Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst

Sven Zimmermann: "Das vereinfachte Baugenehmigungsverfahren überfordert die Planungsbüros."

# 26.04.2022

Sven Zimmermann vom Bauaufsichtsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt | Digitales Baugenehmigungsverfahren aktuell größte Herausforderung - Politik muss Vorschriften klar definieren und verständlich formulieren - Fachlich fundierte und rechtlich korrekte Auskunft für Arbeit der Bauaufsicht essentiell

Sven Zimmermann

Sven Zimmermann ist Sachbearbeiter für Bauordnungsrecht beim Bauaufsichtsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Foto: privat Sven Zimmermann ist Sachbearbeiter für Bauordnungsrecht beim Bauaufsichtsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Foto: privat

Sven Zimmermann ist Sachbearbeiter für Bauordnungsrecht beim Bauaufsichtsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Sein Aufgabengebiet liegt im Bereich der bauordnungsrechtlichen Prüfung von Sonderbauten, wie große Versammlungsstätten, Verkaufsstätten, Krankenhäuser oder Schulen.

Das Bauaufsichtsamt bearbeitet rund 850 baurechtliche Verfahren mit einem Gesamtvolumen von circa 400 Millionen Euro und 900.000 Kubikmetern umbauten Raum pro Jahr. Als rechtliche Grundlagen dienen die Hessische Bauordnung, einschließlich der Sonderbau-Vorschriften, sowie die Technischen Baubestimmungen.

Neben der bauplanungs- und bauordnungsrechtlichen Prüfung und Genehmigung von Bauvorhaben kümmern sich die 30 Mitarbeitenden um die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und die Gefahrenabwehr im Zuge der Bauausführung sowie bei Sonderbauten im Zuge einer wiederkehrenden Sicherheitsüberprüfung.

Herr Zimmermann, was fordert Sie aktuell besonders in Ihrem Job?

Zurzeit ist die Digitalisierung des Baugenehmigungsverfahrens eine große Herausforderung. Insbesondere alle rechtlichen Vorgaben bei der Erstellung von digitalen Bescheiden einzuhalten, ist kein leichtes Unterfangen.

Wann müssen welche Unterlagen im Original unterschrieben sein? Welche Dokumente können qualifiziert digital signiert werden? Welche Voraussetzungen müssen für eine qualifizierte, digitale Signatur geschaffen werden. Wann gilt ein digitaler Bescheid als zugestellt?

Dies sind alles Fragen, die im Zuge der Digitalisierung des Baugenehmigungsverfahrens rechtssicher geklärt werden müssen. Als verantwortlicher Sachbearbeiter für die Digitalisierung der Bauaufsicht der Wissenschaftsstadt Darmstadt sind das die Herausforderungen, die mich neben der technischen Lösung am meisten beschäftigen.

Im Übrigen ist das Arbeiten bei der Bauaufsicht spannend und im wahrsten Sinne des Wortes abwechslungsreich, da wir oft auch vor Ort schnell agieren müssen. Auszubildende und Referendare spiegeln uns immer wieder, dass sie sich die Vielfältigkeit der Aufgaben der Bauaufsicht so nicht vorgestellt haben.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

1994 begann ich meine Laufbahn mit einer Ausbildung zum Bauzeichner in einem Architektur- und Ingenieurbüro. Von 1997 bis 2001 studierte ich dann Konstruktiven Ingenieurbau an der Fachhochschule in Darmstadt.

Bis 2007 arbeitete ich anschließend als Ingenieur in dem Büro in dem ich auch meine Ausbildung zum Bauzeichner absolviert habe. Im Sommer 2007 wechselte ich schließlich zur Bauaufsicht der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

Gebäude und Architektur haben mich schon sehr früh interessiert. Auch mein Schülerpraktikum machte ich damals schon in einem Architekturbüro. Mein Urgroßvater hatte ein Bauunternehmen. Zwar hatten mein Großvater und mein Vater dann nichts mehr mit dem Bauen zu tun, aber vielleicht liegt es mir irgendwie in den Genen.

Besonders reizvoll ist der Umstand, dass es sich bei jedem Gebäude um ein Unikat handelt. Der Job wird also nie langweilig und ist sehr abwechslungsreich. Man baut nie zweimal das gleiche Gebäude. Selbst bei Reihenhäusern können sich der Baugrund oder die äußeren Umstände von Haus zu Haus ändern.

Welche Wege geht Ihr Arbeitgeber in punkto Personalgewinnung und des Personalerhalts?

Ich denke, dass in der heutigen Zeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle spielt. Mit einem breiten Angebot für Eltern, von der Ferienbetreuung bis hin zum Kindergartenplatz, nimmt die Wissenschaftsstadt Darmstadt mit Sicherheit eine Vorreiterrolle ein. Für mich persönlich sind die flexiblen Arbeitszeiten, im Rahmen der Möglichkeiten, von großer Bedeutung.

Die betriebliche Zusatzversorgung oder das hervorragende betriebliche Gesundheitsmanagement, mit vielen Angeboten von Hautscreening bis hin zur Möglichkeit von jährlichen Grippeschutz-Impfungen oder der Teilnahme an Betriebssportgruppen, sind weitere Faktoren, welche die Wissenschaftsstadt Darmstadt als Arbeitgeber attraktiv machen.

Ebenso wird großer Wert auf die Weiterbildung gelegt. Es gibt eine Vielzahl an internen Fortbildungsmöglichkeiten. Aber auch die Teilnahme an externen Seminaren oder Vorträgen wird groß geschrieben. Speziell die Baubranche entwickelt sich schnell weiter, deshalb ist es wichtig, immer am Ball zu bleiben und den Stand der Technik im Auge zu behalten.

Ein weiterer Trumpf ist natürlich das Jobticket. Mit diesem kann der komplette ÖPNV im Rhein-Main-Verkehrsverbund kostenlos genutzt werden, natürlich auch privat. An Wochenenden und nach 19 Uhr kann ich mit meinem Ticket auch noch einen Erwachsenen und beliebig viele Kinder kostenfrei mitnehmen. Für die Fahrt in die Stadt bleibt so das Auto auch am Wochenende in der Garage. Das schont die Umwelt und den Geldbeutel.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Um erfolgreich zu planen und zu bauen, kommt es in Zukunft darauf an,...

...digital vernetzt zu sein. Reibungspunkte zwischen den unterschiedlichen Gewerken können so schon frühzeitig erkannt und in der Planung berücksichtigt werden.

In welche Technik bzw. IT investiert Ihr Arbeitgeber und wie digitalisiert sind Sie in Ihrem Job?

Die Digitalisierung in der Baubranche und speziell im Baugenehmigungsverfahren spielt, wie erwähnt, für uns eine zentrale Rolle. Im Rahmen des Online-Zugangs-Gesetzes muss es der Bürgerschaft bis Ende 2022 ermöglicht werden, Bauanträge über einen digitalen Zugang zu stellen. Zurzeit arbeiten wir mit Hochdruck daran, diese Vorgaben umzusetzen.

Natürlich investieren wir als Digitalstadt in die entsprechenden IT-Lösungen. Angefangen bei entsprechenden Servern samt ausreichendem Speicherplatz, schnellem und leistungsstarkem Internetzugang oder einem Großformat-Scanner bis hin zu mobilen Endgeräten, um digital erstellte Baugenehmigungen auch für die Baukontrollen vor Ort zugänglich zu machen, wird die technische Ausstattung der Bauaufsicht zurzeit auf den neusten Stand gebracht.

Aber die Digitalisierung hört nicht bei eingereichten Antragsunterlagen im PDF-Format auf. Zusammen mit dem Institut für Numerische Methoden und Informatik im Bauwesen der Technischen Universität Darmstadt arbeitet die Bauaufsicht der Wissenschaftsstadt Darmstadt an der Zukunft des Bauens und der Vernetzung der Baugewerke und der am Bau Beteiligten mit.

Welche Aufgaben haben Politik und Verwaltung beim Thema Planen und Bauen in den nächsten Jahren vorrangig zu erfüllen?

Um steigenden Mieten und der Wohnungsknappheit in den Ballungsgebieten entgegenzuwirken, sollten die Genehmigungsverfahren schlank und schnell gehalten werden. Dies hat der Gesetzgeber mit der Einführung des vereinfachten Baugenehmigungsverfahrens nach § 65 Hessischer Bauordnung versucht.

Leider zeigt die Erfahrung, dass viele Planerinnen und Planer mit der Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften überfordert sind. Aufgrund dieser Überforderung werden unzureichende Antragsunterlagen bei uns eingereicht. Die Folge davon ist, dass sich die Laufzeiten der Verfahren verlängern. Im Übrigen ist das ein hessenweites Problem.

Ziel der Politik sollte es also sein, die gesetzlichen Vorschriften klar zu definieren und leicht verständlich zu formulieren. Das erleichtert und beschleunigt die Prüfung im Genehmigungsverfahren, was wiederum der Bauherrschaft Planungssicherheit gibt und die Qualität der Ausführung auf der Baustelle sichert.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Wenn man als Sachbearbeiter Bauordnungsrecht bei der Bauaufsicht arbeitet, ist es von essentieller Wichtigkeit, bei sich ändernden Richtlinien und technischen Baubestimmungen auf dem neusten Stand zu sein. Ich kann weder die am Bau Beteiligten ordnungsgemäß beraten noch abweichende Ausführungen auf der Baustelle erkennen wenn ich bautechnisch veraltete Informationen nutze.

Fortbildungen sind also ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Die Bürgerschaft oder Fachplanende, welche für eine Beratung in bauordnungsrechtlichen Fragen zu mir kommen, erwarten schließlich, dass sie eine fachlich fundierte und rechtlich korrekte Auskunft von mir erhalten, auf die sie sich bei der weiteren Planung verlassen können.

Gerade wird die Holzbau-Richtlinie aktualisiert, um den nachwachsenden Rohstoff Holz zukunftsweisend beim Bauen einsetzen zu können. Die Teilnahme an Schulungen zur Anwendung der Muster-Holzbau-Richtlinie sind also für mich unerlässlich.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

In meiner Freizeit genieße ich es mit den Händen zu arbeiten. Mein über 60 Jahre alter VW Käfer bietet mir dafür zahlreiche Möglichkeiten.

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Quellen-und-Verweise  QUELLEN UND VERWEISE:
https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/baurecht/bgh-staatlich-anerkannter-pruefingenieur-haftet-privatrechtlich/2848.htm
https://www.bauingenieur24.de/nocache/suche/search.htm?target=job&q=Mina-Rees
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