Fachbeiträge & Interviews
Donnerstag, 03. Dezember 2020
Ausgabe 7045 | Nr. 338 | 20. Jahrgang
Autor: Fabian Hesse
Herausgeber: bauingenieur24 Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Nordrhein-Westfalen: Ingenieure lehnen »Lego-Brücken« ab

# 10.08.2015

Bauminister für Übernahme des niederländischen Konzepts. Ingenieurkammer hält Bauweise als Bestandsbrückenersatz für ungeeignet. Präsident sieht größeres Einsparpotenzial bei Planfeststellungsverfahren

Branche spricht sich gegen Einheitsbrücken aus

Für Ingenieure gilt: Jede Brücke ist anders. Alte Brücken durch vorgefertigte neue Lego-Brücken zu ersetzen, lehnt die Ingenieurkammer NRW daher ab. Foto: Gerhard Giebener  / Pixelio Für Ingenieure gilt: Jede Brücke ist anders. Alte Brücken durch vorgefertigte neue Lego-Brücken zu ersetzen, lehnt die Ingenieurkammer NRW daher ab. Foto: Gerhard Giebener / Pixelio

Für die meisten Bauingenieure ist das Planen und Bauen eines Bauwerks, das als Unikat gelten kann, einer der wichtigsten Gründe für ihre Berufswahl. Standardisierte Lösungen und das Bauen nach "Schema F" laufen dem zuwider. Dennoch gibt es Bestrebungen, die Produktion von Bauwerken möglichst einheitlich und damit kostengünstig zu gestalten.

Ein Beispiel liefern standardisierte, vorgefertigte Brückenbauwerke nach dem niederländischen "Lego-Prinzip". Während der nordrhein-westfälische Bauminister Michael Groschek (SPD) dieser Bauweise durchaus etwas abgewinnen kann, teilt der Präsident der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen diese Begeisterung nicht: "Diese Konstruktionen sind kaum als Ersatz für bestehende Brücken in NRW geeignet", äußerte sich Heinrich Bökamp skeptisch, nachdem Minister Groschek nach einem Besuch im Nachbarland von der "Lego-Bauweise" schwärmte. Neben Sicherheitsfragen sieht der Kammerpräsident vor allem den wirtschaftlichen Aspekt kritisch.

Nach Groscheks Ansicht verspricht das "Lego-Prinzip" schnelle Lösungen für den Ersatz maroder Brücken in Nordrhein-Westfalen. Den Wunsch nach schnellen Lösungen für marode Brückenbauwerke begrüßt der Kammerpräsident ausdrücklich. Dafür müsse aber keine Bauweise importiert werden, die nicht "unseren Qualitäts- und Sicherheitsstandards" entspräche.

Kammerpräsident: Verbesserung durch kürzere Planungsphasen anstreben

"Weniger als 40 Prozent der Zeit, die in Deutschland für die Realisierung einer Brücke notwendig ist, entfällt auf den eigentlichen Bau. 60 Prozent werden für die Planungsphase, beispielsweise für sehr lange Planfeststellungsverfahren, benötigt", so Bökamp. "Wir sind gern bereit, in einer Task Force mitzuarbeiten, die Lösungen für eine deutliche Verkürzung dieser Zeitspannen entwickelt und damit zu einer schnelleren Verbesserung der maroden Infrastruktur beiträgt."

In einem Modellversuch soll aktuell untersucht werden, ob modular zusammengesetzte Brücken für den Ersatz alter Brücken geeignet sind. Bökamp warnt hierzu vor falschen Hoffnungen: "Ein solches Konstruktionsverfahren nach Baukastensystem kann dann sinnvoll sein, wenn es in Serie verwendet wird und an jedem Standort die Rahmenbedingungen hierfür optimal, also möglichst gleich sind."

Sicherheitsstandards und finanzielle Vorteile nicht gewährleistet

Das sei dann der Fall, wenn beispielsweise zuerst die Brücke gebaut und danach die Zufahrtswege angepasst werden. Die aktuelle Situation in NRW sei aber das genaue Gegenteil, erläutert der Ingenieur. "Jede Brücke ist anders, die Spannweiten unterscheiden sich, die jeweilige Einbindung in die Umgebung ebenfalls. Wir haben höchst individuelle Voraussetzungen, an die sich die Brücke jeweils anpassen muss. Mit vorgefertigten Elementen kommt man da nicht weit, da die vor Ort vorhandenen Verhältnisse zuerst den Randbedingungen des Baukastensystems angepasst werden müssen.

Auch gibt Bökamp zu Bedenken, dass vermutete finanzielle Vorteile sich schnell ins Gegenteil umdrehen dürften und die niederländischen Konstruktionen in Teilen den in NRW aktuell geltenden Sicherheits- und Konstruktionsstandard nicht erfüllten.

Schnelle Bauweise kein Heilmittel gegen versäumte Investitionen

Bedenklich findet der Kammerpräsident auch die Bauweise an sich: "Wir wissen, dass insbesondere Fugen immer neuralgische Punkte sind. Sie sind wartungs- und damit kostenintensiv." Bei der niederländischen "Lego-Bauweise" gäbe es viele Fugen, was die zunächst vielleicht preiswerten Brücken auf Dauer ebenfalls schnell zu aufwändigen und teuren Bauwerken machen könne.

"Tatsache ist, dass über Jahrzehnte hinweg die Beanspruchungen kontinuierlich gestiegen sind und parallel zu wenig Geld in den Unterhalt unserer Infrastruktur investiert wurde", so Bökamp weiter. Diese Versäumnisse jetzt mit Maßnahmen kompensieren zu wollen, bei denen die nächsten Probleme systembedingt schon absehbar seien, halte er für unklug und auf Dauer nicht wirtschaftlich.

Baukultur wird in Frage gestellt

Letztlich, so der Ingenieurkammerpräsident, müsse sich die Gesellschaft eine wichtige Frage stellen: "Möchten wir in einer gebauten Umwelt leben, die vielerorts standardisierte Einheitsbrücken mit relativ bescheidenem gestalterischen Anspruch aufweist?" Bökamp ist sicher, dass baukulturell ein solches Szenario nicht erstrebenswert ist.

Bökamps Kritik in punkto Brückensanierung und Infrastruktur bezieht sich neben den Bauweisen auch auf die Art der Finanzierung: "Wir sehen an laufenden Projekten, dass öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) in erster Linie dazu führen, dass die bewährte Trennung von Planung und Ausführung geopfert wird. Die ingenieurmäßig sinnvolle Lösung gerät unter das Diktat von Budget und Renditewunsch."

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