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Donnerstag, 15. November 2018
Ausgabe 6296 | Nr. 319 | 18. Jahrgang
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Bauwirtschaft in Hessen gegen BIM-Pflicht

# 18.08.2017

Verbände fordern Beschränkung der Methode auf Großprojekte. Marktverengung durch übereilte Digitalisierung befürchtet. Eigenes Bauministerium als Ziel für Landtagswahl 2018

Hessische Bauverbände bringen sich in Stellung

In Hessen ist die Bauwirtschaft für ein eigenes Landesministerium und gegen BIM um jeden Preis. Foto: Sandro A. Immanuel / Pixelio In Hessen ist die Bauwirtschaft für ein eigenes Landesministerium und gegen BIM um jeden Preis. Foto: Sandro A. Immanuel / Pixelio

Mit Blick auf das Ende der Legislaturperiode eines Bundes- oder Landesparlaments verknüpfen sich stets Bemühungen der Berufsverbände, die eigenen Interessen auch unter einer möglichen neuen Regierung gewahrt bzw. noch stärker vertreten zu sehen.

Während das große Stühlerücken im deutschen Bundestag unmittelbar bevorsteht, blickt man in Hessen diesbezüglich bereits auf die Landtagswahl im kommenden Jahr.

Was nach dieser im Sinne der Bauwirtschaft anders und vor allem besser laufen soll, weiß Andreas Ostermann, 1. Vorsitzender des Bundes Deutscher Baumeister (BDB) in Frankfurt am Main, heute schon:

"Wir brauchen ein Bauministerium, das die Zuständigkeiten Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung zusammenfasst."

BDB: Fehlendes Bauministerium bremst Wohnungsbau

Bislang gebe es diesen einen festen Ansprechpartner in der Regierung leider nicht. Stattdessen herrschten geteilte Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Ministerien. Gerade die geplanten Investitionen in den hessischen Wohnungsbau in Höhe von 1,2 Milliarden Euro bis 2019 würden dadurch gebremst.

Um die eigene Schlagkraft zur Durchsetzung solcher und anderer Forderungen zu erhöhen, trat der BDB unlängst als 76. Mitglied der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) bei. Insgesamt vertritt dieser Dachverband der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände in Hessen rund 150.000 Unternehmen mit rund 1,5 Millionen Beschäftigten.

Dachverband der hessischen Wirtschaft mit eigenem Bauausschuss

"In der VhU ist nahezu die gesamte Wirtschaft in Hessen organisiert. Mit dem Bauausschuss in der VhU gibt es ein branchen- und regionenübergreifendes Gremium, das wichtige Impulse für die Entwicklung der politischen und rechtlichen Rahmensetzungen in der Bau- und Immobilienpolitik geben kann. Was von hier kommt, ist Mehrheitsmeinung in der Bauwirtschaft in Hessen. Da wollen wir dabei sein und mitwirken", beschreibt Ostermann die Bedeutung der gemeinsamen Verbandsarbeit für eine bessere Baupolitik.

Der Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, Wolf Matthias Mang, sieht in dem neuen Mitglied eine kompetente Verstärkung: "Der BDB wird in der VhU das Gewicht der Dienstleistungswirtschaft stärken, die neben der Industrie eine wachsende Säule ist."

Probleme bei Umstellung auf E-Vergabe

Neben dem Ziel eines eigenen Bauministeriums engagieren sich die hessischen Bauverbände dafür, dass die Digitalisierung ihrer Branche nicht allein die Bedürfnisse von Großkonzernen befriedigt. Vielmehr sei auf die mittelständisch geprägte Bauwirtschaft Rücksicht zu nehmen.

"Wir wollen uns der Digitalisierung im Bauwesen nicht verschließen. Aber die elektronische Ausschreibung bzw. E-Vergabe, die seit letztem Jahr verpflichtend ist, hat bereits bei vielen kleineren Unternehmen zu Umstellungsschwierigkeiten geführt", erklärt Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbandes baugewerblicher Unternehmer in Hessen.

VhU-Bauausschuss: BIM-Pflicht schadet innerdeutschem Wettbewerb

Vermehrte Kritik äußern die Verbandsvertreter in diesem Zusammenhang an der in ihren Augen übereilten verbindlichen Einführung des Building Information Modeling (BIM) für mittlere Bauvorhaben. "Das nötige Know-how und geschultes Personal fehlen den kleinen und mittelständischen Baubetrieben genauso wie den öffentlichen Auftraggebern", gibt der stellvertretende Vorsitzende des erwähnten VhU-Bauausschusses, Thomas M. Reimann, zu bedenken.

Er und seine Verbandskollegen sehen durchaus die Gefahr, dass verpflichtende digitale Bauprozesse zu einer Verengung des Marktes auf große nationale und internationale Baukonzerne führen könnten, was dem Mittelstand und damit auch dem Wettbewerb in Deutschland schaden würde.

Übereilte Reform der Studienabschlüsse als warnendes Beispiel

Nach Einschätzung des BDB-Vorsitzenden Ostermann braucht es zunächst langfristige Erfahrungen aus Modellprojekten, welche zeigen müssten, ob die Erwartungen sich auch mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln erfüllen lassen. "Deswegen sollte BIM zunächst auf Großprojekte beschränkt bleiben", so Ostermann.

Ihn erinnere derzeit die Diskussion um BIM an die Reform der Studienabschlüsse an den Hochschulen, den so genannten "Bologna-Prozess". "In einer großen politisch gewollten Anstrengung sollte ein einheitlicher Europäischer Hochschulraum geschaffen werden, mit harmonisierten und vereinfachten Studiengängen. Im Ergebnis ist die Hochschullandschaft in Deutschland so unübersichtlich wie nie zuvor und das Wechseln von Hochschule zu Hochschule deutlich schwieriger."

Am Ende habe niemand etwas von einer raschen BIM-Implementierung, welche keinen echten Nutzen bringt sondern das Bauen, insbesondere im Mittelstand, komplizierter macht.

2017-08-22 BIMpflicht Bauwirtschaft Hessen Landtagswahl Bauministerium Bundes Deutscher Baumeister BDB Andreas Ostermann Wohnungsbau Vereinigung Digitalisierung E-Vergabe Ausschreibung Unternehmerverbände VhU Arbeitgeber Mittelstand Bauausschuss Baupolitik Immobilienpolitik Dienstleistungswirtschaft Politik BIM https://www.bauingenieur24.de/fachbeitraege/politik/bauwirtschaft-in-hessen-gegen-bim-pflicht/2965.htm 653 de-DE
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