Fachbeiträge & Interviews
Montag, 26. August 2019
Ausgabe 6580 | Nr. 238 | 19. Jahrgang
Autor: Susann Barczikowski
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Auf Bachelor und Master einstellen

# 11.10.2010

2009 gab es an deutschen Hochschulen zum letzen Mal die Möglichkeit, sich für einen "Diplom-Studiengang" einzuschreiben. Denn mit Überführung in die Bachelor- und Masterstudiengänge an Universitäten, Fachhochschulen und Technischen Hochschulen gelten die renommierten Diplom-Studiengänge zunächst als abgelöst.

Bachelor und Master im Vergleich mit den Diplomstudiengängen, Abb.: Prof. Gunnar Santowski, FH Frankfurt am Main Bachelor und Master im Vergleich mit den Diplomstudiengängen, Abb.: Prof. Gunnar Santowski, FH Frankfurt am Main

Von insgesamt 46.900 Studierenden im Bauingenieurwesen hatten sich 2009 noch rund 1.250 für den Diplom-Studiengang eingeschrieben, knapp 8.300 entschieden sich bereits für die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge. Personalverantwortliche müssen sich daher in den nächsten Jahren stärker mit der Frage beschäftigen: Stelle ich einen Diplom-Ingenieur, einen Bachelor oder einen Master ein? Denn bis voraussichtlich 2014/15 strömen Absolventen nach alter und neuer Studienausrichtung auf den Markt.

Bachelor und Master
Die Bachelor- und Master-Studiengänge wurden im so genannten Bologna-Prozess unter Beteiligung von 29 europäischen Bildungsministerien seit 1998 entwickelt und bis einschließlich 2010 als zweistufiges Studienmodell an allen bundesdeutschen Hochschulen eingeführt. Eine Ausnahme bildet Sachsen: Die TU Dresden bietet allen Reformen zum Trotz im Wintersemester wieder 16 Diplom-Studiengänge an.

Mit den neuen Abschlüssen will man innerhalb der europäischen Union in erster Linie vergleichbare, einheitliche Hochschulabschlüsse erzielen. Darüber hinaus sollen Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und eine allgemein bessere Beschäftigungsfähigkeit erreicht werden.

Der Begriff "Bachelor" leitet sich aus dem Englischen ab und bedeutet übersetzt Junggeselle. Der "Master", engl. master bzw. Meister, ist ein akademischer Grad, den Hochschulabsolventen (aufbauend auf dem Bachelor) als Abschluss einer zweiten wissenschaftlichen Ausbildung erlangen. Nach Abschluss ihres Studiums entsprechend ihres akademischen Grades tragen die Absolventen dann die Bezeichnung Bachelor of Engineering (B.Eng.) bzw. Master of Engineering (M.Eng.).

Leistungspunkte nach ECTS

Die neuen Studiengänge basieren auf dem Erwerb von ECTS-Punkten (European Credit Transfer and Accumulation System), die die Leistungen von Studierenden vergleichbar machen sollen. Für ein Bachelor-Studium, einem Vollzeitstudium von sechs Semestern, sind mindestens 180 Leistungspunkte vorgeschrieben. Der Master-Studiengang kann danach erfolgen. Er dauert je nach Ausrichtung (Vollzeitstudiengang oder berufsbegleitend) zwei- bis vier Semester. Schließt der Studierende das Master-Studium ab, kann er die Promotion anstreben (siehe Abb. 1).

Studierende unter Druck

Für Prof. Dipl.-Ing. Gunnar Santowski, Studiendekan der FH Frankfurt am Main und Mitglied des Fachausschusses im Bauingenieurwesen ASBau (Akkreditierungsverbund für Studiengänge des Bauwesens), gibt es zwei Sichtweisen. Positiv steht der Professor den formalen Änderungen gegenüber, die eine Gleichstellung zu Abschlüssen anderer Bildungseinrichtungen und anderen Bildungsgängen bedeuten.

Kritisch sieht Santowski, der den Bologna-Prozess in mehreren Funktionen begleitete, die verkürzte Studienzeit, die zu Lasten des Praxissemesters geht. Auch sei der Druck auf die Studierenden größer. Von früher 14 Wochen studienfreier Zeit blieben heute nur noch vier Wochen. Da viele Studenten arbeiten müssten, weil sie von zuhause keine Unterstützung bekommen oder bereits eine eigene Familie haben, sei auch die Regelstudienzeit von sechs Semestern nicht einzuhalten. Habe die frühere Studienzeit im Ingenieurwesen 10,5 Semester betragen, so seien für den Bachelor-Studiengang sieben bis acht Semester realistisch.

An der FH in Frankfurt haben seit dem Sommersemester 2007 zwei Absolventenjahrgänge das Bachelor-Studium abgeschlossen. Laut Studiendekan Santowski ist die Hälfte davon in Ingenieurbüros "untergekommen", die andere Hälfte belegte den Master-Studiengang.

Prüfungs- statt erkenntnisorientiert

Durch die kürzeren Studienzeiten habe der Stress für die Studenten erheblich zugenommen, bestätigt auch Prof. Dr.-Ing. Norbert Gebbeken, Lehrstuhlinhaber für Baustatik am Institut für Statik und Mechanik der Universität der Bundeswehr München. Die Folge: Für ein Auslandssemester bliebe den Studenten kaum noch die Zeit.

Auch das Lernen der Studieninhalte habe sich mit der Einführung des neuen Studienmodells grundlegend verändert. Gebbeken nennt es "Bulimielernen". "Wegen der zahlreichen Prüfungen lernen die Studenten nur mehr prüfungsorientiert, nicht mehr erkenntnisorientiert. Im Mittelpunkt steht allein das Prüfungswissen, was aber nicht mit Bildung verwechselt werden darf", berichtet Gebbeken. Der Bologna-Prozess sei eine Abwendung vom Humboldtschen Bildungsideal. Der Ingenieursstudiengang sei noch schwieriger geworden und die bereits hohe Abbrecherquote sei noch einmal gestiegen. Nun bliebe ein Drittel bis die Hälfte der Studenten auf der Strecke.

Dass der Bachelor-Studiengang vor allem in der praktischen Ausbildung deutlich gestrafft wurde, bemängeln auch Berufsverbände und Ingenieurvereinigungen wie beispielsweise der ASBau: Der neue Abschluss sei ein Versuch, einen großen Teil der Ausbildung in das Berufsleben zu verlagern. Bisher hatten sich Diplom-Ingenieure (FH) durch das praktisch orientierte Fachhochschulstudium von dem eher akademisch ausgebildeten Ingenieur mit Universitätsabschluss abgegrenzt.

Markenzeichen Dipl.-Ing. erhalten

Mit den Bachelor- und Masterabschlüssen würde das "Markenzeichen" Diplom-Ingenieur verschwinden, das sowohl hierzulande als auch im Ausland große Anerkennung genießt. "Deutsche Diplomingenieure sind international hoch angesehen. Für die global agierenden unabhängigen Ingenieurunternehmen ist der Titel Dipl.-Ing. ein wesentliches Qualitäts- und Alleinstellungsmerkmal", sagt der Hauptgeschäftsführer vom Verband Beratender Ingenieure, Dipl.-Ing. Klaus Rollenhagen.

Deshalb unterstützen führende Ingenieurverbände den Versuch der TU9 (neun führende deutsche Universitäten), den Titel Dipl.-Ing. zu erhalten. Künftig soll der Titel Diplom-Ingenieur parallel zum Masterabschluss verliehen werden.

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