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Donnerstag, 09. Dezember 2021
Ausgabe 7416 | Nr. 343 | 21. Jahrgang
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Autor: Christian Wieg
Herausgeber: bauingenieur24® Informationsdienst email-weiterempfehlendruckansicht

Deutscher Stahlbaupreis 2006 vergeben

# 28.06.2006

Prof. HG Merz Architekten erhalten für die Gedenkstätte "Station Z" beim ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg den mit 10.000 Euro dotierten Preis des Deutschen Stahlbaues 2006

Entwurfskonzept

Das Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg diente von 1936 bis 1945 der Ausbildung der KZ-Kommandanten und SS-Mannschaften und als Experimentierfeld für die Perfektionierung des KZ-Systems. Nach der Befreiung wurden durch unterschiedliche Nutzungen die authentischen Spuren fast völlig getilgt. Ein überdimensionales Betondach auf 9 m hohen Pylonen überspannte als Ergebnis der Mahn- und Gedenkstättengestaltung von 1961 die Relikte des ehemaligen Krematoriums der an das Lager angrenzenden "Station Z". Der zum Zeitpunkt des Wettbewerbs 1999 vorgefundene Ort war geprägt durch eine ebenso monumentale wie flüchtige Atmosphäre. Ziel der Neukonzeption des Gesamtgeländes der Gedenkstätte war es, den verstellten Blick auf den eigentlichen Ort wiederzuerlangen. Das Augenmerk soll auf die wenigen originalen Relikte der NS-Lagerzeit gerichtet werden.

Tragwerk

Das Augenmerk des Besuchers soll durch die Neugestaltung auf die wenigen originalen Relikte der NS-Lagerzeit gerichtet werden, Foto: Prof. HG Merz Architekten Das Augenmerk des Besuchers soll durch die Neugestaltung auf die wenigen originalen Relikte der NS-Lagerzeit gerichtet werden, Foto: Prof. HG Merz Architekten

Das Primärtragwerk der 4,10 m hohen Schutzhülle überspannt freitragend eine Fläche von etwa 37,40 m x 39,40 m. Die untere Begrenzung der Wände endet 60 cm über der Geländeoberkante. Das Tragwerk besteht aus einem räumlichen Stahl-Fachwerksystem mit geschweißten Knotenverbindungen, dessen Homogenität durch eine 22 m x 10 m große Öffnung innerhalb des Daches unterbrochen wird. Die Dachebene besteht aus einem räumlichen Fachwerk mit Gurtquerschnitten 80 x 80 mm, Diagonalen d 20 - 30 mm und Pfosten aus 40 x 40 mm Quadratrohrprofilen in einem regelmäßigen Raster von 1 m. Der Abstand zwischen Ober- und Untergurtebene beträgt 87 cm (Achsmaß). Durch den Übergang von Vollquerschnitten auf Hohlprofile mit unterschiedlichen Wandstärken werden die Gurtprofile dem Beanspruchungsverlauf wirtschaftlich angepasst, gleichzeitig aber die architektonisch vorgegebenen äußeren Maße (80 x 80mm) beibehalten.

Raster und Querschnitte der Wände entsprechen den Abmessungen der Dachebene. Jede Wand besteht aus 2 Fachwerkebenen, die im Abstand von 87 cm hintereinander angeordnet sind. Die Fachwerkdiagonalen der Wandebenen laufen über drei Felder hinweg und werden als Voll- bzw. Rohrquerschnitte mit d 48 mm (Innenwand) bzw. d 38 mm (Außenwand) ausgeführt. In der untersten Ebene sorgt ein horizontaler Verband für die Abtragung der Horizontallasten zu den Auflagerpunkten, an denen die beiden Wandscheiben durch Auflagerträger miteinander verbunden sind. Die Auflagerung erfolgt auf 8 Betonsockeln (in der Regel in einem 6 m großen Abstand von den Wandecken) mit Elastomerlagern, die quer zur Wandrichtung fest, längs dazu beweglich ausgebildet werden.

Membran

Eine besondere planerische Herausforderung lag darin, die formal bewusst reduzierte kubische Gesamtform mit einem teilweise lichtdurchlässigen Werkstoff zu umhüllen, um ausreichend Licht in den ausschließlich natürlich belichteten Innenraum zu bringen, die Konstruktion aber in den Hintergrund treten zu lassen. Als gleichzeitig großflächiger und teilweise lichtdurchlässiger Werkstoff zum Bekleiden bot sich eine Membran an, die aber in diesem Fall – für das Material untypisch – in planen Flächen allseitig zu verspannen war.

Die Verspannung sollte unsichtbar erfolgen. Zwischen Primärtragwerk und Membran wurde als Auflagerfläche eine Gitterrostebene vorgesehen. Der in diesem Konstruktionszwischenraum erzeugte Unterdruck sorgt für eine kontinuierlich ebene Oberflächenstruktur. Von außen wie von innen präsentiert sich der Schutzbau als ein homogener Körper, dessen teilweise Lichtdurchlässigkeit und Strahlkraft sich nur in Abhängigkeit vom natürlichen Licht zeigt.

Deutscher Stahlbaupreis

Zusätzlich erhielten 10 Objekte im Rahmen des Wettbewerbs eine Auszeichnung. Der Preis des Deutschen Stahlbaues wird alle zwei Jahre vom Verein "Bauen mit Stahl" ausgelobt. Die Preisverleihung erfolgt auf dem Deutschen Stahlbautag am 13. Oktober 2006 in Dresden.

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