Mountainbike, zum Beispiel im Naturpark Schönbuch. Ich fahre aber auch gerne Ski und mit dem Motorrad oder spiele Tennis und Golf.

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