Fachbeiträge & Interviews
Montag, 17. Dezember 2018
Ausgabe 6328 | Nr. 351 | 18. Jahrgang
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Müssen kostengünstige Brücken unbedingt hässlich sein – Teil 3b/4

# 18.12.2001

Wege zu kostengünstigen und gut gestalteten Brücken

5.1 Allgemeines: Erarbeitung von Brückenentwürfen

Für die Erarbeitung von Brückenentwürfen sind folgende Verfahren üblich:

  • direkte Beauftragung,
  • beschränkter Entwurfswettbewerb,
  • offener Entwurfswettbewerb,
  • Design and Build - Entwurf und Ausführung,
  • BOT - Build, Operate, Transfer (Bauen, Betreiben und Übergabe an den Bauherrn).

Die Reihenfolge spiegelt in etwa die Möglichkeiten der Einflussnahme des Bauherrn wider.

5.2.1 Bauwerksentwürfe: Direkte Beauftragung

Die direkte Beauftragung eines Ingenieurbüros durch den Bauherrn - in Einzelfällen auch unter Heranziehung eines Architekten und Landschaftsgestalters - war jahrzehntelang die übliche Art der Beauftragung. Das Honorar wurde dabei nach der HOAI festgelegt.

Heute werden Bauwerksentwürfe unter Beachtung der VOF vergeben. Wenn der Bauherr aus oft 50 bis 100 Bewerbern 3 bis 5 für geeignet hält und zu einem Angebot auffordert, spielt das Honorar allen gegenteiligen Aussagen zum Trotz in den meisten Fällen eine entscheidende Rolle, obwohl der Entwurf und die sorgfältige Ausarbeitung der Ausschreibungsunterlagen die wichtigsten Voraussetzungen für eine kostengünstige Lösung und den reibungslosen Bauablauf sind.

Bei diesem Verfahren hat der Bauherr die größte Möglichkeit, im Dialog mit dem Entwerfer zu einem seinen Vorstellungen entsprechenden Entwurf zu kommen. Es bietet u. a. folgende Vorteile:

  • es ist eine frühe und laufende Abstimmung mit allen Beteiligten möglich,
  • erforderliche Zulassungen im Einzelfall können rechtzeitig beantragt werden,
  • es wird eine Grundlage für die Bearbeitung von Sondervorschlägen gebildet.

5.2.2 Mainbrücke Nantenbach

Abb. 9 – Mainbrücke Nantenbach Abb. 9 – Mainbrücke Nantenbach

Die Mainbrücke Nantenbach verbindet die Neubaustrecke Hannover - Würzburg mit der Hauptabführstrecke Würzburg Aschaffenburg und überquert den Main mit einer Mittelöffnung von 208 m.

Zur Erzielung einer ästhetisch befriedigenden Einpassung in das liebliche Maintal - das auf der linken Flussseite von dem Mühlberg mit der Ruine Schönrain begrenzt wird - wurden zunächst zahlreiche Varianten untersucht, und danach für die vier aussichtsreichsten Lösungen Modelle gebaut.

Aufgrund eines Vergleichs dieser Lösungen bezüglich Einpassung in die Landschaft, technischer Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Unterhaltung wurde das untenliegende Fachwerk mit Doppelverbund ausgeschrieben und auch so gebaut.

Durch hohe, nach außen geneigte Gesimse, lange Kragarme, eine klare Ordnung der Fachwerkstäbe, eine ansprechende Farbgebung - Gesimse hell, Stahlkonstruktion resedagrün - und durch den bewussten Verzicht auf modische Attribute wurde eine Brücke geschaffen, deren strenge Formensprache zeitlos gültig ist und die sich trotz ihrer großen Bauhöhe gut in die Landschaft einfügt, Abb. 9. Die intensiven Bemühungen um die Gestaltung dieser Brücke wurde mit dem Ingenieurbau Preis 1994 und dem Stahl-Innovationspreis 1994 belohnt.

Aufgrund der umfangreichen Voruntersuchungen und Abstimmungen wurden Sonderentwürfe mit durchgehendem Stahlobergurt wegen zu großer Bauhöhe sowie mit Spannbetonfachwerk wegen der erforderlichen zahlreichen Zulassungen im Einzelfall ausgeschieden.

5.3.1 Bauwerksentwürfe: Beschränkter (eingeladener) Entwurfswettbewerb

Mit dem Ziel, die schöpferische Kapazität der Ingenieur- und Architekturbüros auf breiter Basis heranzuziehen, werden immer häufiger eingeladene Entwurfswettbewerbe ausgeschrieben, bei denen der Bauherr eine Reihe von bekannten Büros, aber auch einige "no names" einlädt.

Meistens erhalten alle Entwerfer ein geringes Honorar und der Erstplazierte einen Preis; oder es erhalten alle das gleiche Honorar und der Gewinner wird mit der weitergehenden Bearbeitung beauftragt.

5.3.2 Werratalbrücke Hedemünden

Abb. 10 – Werratalbrücke Hedemünden, Entwürfe im Rahmen des Gutachterwettbewerbs Abb. 10 – Werratalbrücke Hedemünden, Entwürfe im Rahmen des Gutachterwettbewerbs

Die von 1935 bis 1937 erbaute und nach dem Krieg wieder aufgebaute Autobahnbrücke überquert das Werratal mit Stützweiten von 80 - 96 - 96 - 80 - 64 = 416 m. Das gewachsene Verkehrsvolumen erforderte Anfang der 1980er Jahre eine Verbreiterung dieser Brücke, gleichzeitig erforderte die Neubaustrecke Hannover - Würzburg eine Überquerung des Werratals in unmittelbarer Nachbarschaft.

Wegen der ungewöhnlich schwierigen und komplexen Planungsaufgabe wurde von den Bauherren ein beschränkter Gutachterwettbewerb ausgelobt, wobei freigestellt war, beide Verkehrsträger auf einer Brücke zusammenzufassen oder getrennte Brücken zu entwerfen. Von den 5 eingeladenen Gutachtergruppen entschieden sich 4 für das gemeinsame Bauwerk, Abb. 10.

In der Jurysitzung wurde mit knapper Mehrheit der Einbrückenlösung des Büros Leonhardt, Andrä und Partner unter Weiterverwendung der alten Pfeiler der Vorzug gegeben.

Wegen der höheren Baukosten, Zweifeln an der Tragfähigkeit der Pfeiler und der Risiken gegenüber unfallbedingten Schäden wurden dann aber doch getrennte Brücken errichtet, wobei aber beide Brücken als Verbundbrücken ausgebildet und auch sonst ähnlich gestaltet wurden.

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